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14. Oktober 2026Suchen
Theater

Wer will schon perfekt sein!

In „A perfect person“ joggen Gabel Eiben und Ross Cowan entlang eines Küstenstreifens einer norwegischen Stadt und reden dabei über Selbstoptimierung – ein kluges Stück gegen die Ökonomisierung des Selbst.

von Michaela Preiner,

Foto: (c) Ole Jørgen Løvås
A perfect Person im Theater Gold & Pech
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Mit der Produktion ‚A perfect person‘ (in englischer Sprache), gastierte Gabel Eiben nach dem Auftritt mit dem ‚Nature Theater of Oklahoma‘ bereits zum zweiten Mal im Gold & Pech Theater in Höf bei Eggersdorf.

Fährt man in Graz mit dem Auto über die Ries – und alle Einheimischen wissen, welches Bergerl damit gemeint ist – erreicht man, in der Ebene wieder angekommen, linker Hand ein ehemaliges Gasthaus. Die große Aufschrift „Cafe Marie“ lässt nicht erahnen, dass sich im selben Gebäude seit ungefähr einem Jahr auch ein Theater befindet. Und zwar eines, das mit rund 100 Sitzplätzen und der erforderlichen Bühnentechnik professionell ausgestattet ist. Das Gold & Pech Theater wird von Jula Zangger als ganzjährige Spielstätte betrieben. Und als ob dies nicht schon erstaunlich genug wäre, ist das Programm, das dort zu sehen ist, alles andere als eine easy-peasy-Kost.

Gabel Eiben, norwegischer Tänzer, Schauspieler und Schriftsteller schuf mit ‚A perfect person‘, das dort zu sehen ist, ein Zweipersonenstück, das mit einer besonderen schauspielerischen Herausforderung aufwartet. Gemeinsam mit Ross Cowan joggte er fast eineinhalb Stunden lang während der Performance entlang des Küstenabschnittes einer norwegischen Stadt.

So hat es zumindest den Anschein. Luka Curk schuf mit einem Video ein Stage-Design, bei dem man die beiden Männer dabei beobachten konnte, wie sie entlang ihres Laufweges einen intensiven Gedankenaustausch pflegten, Entgegenkommenden auswichen oder ihnen nachschauten und sich nur ein einziges Mal eine kurze Verschnaufpause gönnten.

Jeder denkende und empathische Mensch kennt sie: Selbstzweifel. Wenn man nicht gerade einen Narzissten als Gesprächspartner hat, weiß man, dass man im Freundeskreis gerne in rhetorische Schleifen driftet. Sie drehen sich darum, ob und was man heute noch darf – und vor allem, ob man gut genug ist für das, was man im Leben so treibt. Diese Gesprächsmatzritze war Ausgangspunkt für den Text, der um dieses Thema mäanderte, ganz aus der Sicht der beiden Schauspieler. Oft aber auch mit Bezugspunkten zu ‚normal people‘, so der auf der Bühne verwendete Begriff.

Foto: (c) Ole Jørgen Løvås
A Perfect Person im Gold & Pech Theater

„Ich will Dinge aus meinem Leben eliminieren, die verhindern, dass ich produktiv bin“, erklärte Ross nach wenigen Augenblicken Laufzeit. Der Konter, der von Gabel sofort kam: „Ich bin froh, immer Falsches zu machen“, verleitete sofort, die Rollen der beiden zu fixieren. Im Österreichischen sind Doppelconférencen seit Ernst Waldbrunn und Karl Farkas  auch mit dem Subkontext ‚Der G’scheite und der Blöde‘ versehen. Bei den beiden Performern jedoch zeigte sich im Laufe der Vorstellung, dass diese Verteilung nicht griff. Einmal war es der eine, dann wieder der andere, bei dem man das Gefühl hatte, einem Erkenntnisgewinn beizuwohnen.

Dass Schauspieler sich heutzutage in Form halten müssten, um auf der Bühne bestehen zu können, war nur eines jener Themen, welche behandelt wurden, um gleich darauf zur Einsicht zu gelangen, dass wir uns in einem „deep shit“ befinden. Denn alles, was uns eingetrichtert wird, was zu tun und zu unterlassen ist, arbeite schließlich nur den Reichen in die Hände.

Zur Sprache kam auch, ob es neben ihrem Beruf möglich sei, ein guter, fürsorglicher Vater zu sein. Neben ernsten Gesprächsthemen fiel aber auch der höchst humorige Hinweis, dass bei Close-up-Filmaufnahmen die Augenbrauen sprechen sollten – denn diese seien ein Äquivalent zu den Armen, die dabei ja nicht zum Einsatz kämen. Was hier wie eine belanglose Aufzählung von Gesprächsthemen unter Kollegen anmutet, darf man auch als solche nehmen, denn der verbale Austausch um des Sprechen willens gehörte zum wohldurchdachten Konzept.

Solange man redet, ist man nicht stumm. Und solange man versucht, auch die Gegenposition des anderen zu verstehen, bleibt man in Verbindung. Diese Einsichten, die wir aus unserem Alltag kennen, bedürfen eigentlich keiner weiteren Erklärung. Und dennoch scheint eine Konversation wie jene zwischen Ross und Gabel nicht mehr alltäglich. Ein Gedankenaustausch, der über den Alltag hinausgeht, ist selten geworden.

Gegensätzliches stehenzulassen, es vielleicht sogar anzuerkennen, noch seltener. Je länger die beiden Männer sich über die Bürden und Freuden des Lebens unterhielten, je deutlicher konnte man auch wahrnehmen, dass sie mit ihren Wünschen und Träumen ganz nah beieinander lagen. Gute Rollen zu spielen, eine Bekanntheit zu erlangen – so wie Hugh Jackman, Tom Cruise oder auch Taylor Swift wäre etwas anderes als sich im Maskottchen- oder Clownacting sein Geld zu verdienen.

So gesellschaftlich erwünscht sich Ross zu Beginn zu einer Selbstoptimierung äußert, so wunderbar zerbröckelt erscheint diese am Ende der Performance. Die Erkenntnis, nicht perfekt zu sein und Dinge gemacht zu haben, die nicht in die Ökonomisierung des Selbst passen – diese Erkenntnis tut gut. Nicht nur den Performern, sondern vor allem auch dem Publikum.

Die sehenswerte und vor allem im Anschluss besprechenswerte Vorstellung wird noch zweimal im Gold & Pech Theater gezeigt:

Erschienen in European Cultural News (ISSN 2308-085X) am 14. Oktober 2026
https://european-cultural-news.com/a-perfect-person-gold-und-pech-theater/59642/

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