5. Oktober 2026
Juki-Cult

Jippie, Missis Pipi! – Tom Sawyer erobert die Oper Graz zurück

Die Oper Graz hat am 3. Oktober 2026 die Kinderoper „Tom Sawyer“ nach Mark Twain wieder aufgenommen. Die Fassung mit Musik von Kurt Weill entstand an der Komischen Oper Berlin, wurde dort 2023 uraufgeführt und kam im selben Jahr als österreichische Erstaufführung nach Graz.

von Michaela Preiner,

Tom Sawer in der Oper Graz
Foto: (c) Werner-Kmetitsch
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Wer am Samstagnachmittag, am 3. Oktober 2026, in der Grazer Oper die Ohren spitzte, hörte nicht nur Musik, sondern auch etwas, das in keinem Programmheft steht: das kollektive Luftanhalten von hunderten Kindern. Denn als Killer-Joe nach seiner Untat am Stadtarzt unter wüsten Drohungen die Bühne wieder verließ, war es mucksmäuschenstill im Saal – und genau in diesem Moment war klar, dass die Wiederaufnahme von „Tom Sawyer“ ihr Publikum gepackt hatte.

Dass ausgerechnet Kurt Weill die Musik zu diesem ur-amerikanischen Stoff lieferte, ist kein Zufall. Gemeinsam mit seiner Frau Lotte Lenya war er 1935 in die USA emigriert, wo er sich vom Berliner Dreigroschenoper-Komponisten zum gefeierten Broadway-Musiker wandelte. Seine Vision war eine eigenständige amerikanische Oper, und was lag näher als Mark Twain, der wie kein anderer das Lebensgefühl am Mississippi eingefangen hat? Von Jänner bis März 1950 arbeitete Weill mit Maxwell Anderson an einer Handlungsskizze und fünf Songs für ein Musical nach Twains Abenteuern. Sein plötzlicher Herztod am 3. April 1950 in New York ließ diese Ambitionen unerfüllt.

Tom Sawer in der Oper Graz
Foto: (c) Werner-Kmetitsch

Fast 75 Jahre später wurde der Stoff in Berlin neu zum Leben erweckt. Die Fassung der Komischen Oper wurde ab 2020 unter der Leitung von Ulrich Lenz konzipiert, dem heutigen Intendanten der Oper Graz. Als damaliger Chefdramaturg entschied er gemeinsam mit Regisseur Tobias Ribitzki, Dirigent und Arrangeur Kai Tietje und Autor John von Düffel eine Kinderoper in zwei Akten zu schaffen. Am 18. Februar 2023 erlebte das Werk seine Uraufführung, begleitet von nicht enden wollendem Jubel. Lenz brachte das Stück nach Graz mit, wo es im November 2023 als österreichische Erstaufführung zum Publikumsliebling avancierte.

Die Musik in welcher Tom Sawyer und seine Freunde Huckleberry Finn und Ben Harper durch ihre Abenteuer surfen ist voller Harmonien und zündender Rhythmen; mal Foxtrott-swingend, mal lyrisch, mal im Walzertakt, wie im kurzen Vorspiel. Immer jedoch mit einem Augenzwinkern, ganz Broadway-like. Weill hatte die europäischen Kompositionsschulen dezidiert hinter sich gelassen. Die Grazer Philharmoniker unter Ulises Maino lassen Weills amerikanische Klangpalette in Graz funkeln, dass es eine wahre Freude ist. Als ein großer Mississippi-Dampfer tatsächlich Dampf spuckt, bleibt vielen Kindern der Mund offen, wie auch in der Gartenzaun-Szene, in der sich ein kurzer Zaun plötzlich unaufhörlich über die gesamte Bühnenbreite verlängert. (Bühne und charakteraussagekräftige Kostüme Stefan Rieckhoff)

Tom Sawer in der Oper Graz
Foto: (c) Werner-Kmetitsch

Tom Schimon gibt einen Tom Sawyer mit Schalk im Nacken und Herz am rechten Fleck und sorgt für viele Lachmomente. Exemplarisch für viele steht jener, als er statt Mississippi, das er als Strafe mehrfach an die Tafel schreiben soll, sich lieber für Missis Pipi entscheidet. Michael Heller ist ein Huckleberry Finn zum Gernhaben, barfuß, frei und am Ende überraschend mutig und sich selbst treu bleibend. Jianwei Liu stößt als Ben, den seine Mutter ungerechterweise verprügelte, zu den beiden, um sich mit ihnen gemeinsam auf eine große Piratenfahrt zu begeben. Leah Bedenko verdreht als Becky Thatcher nicht nur Tom den Kopf, Sofia Vinnik (Amy Lawrence) kämpft tapfer um ihre erste Liebe. Neira Muhić ist eine Tante Polly zwischen Strenge und Zärtlichkeit, und Wilfried Zelinka rührt als gutmütiger Trunkenbold Muff Potter, der unschuldig hinter Gittern landet. Alfred Temple, der Musterschüler, geht nicht nur Tom gewaltig auf die Nerven. Wie Michael Großschädl in sein Kostüm eingezwängt den

Bravling singt, erheitert das junge Publikum jedes Mal aufs Neue. Martin Fournier aber ist der heimliche Star des Abends: Sein Killer-Joe jagt den jungen Zuschauerinnen und Zuschauern wohlige Schauer über den Rücken.

Tom Sawer in der Oper Graz
Foto: (c) Werner-Kmetitsch

Unheimlich wird es, wenn sich Tom und Becky in der Höhle verirren. Dunkelheit, Echos, die Angst, nie wieder ans Tageslicht zu gelangen – da rücken die Kinder im Saal enger an ihre Eltern heran und so manches landet auf dem Schoß der Erwachsenen, um die Spannung besser zu ertragen. Der Schluss ist stark komprimiert: Eine Aktion folgt atemlos der nächsten, Gerichtsszene, Rettung, Enthüllung, alles in rasantem Tempo, das niemanden auf den Sitzen hält.
Ein ganz besonderes Lob gebührt dem Kinderchor der Singschul’, einstudiert von Andrea Fournier. In mehreren Szenen verteilen sich die jungen Sängerinnen und Sänger im gesamten Zuschauerraum, vom Parkett bis hinauf in die Ränge, sodass das Publikum buchstäblich mitten im Geschehen sitzt. Ein Gänsehautmoment, der zeigt, wie lebendig Musiktheater für junges Publikum sein kann.

Ob man es nun Kinderoper oder Kindermusical nennt: „Tom Sawyer“ ist ein Abend für die ganze Familie, bei dem Groß und Klein gleichermaßen auf ihre Kosten kommen. Gespielt wird bis Ende November – unbedingt hingehen, viele Kinder mitnehmen und ihnen einen unvergesslichen Opernbesuch ermöglichen. Für die meisten wohl ihr allererster!

Erschienen in European Cultural News (ISSN 2308-085X) am 4. Oktober 2026
https://european-cultural-news.com/tom-sawyer-oper-graz/59634/

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