Szene aus ‚2073: Die neue Kolonie', Theater im Bahnhof Graz, Volkskundemuseum. Foto: Johannes Gellner“.
Theater

Ein großer Blick nach vor und einer zurück

Österreich im Jahr 2073: Der weibliche Artikel ist abgeschafft, es heißt jetzt „der Mutter“ und „der Tracht“. Im Trachtensaal des Grazer Volkskundemuseums probt ein Theaterkollektiv den Aufstand und scheitert ausgerechnet am Mann.

von Michaela Preiner,

Der politische Rechtsruck, der bereits einen globalen Trend darstellt, veranlasst Intellektuelle und Kreative, sich über mögliche Konsequenzen radikaler, rechter Regierungen Gedanken zu machen. 

Szene aus ‚2073: Die neue Kolonie', Theater im Bahnhof Graz, Volkskundemuseum. Foto: Johannes Gellner“.
Foto: Johannes Gellner

Das Theater bietet Gelegenheit, vieles, was unausgesprochen bleibt, dingfest zu machen und durch bewusste Überbelichtung seinem Publikum klar aufzuzeigen. So macht dies zumindest das TIB, das Theater im Bahnhof. Nicht erst seit gestern. In der neuen Produktion „2073: Die neue Kolonie. Spekulative Posse mit Text von Helene Thümmel“ greift es dieses Thema aus der Perspektive eines Teils des Ensembles vom TIB auf. Für den satirischen Blick reicht es, sich ins Jahr 2073 vorzuversetzen, um darüber sprechen zu können, was in den vergangenen Jahrzehnten so alles passiert ist.

Oder von heute aus gedacht: Was in nächster Zukunft auf uns alle zukommen könnte. Die dystopische Vorstellung einer repressiven Regierung, die sich mit Ungarn verbündet und einen transdanubischen Staatenbund gegründet hat, findet im Trachtensaal des Volkskundemuseums statt. Einem Ort, in dem die dort ausgestellten Kleidungsstücke nach der Neueröffnung des Museums 2022 mit neuen Hinweistafeln versehen wurden und den die Museumsleitung selbst als ‚Zeitkapsel‘ definiert hat. Jacob Banigan führt das Publikum in den Raum mit einführenden Worten, die erklären, in welchen politischen Umständen es sich im Jahr 2073 befinden wird.

Szene aus ‚2073: Die neue Kolonie', Theater im Bahnhof Graz, Volkskundemuseum. Foto: Johannes Gellner“.
Foto: Johannes Gellner

 Mit der ausgewählten Location gelingt es den Zusehenden mühelos, sich in die 30-er Jahre zurückzuversetzen, in welchen die Tracht einen besonderen politischen Stellenwert innehatte. Der Austrofaschismus mit seinem postulierten Ständestaat befeuerte die Vorstellung von ländlicher Idylle – idealerweise noch in leicht zuzuordnender Tracht. Konsequenterweise eignet sich dieses Thema perfekt als Einstieg in das Stück. Gabriela Hiti, Eva Hofer, Elisabeth Holzmeister und Monika Klengel präsentieren zu Beginn dem Publikum die meist nur verbal-imaginierten Gewänder einer langen Reihe von Berufen, die sich aufgrund der Klimakrise und des globalen Wirtschaftsumschwungs neu herausgebildet haben. Von Menschen ist die Rede, die zum Pflanzenbestäuben zwangsrekrutiert wurden – sogenannten Pollen – oder von einem Ausseer Tauchguide, der mit seiner Klientel in die bereits versunkene Stadt abtaucht. Aufgezählt werden neben vielen anderen eine internationale Mediatorin im Ritualgewand, ein Mürztaler Laborfleischer oder auch die „Letzte Oma gegen rechts“ um nur einen kleinen Ausschnitt hier aufzuzeigen. Dass die Unterstützung der LGBTQ-Community verboten wurde und „nationale Mutterspiele“ nun fröhliche Urstände feiern, die selbstverständlich in „Muttertracht“ abgehalten werden, wird genauso thematisiert wie das Aussehen von der Tracht des Fürsten von Pannonien-Steiermark. 

Nach dieser geschickten, dramaturgisch-lokalen Verschränkung gesellt sich Wolfgang Lampl zu den Schauspielerinnen, um mit ihnen in ein konfrontatives Setting zu gehen, in der er nur als Verlierer aussteigen kann. Als zu spät Gekommener kassiert er zuerst einmal nur Verachtung und bekommt auch nichts von jener kargen Jausenration ab, welche die Schauspielerinnen in Blechdosen freudig untereinander austauschen. Bald wird klar, dass sich das Kollektiv in einer Gegenbewegung zur rein männlichen Dominanz in ihrer Gesellschaft befindet. Die Utopie des Ensembles, eine ‚neue Kolonie‘ aufzubauen, beinhaltet selbstverständlich die Unterwerfung alles Männlichen, dem es gelungen ist, die weibliche Form sogar aus der deutschen Sprache zu verbannen. Den weiblichen Artikel sowie jegliches weibliches Substantiv gibt es nicht mehr. Aus die Tracht wird der Tracht, aus die Mutter wird der Mutter. Es muss eine schwierige Aufgabe gewesen sein, sich diese neue Sprachform für die Vorstellung anzueignen, Hut ab vor dieser Leistung!

Szene aus ‚2073: Die neue Kolonie', Theater im Bahnhof Graz, Volkskundemuseum. Foto: Johannes Gellner“.
Foto: Johannes Gellner

 All dies und die Tatsache, dass Frauen eine marginalisierte Rolle im gesellschaftlichen Leben einnehmen, feuert das Kollektiv umso mehr an, sein eigenes Geschlecht zum allein Seligmachenden zu erheben. Dass aber dies auch nicht funktionieren wird, ist nicht verwunderlich und wird in einer Szene sogar explizit angesprochen. Die Lust am Mann – dieses Mal verstärkt als Sexualobjekt – lässt sich nicht einfach wegdiskutieren. Veranschaulicht wird dies durch Elisabeth Holzmeisters Zwiegespräch mit Wolfgang Lampl. Rasch wird deutlich: Die beiden verbindet mehr als nur die Utopie der neuen Kolonie.

 Das plötzliche Switchen in Rezitative – wie es in Europa im Barock erstmals aufkam und in Asien in verschiedenen Formen von Sprechopern traditionellerweise gepflegt wird, wird mit der chinesischen Hegemonialmacht erklärt, die besonderen Wert auf diese überlieferte Kunstform legt. Und um bei der Kunst zu bleiben, hat sich Thümmel auch darum gekümmert, ihrem Ensemble die Zerstörung der Zentralperspektive als eine der vermeintlichen Hauptursachen eindimensionaler Gesellschaftsformen auf die Fahnen zu schreiben. ‚Es gibt ja schließlich mehr als eine Perspektive‘ ist ein weiteres Motto, das Regisseur Ed Hauswirth auch durch die mehrfach unterschiedliche Platzierung der Schauspielerinnen mit ihrem männlichen Gegenüber verdeutlicht.

 Der Text ist gespickt mit sozio-kulturellen Anspielungen aus Politik, Wirtschaft und Kunst, wie dem Hinweis auf amerikanische Philosophen der Rechts-Außen-Bewegung, der Entthronisierung von Bert Brecht oder der Erinnerung an AVL-Riots und gipfelt schließlich in einem Endgesang. Musikalisch von Benno Hiti umgesetzt, erklingt die Hymne der Bewegung mit dem darin enthaltenen Aufruf die ‚Männerwerke‘ zu stürzen.

 „2073: Die neue Kolonie“ ist ein humoristisch-absurder Flug in eine Zukunft, in der Frauen aus dem Theater-Untergrund gegen eine männerdominierte Gesellschaft rebellieren. Trotz all ihrer Hoffnung und Anstrengung bleibt dennoch der bittere Nachgeschmack, dass wir uns tatsächlich auf einem Weg befinden, der in dieser faschistischen Sackgasse enden könnte, gegen die Widerstand zumindest für lange Zeit zwecklos erscheint. Wer Spaß an intellektuell Lustvollem Theater hat, kommt hier auf seine / ihre Kosten!

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