
Ernst und Satire sind untrennbare Geschwister
„Smoking kills“: Thomas Cornelius Desis Satire über Anton Webern und Cesar Bresgen ist klug, witzig und genial inszeniert. Eine klare Empfehlung.
Mit ‚Smoking kills - eine musikhistorische Satire zu Anton Webern' gelang Thomas Cornelius Desi ein Volltreffer.
Anton von Webern hatte eine schwere Zeit hinter sich. Mit Berufsverbot von den Nazis belegt, durften seine Werke während des Nationalsozialismus nicht aufgeführt werden. Nach Beendigung des 2. Weltkrieges zeichnete sich jedoch ab, dass der Wiener Komponist in die Hauptstadt zum Unterrichten berufen hätte werden sollen. Wäre er nicht kurz zuvor gestorben. Am 15. September 1945 trat er nachts in Mittersill vor das Haus, in welchem er mit seiner Familie zu Abend gegessen hatte. Nach dem Anzünden einer Zigarre wurde er von drei Schüssen niedergestreckt und verstarb kurz darauf.

Dieses Ereignis bildet den Auftakt der Oper ‚Smoking kills‘ des Komponisten, Texters und Regisseurs Thomas Cornelius Desi. Uraufgeführt im Rahmen der Wiener Musiktheatertage, bot das Hamakom dafür eine ideale Kulisse. Remi Brandner in der Rolle von Anton von Webern hätte einen kurzen Auftritt, würde die Geschichte nicht erst nach seinem Bühnentod so richtig in Fahrt kommen. Markus Zett findet den vermeintlich Leblosen, hat Glück und erlebt als Cesar Bresgen, ebenfalls Komponist, wie sich Webern rasch erholt und mit ihm eine Konversation über ihr Leben und ihre Arbeit beginnt.
Der Plot selbst geht aber weit über die Nacherzählung der tragischen Todesumstände von Anton von Webern hinaus. Verquickt er doch wahre Begebenheiten mit einem satirischen Hoax, der vor einigen Jahren im Internet die Runde machte.

Geschickt verwebt Desi die Lebensentwürfe der beiden Männer in einer historisch-atmosphärischen Komprimierung. In dieser wird deutlich, wie die politischen Umstände der 30er und 40er-Jahre auf unterschiedliche Menschen schicksalsbestimmend einwirkten. Bresgen ist als Opportunist gut im Geschäft, dennoch plagen ihn Zweifel. Webern, durchdrungen von einer naiven Heimatideologie begründet sein Berufsverbot seinem Kollegen gegenüber mit dem Unverständnis der Machthaber und des Volkes. Dennoch ist er voller Hoffnung, dass die Zwölftonmusik schon in der kommenden Generation auf volles Verständnis stoßen wird.
Dass Bresgen, der Mitläufer und Nutznießer des Regimes in Österreich weiter Karriere machen und hochdekoriert werden wird, während Webern bis heute im allgemeinen Musikgeschmack nicht angekommen ist, lässt sich als geschichtliche Fortschreibung lesen. Was manchen als gerecht erscheinen mag, empfinden musikhistorisch Kundige als Tragik.
Die Inszenierung ist gespickt mit einer Fülle von musikhistorischen Hinweisen, welche die Einordnung der 2. Wiener Schule aus ihrer Zeit heraus streiflichtartig erklären. Thomas Cornelius Desi verwendet die musikalische Untermalung ‚nach Anton Webern‘, wie er die auditive Ausstattung bezeichnet. Umgesetzt wird sie vom NO STRING QUARTET (Sophie Trobos, Viktoria Hofmarcher, Anna Reisigl, Antonia Kapelari), das auf der Empore verteilt musiziert, aber auch auf der Bühne zwei markante vokale Auftritte absolviert.
Unerwartet nimmt das Publikum an einer Jodeleinlage teil, die vom anfänglichen Wohlklang, der bereitwillig intoniert wird, letztlich ins Groteske abgleitet. Eine großartige Idee, die zeigt, wie bereitwillig und ohne Hinterfragen selbst dann volkstümliches Liedgut aktiv wiedergegeben wird, wenn der Missbrauch desselben offenkundig thematisiert wird. Ob sich die Singenden der Verführung bewusst werden, ist ein anderes Thema, an Genialität ist dieser Einfall kaum zu überbieten.
An vielen Stellen wird deutlich, dass sowohl Bresgen als auch Webern ambivalent in ihren politischen Anschauungen sind. Lässt die Hitler-Faszination des einen dennoch heftige Zweifel in ihm aufkommen, versucht der andere das Gräuelregime, in welchem auch seine unmittelbaren Familienangehörigen, wie sein Schwiegersohn, verstrickt sind, zu relativieren. Die Aussage Bresgens, „mein Klavier war bei der Partei“ löst zu Recht Lachen im Publikum aus. Erinnert sie doch an den legendär gewordenen Satz des ehemaligen Bundeskanzlers Fred Sinowatz, betreffs des damaligen Bundespräsidentenkandidaten Kurt Waldheim: „Ich nehme zur Kenntnis, dass Waldheim nicht bei der SA war – nur sein Pferd“.
Immer wieder wird die Freiheit der Kunst thematisiert und immer wieder wird klar, dass diese nur dann wirklich frei sein kann, wenn der Freiraum nicht politisch beschnitten wird. Ein Umstand, den man nicht oft genug unterstreichen kann, vor allem auch in Zeiten von unsäglichen Budgetkürzungen im Kulturbereich.
Die Schauspieler wurden typgerecht auf den Punkt gecastet. Remi Brandner erscheint wie eine Reinkarnation von Anton Webern und Markus Zetts Aussehen ähnelt dem von Cesar Bresgen ebenso. Dies trägt erheblich dazu bei, die im Fantastischen angesiedelte Geschichte, die zum großen Teil auf tatsächlichen Begegnungen der beiden Komponisten beruht, als authentisch zu empfinden.

Wogend hin und her bewegt sich dennoch Erfundenes und Realität, hochgeschaukelt bis zum Schluss, in welchem eine Verbindung von Weberns Kompositionsstil mit Aufzeichnungen zur Atombombenforschung hergestellt wird. Nachzulesen im Detail hier - https://www.davidvanalstyne.com/pg-12tonehoax.html - einem Hoax, der vor einigen Jahren ins Netz gestellt wurde.
Das musikalisch emotionsreich bestückte Ende entlässt das Publikum mit dem Ohrwurm „Oh du stille Zeit“, nach einem Gedicht von Joseph von Eichendorff, von dem so gut wie niemand weiß, dass Cesar Bresgen die Musik 1938 dafür verfasste. Nicht nur eine Person singt oder summt das Lied leise beim Verlassen des Saales. Auch dieser dramaturgische Schachzug verdient das Prädikat genial.
‚Smoking kills‘, von Peter Koger mit treffenden Videos ausgestattet, die abstrahiert dennoch auf den Punkt gebracht die Berglandschaft um Mittersill wiedergeben, darf als Meisterleistung einer theatralen, musikalischen Inszenierung in höchstem Maße empfohlen werden: All jenen, die musikbegeistert sind, all jenen, die eine tiefe historische Recherche zu würdigen, aber auch all jenen, die theatralisches Handwerk auf höchstem Niveau zu schätzen wissen.
