Ein Abend voll praller Emotionen

Michaela Preiner

21. April 2026

Ein Abend voll praller Emotionen

Michaela Preiner

21. April 2026

Foto: (Marcel Köhler )

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Das Theater Nestroyhof / Hamakom bietet die Gelegenheit, in das Leben der deutsch-schwedischen Autorin Nelly Sachs (1881-1970) einzutauchen.

Die Bühne ist dunkel, der Boden bedeckt mit schwarzen Stoffen. Darüber schwebt, leicht aus der Mitte gerückt, ein überdimensional großes, schwarzes Gefäß. Schon bald wird aus diesem Sand rieseln und eine grauenhafte Assoziation entstehen lassen.

Nelly Sachs gelang es, wie Paul Celan, mit dem sie befreundet war, das Grauen der Shoa literarisch zu erfassen. In einer Art und Weise, die ihr den Literaturnobelpreis einbrachte. Nun wurde ihr Leben von Ingrid Lang, Regisseurin und Leiterin des Hauses, mit einem jungen Ensemble auf die Bühne gebracht. Dagna Litzenberger-Vinet verkörpert die Autorin, die wegen ihrer jüdischen Wurzeln 1940 Berlin verlassen musste. Aufgrund von hilfreichen Interventionen von Selma Lagerlöf, mit der sie bereits viele Jahre im brieflichen Austausch stand, gelang es ihr, mit ihrer Mutter nach Stockholm zu flüchten. Litzenberger-Vinet agiert mehr als bewundernswert, denn sie bestreitet den Abend textlich alleine, erzählt einzelne Lebenssituationen aus Sicht der Autorin, rezitiert Passagen ihrer Gedichte und Dramen und interagiert mit Adi Hanan, die als Tänzerin grandios ihr Alter-Ego bestreitet. Almut Schäfer-Kubelka bedient schweigsam das „Kostüm“ der Mutter von Nelly Sachs, sowie eine kleine Marionette während einer imaginierten Theaterszene.

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Foto: Marcel Köhler

In Stockholm lebte Nelly Sachs, schwer traumatisiert von den Ereignissen in Nazi-Deutschland, viele Jahre in Armut in einer Einzimmerwohnung. Sie pflegte ihre Mutter bis zu deren Tod und verdiente ihren Lebensunterhalt mit Übersetzungen von schwedischer Literatur ins Deutsche.

In der höchst affirmativ angelegten Inszenierung wird Sachs Biografie unglaublich passend für die Bühne adaptiert. Auch die beengte Lebenssituation, die besonders nach einer Jugend ohne Armut als bedrückend empfunden werden musste, wird ergreifend umgesetzt. Ingrid Lang schuf ein sensibles, künstlerisch verarbeitetes Lebenskondensat, in dem kein Wort darin zu viel und keines zu wenig ist. Angesichts der formvollendeten literarischen Sprache von Sachs muss dies eine Herkulesaufgabe gewesen sein.


Vieles, was nur angedeutet bleibt, wird durch das Bühnenbild (Alina Rosalie Amman), die Kostüme und die Musik (Lukas Lauermann), dennoch auf der persönlichen, emotionalen Ebene erfahrbar. Der jugendliche Wunsch zu tanzen, der liebend-respektvolle Umgang mit dem Vater und das Trauma dessen Todes, die starke Mutterbindung – all dies geht unter die Haut, ohne je dick aufgetragen zu wirken.

Es ist diese Kombination, welche die Inszenierung so faszinierend macht, welche bewirkt, dass schon im Theater ein eigenes Kopfkino in Gang gesetzt wird. Auch die Einstellung von Nelly Sachs, die in einem der letzten Sätze auf der Bühne rezitiert wird, veranlasst mehr als nur zum Nachdenken. „Ich will, dass niemand dafür leiden soll für das, was sie mir getan haben. Dafür ist es zu schade um die Menschen.“

Eine Empfehlung für alle, die Nelly Sachs kennenlernen, aber auch erleben möchten, wie kluges und einfühlsames Theater heute gemacht werden kann.