
Ein Friedensaufruf, der bis heute gilt
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137 Jahre nach Bertha von Suttners Roman bringt das Schauspielhaus Graz ‚Die Waffen nieder‘ auf die Bühne. Sandra Strunz und ein phänomenales Ensemble sorgen für einen Abend zwischen bitterem Ernst und befreiendem Lachen.
Der 1889 erschienene Roman erzählt das Leben der Gräfin Martha Althaus, die in vier Kriegen um ihre Liebsten bangen muss. Aus ihrer persönlichen Erfahrung erwächst eine schonungslose Anklage gegen Krieg und Militarismus, in der sich das Anliegen der Autorin spiegelt, sich aktiv für den Frieden einzusetzen. Das Buch wurde zum Bestseller und in kurzer Zeit in zahlreiche Sprachen übersetzt.
Die Dramatisierung von Sandra Strunz und Anna-Sophia Güther bereitet dem Publikum einen hochemotionalen Abend ohne Kitsch, Altersspuren oder auf Biegen und Brechen erzwungene Aktualisierung.

Im feudalen Gesellschaftsgefüge des 19. Jahrhunderts galt es als Frevel, Kriegstreiberei, falsch verstandene Expansionspolitik oder fehlende medizinische Assistenz auf den Schlachtfeldern auch nur ansatzweise zu kritisieren. Das über Jahrhunderte aufgebaute System von Adelsverleihungen mit Privilegien im Austausch von persönlichem Blutzoll in den Kriegen, stellte so lange das Rückgrat von aristokratischer Verteidigungs- und Angriffspolitik dar, bis es zu einer allgemeinen, verbindlichen Wehrpflicht kam.
Als Gräfin Martha Althaus, verheiratete von Dotzky, kurz nach der Geburt ihres ersten Sohnes ihren Mann im Krieg verliert, beginnt sie dieses System zu hinterfragen. Marielle Layher funkelt in dieser Rolle in allen Schattierungen, die diese hergibt. Dabei muss sie sich heftigst gegen ihre reaktionäre Schwester – Annette Holzmann – und ihren kriegslüsternen Vater - Anna Rausch – zur Wehr setzen. Bei ihrer Schwester wird man noch Zeuge, wie zerrissen ihr Herz ist. Angedeutet wird das durch kleine Papierfitzelchen, die sie aus ihrem Dekolletee holt und unter spitzen, kurzen Schmerzensschreien heftig zerreißt. Ganz anders der Vater: Bei ihm bemerkt man neben einer zunehmenden Altersschrulligkeit keinerlei Anzeichen, Kriege auch nur in irgendeiner Form zu verdammen.

Die schauspielerische Leistung beeindruckt sehr, da jede einzelne emotionale Regung wie jene von tief empfundener Trauer, Angst, Hoffnung, Bösartigkeit aber auch Starrköpfigkeit und Altersticks unfassbar authentisch dargestellt wird. Von jeder und von jedem, schlicht von allen, die auf der Bühne stehen.
Marielle Layher, Anna Rausch, Annette Holzmann, Dominik Puhl, Željko Marovic, Luisa Schwab und Mario Lopatta, teilweise in Doppelrollen zu sehen, sind bei jedem ihrer Einsätze zu hundert Prozent präsent. Unterstützt werden sie von einer kreativen Regie, die am Puls unserer Zeit die Figuren einsetzt und sprechen lässt, das Geschehen aber nie in die Gegenwart versetzt.
Dennoch bleibt die Hauptaussage aktuell: Krieg ist schrecklich und sollte längst der Vergangenheit angehören.

Sabine Kohlstedt sowohl für das Bühnenbild als auch die Kostüme eingesetzt, entwarf einen Bereich mit Brettern und einem Stahlkonstrukt in der Mitte der Bühne, vor dem zeitweise ein großer Kristallluster baumelt. So kann rasch zwischen dem Adelssitz der Grafen Althaus also auch dem Schlachtfeld , das immer präsent bleibt, gewechselt werden. Die Kostüme weisen modische Referenzen des 19. Jhdts. auf, sind aber mit zeitgeistigem Flair aufgepeppt.
Die Inszenierung wartet mit außergewöhnlich berührenden Szenen auf. So jene, in welcher das gesamte Ensemble eine ‚Stöhnmusik‘ anstimmt, bei der man nachfühlt, wie schrecklich jenes Warten ist, wenn man auf Lebenszeichen von seinen Liebsten wartet. Todesnachrichten, welche die Familien via Feldpost erreichen oder der Verlust des zweitgeborenen Kindes bei der Geburt, nie realistisch, dennoch derart klar visualisiert, dass keine Zweifel aufkommen, was zu sehen ist, gehören genauso dazu.
Unterstützt wird der Verlauf der Erzählung mit choreografischen Einlagen, bis hin zu einem Gesten-Ballett, bei dem eine herrschaftliche Teestunde unter Einhaltung eines strengen Zeremoniells angedeutet wird. Rainer Süßmilchs musikalische Ausstattung unterstützt heftige Kriegsbefürwortung mit Blasmusik-Einpeitsche, aber auch lyrischen Gesangseinlagen, in der die Heroisierung der gefallenen Soldaten in die Herzen gepflanzt werden sollen.
So tief dramatisch viele Szenen auch sind – wie jene ins Dunkel getauchte, in welcher Martha die Erzählungen vom Kriegsgeschehen und dessen Gräuel für die Soldaten erfährt, so voller Witz sind wiederum andere. Köstlichst ist in Szene gesetzt, wie die verwitwete Gräfin und ihr zweiter Ehemann Friedrich Tilling zueinanderfinden. Der scheue Freier erlangt seine Braut schließlich nur über ihren ausdrücklichen Befehl. Als beide alsbald auch ihren größten Widersacher – Marthas Vater, General Althaus – im wahrsten Sinne des Wortes auf die Schaukel nehmen, darf sich das Publikum herzlich lachend vom vorherrschenden Ernst der Thematik etwas erholen. Zwischen humorig und bitterem Ernst angesiedelt wiederum wohnt man einer Erziehungsszene bei, in welcher der alte Graf Althaus seinen Enkel zu abgebrühtem Handeln anweist. Schoßhündchen zu treten und als Feind zu beschimpfen wird heute als Tierquälerei bestraft, war aber immer schon ein probates Mittel, aus jungen Menschen spätere empathielose Monster zu machen.

Die Regieführung, angesiedelt zwischen brillanten, menschlichen Gefühlsdarstellungen und abstrahiert dargestellten Räumen oder Ereignissen, schafft diesen Spagat bravourös. Sandra Strunz zeigt damit exemplarisch, was Theater heute kann. Vor allem aber beweist sie, dass es nach wie vor ein unerreichtes Medium ist: eines, für das es sich lohnt, die eigene Komfortzone zu verlassen und sich mit Hunderten anderen in einen Aufführungsraum zu begeben.
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