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17. Oktober 2026Suchen
Theater

Gestatten: Mein Name ist Behringer. Oder Tannhäuser?

„Die Nashörner“ im Schauspielhaus Graz: Graue Plastiksäcke, Wagners Tannhäuser und ein starkes Ensemble machen Ionescos Parabel beklemmend aktuell.

von Michaela Preiner,

Sarah Sophia Meyer, Franz Solar, Sebastian Schindegger, Oliver Chomik, Anna Klimovitskaya (c) Lex Karelly
Foto: Lex Karelly
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Im Schauspielhaus in Graz trampeln bedrohliche Viecher über die Bühne. „Die Nashörner“ von Eugène Ionesco, von Ulrike Arnold in Szene gesetzt, sind zwar nur entfernt als solche zu erkennen. Ihre Bedrohung und Verführung jedoch kommt klar über den Bühnenrand und erstickt jegliches Lachen im Keim.

Eugène Ionesco war ein scharfer Beobachter der Gesellschaft und nahm seismografisch die gesellschaftlichen Veränderungen vor, während und nach dem 2. Weltkrieg wahr. Häufig werden seine ‚Nashörner‘ mit dem Label ‚absurdes Theater‘ versehen. Tatsächlich ist der Subtext darin alles andere als absurd.

Otiti Engelhardt, Thomas Kramer, Oliver Chomik (c) Lex Karelly
Foto: Lex Karelly

Jene Theatertexte, die auf den ersten Blick einfach und seicht erscheinen, haben von guten Autorinnen und Autoren meistens einen doppelten Boden. Ionescos Stück, für das Franziska Bornkamm im Grazer Schauspielhaus die Bühne und Anna Lechner die Kostüme gestaltete, hat einen solchen doppelten Boden. Ob es überhaupt einen Satz in diesem Stück gibt, der keine Meta-Ebene in sich trägt, müsste überprüft werden. Gefühlt gibt es keinen. Ionesco beschreibt mit der Nashorn-Metapher, wie sich eine Gesellschaft Stück für Stück in etwas verwandelt, das sie zu Beginn noch klar und deutlich, als Bedrohung erkennt. Dieses ‚es‘ ist nichts Abstraktes. Vielmehr sind es die Menschen selbst, die sich teilweise aus Furcht oder aus Opportunismus, aber teilweise auch verführt, sich in Wesen wandeln, welche jene bedrohen, die sich nicht verwandeln wollen.

Otiti Engelhardt (c) Lex Karelly
Foto: Lex Karelly

Die grauen Plastiksäcke in unterschiedlichsten Größen und Formen, aufgeblasen oder als feste Bälle im Einsatz, werden in der Inszenierung angsteinflößend laut gegen Wände geschlagen. Im Laufe des Geschehens füllen sie die Bühne immer stärker aus und dringen in private Räume, sodass einem auch dort beinahe keine Luft zum Atmen mehr bleibt. Kann man anfänglich noch über dieses Gebaren lachen, verstummt dieses zusehends, als sich ein Charakter nach dem anderen unter den unterschiedlichsten Vorwänden zu Nashörnern verwandelt. In der allerersten Verwandlung, die auf der Bühne sichtbar wird und Frau Ochs erfährt, weil sie ihrem Mann folgen möchte, der bereits zum Nashorn mutierte, erklingt Wagners Tannhäuser-Thema, das an späterer Stelle noch einmal aufgenommen wird. Grazil gleitet Otiti Engelhardt über und unter das graue Plastikmonstrum und folgte einer theatralisch angelegten Choreografie. Das Publikum reagiert gespalten. Einige im Zuschauerraum lachen laut, während diese Aktion anderen sichtbares Unbehagen bereitet.

 Die musikalische Wagner-Untermalung ist inhaltsschwanger. Wird mit ihr doch schlagartig klar, dass der Hauptcharakter – Herr Behringer – der einzige Mensch, der bis zum Schluss standhaft bleibt und sich nicht verwandeln lassen will – mit Tannhäuser verglichen wird. Jenem Minnesänger, der ebenfalls zwischen zwei unterschiedlichen Welten wählen musste. 

Sarah Sophia Meyer, Sebastian Schindegger (c) Lex Karelly
Foto: Lex Karelly

Sebastian Schindegger spielt Herrn Behringer über lange Strecken unaufgeregt, seinem Freund Hans gegenüber sogar unterwürfig. Erst, als er Daisy, seiner Arbeitskollegin in dieser Inszenierung, seine Liebe gesteht, geht er ganz aus sich heraus. Franz Solar, Oliver Chomik und Otiti Engelhardt haben mehrere Rollen zu meistern. Allesamt wunderbar, mit geänderten Kostümen und geänderter Maske, die durch den Einsatz von zum Teil grotesken Perücken, tatsächlich humorig wahrgenommen werden können.

 Das Geschehen setzt die Regisseurin zu Beginn in die kühle Halle eines Konsumtempels. In diesem befindet sich auch eine Kleintierpraxis, in welche ein Katzenbesitzer (Franz Solar) immer und immer wieder besorgt seine Katze bringt. Das Großraumbüro, in dem heftig über das Erscheinen der Nashörner gestritten wird, nachdem eines eine Katze zertrampelt hat, erscheint in der darauffolgenden Szene und verdeutlicht, dass sich die Nashörner zur Jetzt-Zeit ausbreiten. Die Isolation der Menschen, in welcher sie leben, werden durch die Miniaturbehausungen von Hans und Herrn Behringer offenkundig. Isoliert behausen die Männer diese unwirtlichen Räume, eingepfercht wie in einem Käfig, unfähig, darin freudvoll leben zu können. Die kühle Optik der Bühne entspricht auch der menschlichen Kühle, die wie ein Virus um sich greift, bis sie beinahe alle erfasst hat.

Thomas Kramer spielt den rechthaberischen Freund von Behringer, der sich durch seine Verwandlung ganz bewusst von diesem abwendet. Für ihn sind die Nashörner natürlicher als die Gesellschaftsgebilde der Menschen, obwohl ihnen jegliche Moral fehlt; vielleicht aber auch gerade deswegen. Wie immer ist das Ensemble im Schauspielhaus bestens aufgestellt. Alle agieren sehr authentisch, auch wenn der Text zwischen trivial und tiefgründig so alles hergibt, was möglich ist.

 Die Botschaft, die in unserer heutigen Zeit mitschwingt, ist klar und deutlich, wenn auch nicht explizit ausgesprochen. Ein Regime, das Menschen verführt, endet in erzwungener Gleichschaltung. Das Individuum kann sich diesem Sog nicht entziehen und bleibt letztlich völlig auf der Strecke. Ob Gegner oder Opportunisten, Mitläufer oder Fanatiker, es gibt in einem Setting wie diesem keine Gewinner, sondern nur Verlierer.

Erschienen in European Cultural News (ISSN 2308-085X) am 17. Oktober 2026
https://european-cultural-news.com/nashoerner-eugene-ionesco-schauspielhaus-graz/59644/

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Schauspielhaus Graz

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