DIE ANKUNFT, Regie Jan Philipp Gloger - Volkstheater Wien
Theater

Schwurbelnde Philosophen, egozentrische Politiker und das große Schweigen

Wie fing das alles an? Jan Philipp Gloger nimmt diese Frage am Volkstheater wörtlich und stellt vier Theatertexte von Elfriede Jelinek chronologisch hintereinander: von Hegel und Heidegger über das Massaker von Rechnitz und die NSU-Morde bis zum Siegestaumel heutiger Rechtspopulisten.

von Aurelia Gruber,

„Die Ankunft“ – eine chronologische Kompilation aus vier Theatertexten von Elfriede Jelinek, aufgeführt im Volkstheater, wurde vom Publikum bei der Premiere mit lang anhaltenden Akklamationen bedacht.

 Wie fing das alles eigentlich an und wo stehen wir heute? Diese Frage rund um das Erstarken der rechten Parteien um den Globus und im Speziellen in Österreich stellen sich derzeit viele Theaterverantwortliche. Von zukünftigen Gesellschafts-Szenarien unter rechten Regierungen über Erklärungsmodelle, welche Faszination der Faschismus auf junge Männer ausübt, von Rückblicken in die Zeit des Nationalsozialismus bis hin zur Aufarbeitung persönlicher Lebensgeschichten reicht die Bandbreite der Inszenierungen. 

DIE ANKUNFT, Regie Jan Philipp Gloger - Volkstheater Wien
Foto: (c) Antonia Mayer

Mit der aktuellen Produktion im Volkstheater geht der Regisseur Jan Philipp Gloger einen anderen, interessanten Weg. Er nimmt die Frage, wie das alles anfing, wörtlich: Statt ein einzelnes Szenario zu entwerfen, verfolgt er die Ereignisse und gesellschaftlichen Wandlungen in Österreich und Deutschland anhand von vier Theaterstücken der Autorin. Zwischen dem ersten Bild, in welchem Jelineks WOLKEN.HEIM kondensiert in Szene gesetzt wird und dem letzten mit dem Titel DAS LEBEWOHL – NEIN, DIE ANKUNFT sind zwei Dramen eingebettet, welche konkrete Ereignisse behandeln. Gekürzt stellt er diese hintereinander, chronologisch geordnet und mit einem Bühnenbild versehen (Marie Roth), das klug den Gedankengang visualisiert, dass der Jetzt-Zustand einer ist, der sukzessive auf Vergangenem aufbaut. 

Es würde von Vermessenheit zeugen, Jelineks kunstvolle Sprachprodukte auch nur ansatzweise wiedergeben zu wollen. Auch Zitate werden hier absichtlich nicht wiedergegeben. Ihre Sprachgewalt muss gehört und gesehen werden, um das in Gang zu setzen, was beabsichtigt ist. Nach-denken, benennen, das Schweigen aufbrechen und Täterinnen und Täter benennen und zur Verantwortung zu ziehen. Für viele Nachgeborene, so scheint es, ist dies bis heute dennoch unmöglich. 

DIE ANKUNFT, Regie Jan Philipp Gloger - Volkstheater Wien
Foto: (c) Antonia Mayer

Mit großem Ensemble und stilistisch unterschiedlichen Szenen erschließt sich dem Publikum ein spezieller Blick auf die heutige politische Lage. Gleich zu Beginn, in WOLKEN.HEIM wird diese aus einem philosophischen Unterbau abgeleitet, der die nationale Abgrenzung nach außen wie nach innen rechtfertigen soll. Seine Wurzeln reichen bis zu Hegels Staatsphilosophie zurück, in welcher der Staat über dem Individuum steht. In Martin Heidegger fand dieses Denken schließlich einen seiner Hauptadepten, grandios von Tjark Bernau gespielt. Er trägt ein schwarzwäldlerisches Philosophenkostüm, ergänzt durch Bergschuhe, Wanderrucksack und einen Hut mit Gamsbart. (Kostüme Franziska Bornkamm und Anna Lechner) Dass diese Linie keine vergangene, rein historische ist, wird in einem Zitat von Herbert Kickl deutlich, der sich rühmt, die Dialektik Hegels ganz in sich aufgenommen zu haben. Ebenso spannt der Regisseur den Bogen bis zu weiteren, heutigen Politikern rechter Couleur, die sich auf die kommenden Jahre, bereits siegessicher in der Erstarkung ihrer Bewegung, freuen.

Wie schnell aus dieser Denkfigur Praxis wird, erlebt das Publikum unmittelbar:  Das Ensemble wählt zwei Menschen aus eine der vorderen Reihen aus, schreit laut durcheinander und beschimpft sie derart, dass sie den Saal verlassen. So unangenehm die Szenerie auch aufgebaut ist, dass hier eingeweihte Menschen attackiert wurden, die zum Theater gehören, bleibt dennoch deutlich. 

DIE ANKUNFT, Regie Jan Philipp Gloger - Volkstheater Wien
Foto: (c) Antonia Mayer

Von der Philosophie wechselt der Abend in die Geschichte, genauer: zu konkreten Verbrechen.  In RECHNITZ – DER WÜRGEENGEL kommen ausschließlich die Bediensteten der Gräfin Batthyány zu Wort, die über das Geschehen rund um die Ermordung von 180 ungarischen Juden berichten, die im Anschluss eines Festes auf Schloss Rechnitz erschossen wurden. Sowohl in dieser Szenerie als auch in der darauffolgenden mit dem Titel DAS SCHWEIGENDE MÄDCHEN verlagern sich die Handlungen jeweils ins Persönliche.

 Trotz der gekonnt vorgenommenen Textkürzungen bleibt Jelineks Aussage immer klar und deutlich und kann folgend beschrieben werden: Fanatismus, Mitläufertum, der Wille, sich über andere zu erheben und unbändige Ego-Trips bilden bis heute ein soziales Gebräu, das zum Himmel stinkt. Dazu kommt der Hang zum Verdrängen und Verschweigen. Umgesetzt wird dies besonders gelungen in einer Rechnitz-Szene, in welcher der Regisseur eine der Schauspielerinnen in kurzer Zeit altern und sterben lässt – mit dem eisernen, bis zum Schluss durchgehaltenen Willen, nichts über die Massenerschießung Außenstehenden zu erzählen.

 Noch eindringlicher wird das Schweigen in einem wortlosen Moment: Diesen liefert Andrej Agranovski. 180-mal schlägt er seine Metallschaufel hart auf den Bühnenboden. 1 Schlag für jeden ermordeten Juden, 180 für all jene, die in Rechnitz niedergemetzelt wurden und bis heute namenlos geblieben sind. Während dieser ungefähr 3-minütigen, wortlosen Handlung ist aus dem Publikum kein einziger Laut zu vernehmen, kein Husten, kein Räuspern. Das sitzt und die damit ausgelösten Emotionen sind mit dem Wort einprägsam unterdotiert beschrieben. 

DIE ANKUNFT, Regie Jan Philipp Gloger - Volkstheater Wien
Foto: (c) Antonia Mayer

Vom Schweigen über die Opfer führt der Abend zum Schweigen einer Täterin. Der dritte Abschnitt durchleuchtet den Hintergrund der Morde an Immigranten durch zwei NSU-Täter in Deutschland sowie den Prozess gegen Beate Zschäpe. Die Abgründe von Tätern und Täterinnen, die sich dabei auftun, lassen sich schwer bis gar nicht nachvollziehen.

So wortkarg sich im dritten Bild die Mittäterin der NSU-Morde, Beate Zschäpe, auch gibt – während ihres Prozesses war nichts von ihr zu vernehmen, so gesprächig gestaltete Jelinek aber den Dialog ihrer beiden Katzen. Der Sukkus daraus, dass der Mensch zwar das Göttliche und das Tierische beschreiben und nachvollziehen könne, das Menschliche aber auf dieser Welt nicht vorkomme, klingt nicht nur brutal, sondern ist es in seiner Konsequenz auch.  Die Brutalität, zugleich aber auch Absurdität, die hinter all den Morden stehen, die von der NSU-Zelle zu verantworten sind, werden in diesem Dialog messerscharf analysiert und durch die Umsetzung im Katzenkostüm noch verstärkt. Das Geschehen auf der Bühne erfährt eine kontinuierliche Steigerung ins Absurde, wenngleich klar wird, dass das Absurde längst in unserer Realität angekommen ist.

DAS LEBEWOHL – NEIN: DIE ANKUNFT ist das vierte und letzte Drama an diesem Abend, in dessen Titel schon klar wird, dass die vergangen geglaubten Geister sich nicht verabschiedet haben, sondern im Hier und Jetzt richtig angekommen sind. Ausgelassen und siegestaumelnd lässt Gloger das Ensemble in blauen Business-Outfits über die Bühne fegen. Die Assoziation nicht nur mit der österreichischen FPÖ liegt auf der Hand. Sosehr auch ein ‚Nie mehr wieder‘ beschworen wird, glaubwürdig ist diese Aussage nicht. Das Kippmoment, in welchem klar wird, was die meisten führenden Rechtspolitiker wirklich antreibt, ist eine Schreitirade. Dass einem bei dieser zuallererst Donald Trump in den Sinn kommt, ist nicht verwunderlich. Das eigene Ego zu befriedigen und aufgrund nicht vorhandener Gegenwehr ins Unermessliche zu steigern, scheint für die Anführer der Rechtsparteien nun das Gebot der Stunde.

Die schauspielerische Brillanz und die meisterliche Regie, gepaart mit der künstlerischen Textqualität, sollten nicht darüber hinwegtäuschen, wie offen die gesellschaftliche Wunde ist, in die das permanente Gift der nationalen Gesinnungen geträufelt wird. Sollte die ‚Wir gegen die anderen‘-Rhetorik der Ausländer-raus-Bewegung weiter um sich greifen, täten demokratisch gesinnte Kräfte gut daran, sich zu Herzen zu nehmen, wozu der schwarz gekleidete „Engel der Geschichte“ dem Publikum am Ende rät: „Wir müssen reden!“, sagt die ehemalige Volkstheater-Direktorin Emmy Werner in dieser Rolle.

DIE ANKUNFT, Regie Jan Philipp Gloger - Volkstheater Wien
Foto: (c) Antonia Mayer

Nach so viel Verschweigen, Verdrängen und Verstummen an diesem Abend ist das der denkbar knappste Gegenentwurf. Welch geistreiche Idee, ausgerechnet sie damit zu betrauen! Ihre Besetzung zeigt, wie sich Geschichte wiederholt und weiterentwickelt. Nicht nur, dass ihre Stimme als Frau im Kunstbetrieb zu einer Zeit wahrgenommen werden konnte, in der es alles andere als selbstverständlich war, das Theater von einer Frau leiten zu lassen. Mit ihrem Alter deckt sie auch jene Spanne ab, in der sich das Gehen und Kommen von Rechtsradikalität in Österreich vom 20. Jahrhundert bis heute vollzog. Und last, but not least war sie es, die Jelineks Texte erstmals auf die große Bühne des Volkstheaters brachte, nicht ohne dafür heftig angefeindet und sogar körperlich attackiert worden zu sein. Spätestens hier schließt sich der Kreis zur Publikumsbeschimpfung des Anfangs: Was dort als Spiel inszeniert wurde, hat sie selbst erlebt. Unter diesem Gesichtspunkt gerät die Aufforderung zum Reden aus ihrem Mund nicht zur reinen Schlusspointe, sondern zu einem bewusst formulierten Auftrag.

Das Ensemble: Andrej Agranovski, Tjark Bernau, Elias Maria Burckhardt, Katharina Kurschat, Josef Mohamed, Maximilian Pulst, Anna Rieser sowie Emmy Werner als Gast.