Der von großen Häusern weltweit gebuchte Regisseur legte eine Arbeit vor, die anstelle von Fragen zu beantworten, diese samt und sonders offen lässt.

Er präsentiert einen Faust, der aus seiner Probierstube, die eher einer Würstelbude ähnelt, durch eine heftige Explosion katapultiert wird und sich ab diesem Moment zeitversetzt in unserer Gegenwart befindet. Mit einem aufwendigen Bühnenbild, gestaltet von Sebastian Hannak und ebensolchen opulenten Kostümen von Katharina Gault, beginnt das Geschehen auf einem innerstädtischen Platz, eingesäumt von großen Mietshäusern. Faust hat im Grunde sein beständiges Suchen aufgegeben. Angewidert oder besser müde vom Leben an sich, sieht er keinen Sinn mehr darin, weiterzumachen. Ob dies durch die lebensbedrohliche Erschütterung ausgelöst wurde oder schon vorher der Fall war, ist nur eines der Rätsel, die der Regisseur seinem Publikum auferlegt. Pavel Petrov bleibt, bis auf wenige Ausnahmen, in der ihm auferlegten Rolle stets unterkühlt bis ängstlich und vermittelt passend die gegenteilige Lebenseinstellung seines Widersachers. Mephisto, respektive Méphistophélès, wie er in der französischen Berlioz-Fassung heißt. Dieser wird gesungen und schauspielerisch wahrlich teuflisch dargestellt von Nikita Ivasechko. Hat sich der eine ganz in seine offenbar chemischen Studien verkrochen, feiert der andere das Leben, wo er nur kann. Auch dort, wo die schönen Seiten nur Glanz und Schein oder gänzlich abstoßend sind.

So zeigt sich die Gesellschaft in Auerbachs Keller, in die er Faust bringt, als mörderische glatzköpfige Männerbande, die sich einen Spaß daraus macht, Fremde niederzuprügeln und auf sie einzutreten. Dass Mephisto dies heil übersteht, verdankt er ausschließlich seiner teuflischen Abstammung. Als Trans-Wesen wandelt er auch zwischen den Geschlechterwelten, ohne jedoch eine ausgewiesene Präfernz zu zeigen. Mit Marguerite holt er sich jenen Lockvogel, der Faust die Liebe lehren soll. Doch vergebens. Nach dem einmaligen Zusammentreffen der beiden geht der Schuss nach hinten los, um das Ergebnis salopp auszudrücken. Die ‚Königin des Nachtetablissements‘ verschwindet gezeichnet von der Bühne, abgetakelt und verlustig ihrer blonden Verführungsmähne, sodass Faust sie in der zweiten Begegnung nicht mehr wiedererkennt, oder erkennen will. Anna Brulls sängerische Leistung ist beeindruckend, umso mehr, als sie sich stimmlich gegen das Orchester und den Chor mühelos behaupten kann.

Das Orchester ist auf der Bühne im hinteren Teil angesiedelt. Das Dirigat teilen sich Johannes Braun und Stefan Birnhuber zu unterschiedlichen Aufführungszeiten. Technisch aufwendigst gelöst, ist es auch über verschiedene Bildschirme im Publikumssaal zu sehen, spielen sich dort auch viele Szenen ab, welche die hörenswerte Chor-Formation zu bestreiten hat. Der Chor der Oper Graz, ergänzt durch den Philharmonia Chor Wien und die Singschul’ der Oper Graz, sowie die Statisterie der Oper Graz,verlassen häufig die Bühne, um durch den Mittelgang im Parterre abzugehen oder auf den Rängen oder aus verschiedenen Logen zu singen.
Sie mimen aufständische Ungarn mit einem starken zeitgenössischen Bezug, Typen, die sich zu ihrem widerlichen Saufgelage zusammengefunden haben, aber auch jene Feen- und Geisterwesen, die tanzend Faust umgarnen. Der Auftritt in Ballettkostümen, in welchen auch die Männer Tütüs tragen, mit wunderbar komischen Verweisen auf die zwischenmenschlichen Miss-Stimmungen, die in Ballett-Ensembles zum Alltag gehören, trägt zur allgemeinen Erheiterung bei. Die offen durchgeführten Umbauten während der Szenen machen meist verborgene Theaterarbeiten und ihre Ausführenden sichtbar und lassen nie vergessen, dass hier Schein und Sein zusammenfallen, ja Eins sind. Das eine ist nicht denkbar ohne das andere, das man aber meist nicht sehen will.

Der Plot mit der Verführung von Faust, der seine Seele Mephistopheles verschreibt, und die gesellschaftliche Verurteilung von Marguerite, bis hin zu ihrer Hinrichtung bleibt aufrecht, wenngleich in neues Gewand gekleidet. Und es sind nicht des Kaisers neue Kleider!
Die Auferstehung von Marguerite und der Absturz in die Hölle von Faust und Mephisto nehmen Anleihen an historischen, sowie kunsthistorischen Errungenschaften in Europa. So werden die Männer durch eine Montgolfiere in die Lüfte erhoben, wie sie von den gleichnamigen Brüdern verwendet wurde, als sie 1783 vor dem versammelten Adel vor Versailles mit diesem in die Luft schwebten. Der Absturz von Faust und Mephisto erfolgt bald darauf, lapidar durch jenen ikonischen Fingerzeig Gottes visualisiert, mit welchem Michelangelo seinen Adam ins Leben rief.
Die poppig-trashige Inszenierung, die vom Publikum in jede nur erdenkliche Richtung interpretiert werden kann, folgt er dem zeitgeistigen Gefühl des sich nicht Festlegen-Könnens oder -Wollens. Die grandios schönen Stimmen der Solisten und der Solistin und die Spitzenleistungen der Chöre machen den Abend zu einem unvergesslichen musikalischen Erlebnis, das auch Augen- und Diskussionsfutter zur Genüge anbietet.
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Erschienen in European Cultural News (ISSN 2308-085X) am 12. Oktober 2026
https://european-cultural-news.com/La-Damnation-de-Faust-oper-graz/59636/





