Im Festspielhauis in St. Pölten durfte das Publikum mit dem belgischen Regisseur Benjamin Abel Meirhaeghe ein Tanzfest der besonderen Art erleben. Die Österreich-Premiere von Chapters of Celebration, die er gemeinsam mit dem Musiker und Komponisten Wouter Deltour, sowie sechs unterschiedlichen Choreografien und auch sechs Tanzenden auf die Bühne brachte, geriet am Ende zu einer ausgelassenen Mittanz-Session.
Meirhaeghe versprühte bei seiner kurzen Einführung eine große Menge Sympathie, die, so sollte es sich erweisen, von allen Beteiligten auf der Bühne spiegelnd aufgenommen und gleichermaßen wiedergegeben wurde. Es kommt selten vor, dass man ein Ensemble, zumal ein zahlenmäßig so großes, so homogen sympathisch wahrnimmt, wie es an diesem Abend der Fall war.
Gleich der allererste Auftritt überraschte, kamen doch 13 Personen aus dem ‚Off‘ Flöte spielend und sich dabei langsam auf die Bühne zu bewegend in den Saal. Mit einem Schlag fühlte man sich um Jahrtausende zurückversetzt. Zwar waren es keine Auloi, die geblasen wurden, sondern zarte, einrohrige Flöten, dennoch konnte man sich leicht vorstellen, welche Klänge in der Antike zu vernehmen waren, wenn Festspiele – ob theatralische oder sportlicher Natur – damit eröffnet wurden.
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Die Sitzordnung war für das Publikum besonders intim, waren doch die Reihen direkt auf der Bühne, im Quadrat nahe um die Tanzfläche angeordnet, sodass man sich hautnah in Kontakt mit den Tanzenden befand. Die einzelnen Choreografien stammten von Michele Rizzo, Cherish Menzo, Lasseindra Ninja, Iker Karrera, Jeremy Nedd und Toni Jodar, der an diesem Abend auch selbst tanzte. Angekündigt wurden sie durch künstlerisch gestaltete, bunte Tafeln, die – wie die Rundenschilder bei Boxkämpfen – von Hand auf die Bühne getragen und dort vorgezeigt wurden.
Zwei grundlegende Ausgangspunkte hatte der Regisseur für diese Inszenierung aufgerufen: Erstens ein Kaleidoskop des Tanzes von seinen Ursprüngen bis heute auf die Bühne zu bringen und zweitens ein musikalisches Hauptmotiv dabei zu berücksichtigen: La Folia, eine musikalische Ausdrucksform, deren Ursprung als Tanz in Portugal liegt und vor allem Komponierende im Barock und danach zu eigenen Stücken anregte. Dieser ursprüngliche Reigentanz, der sich bis zur Ekstase steigert, veränderte sich im Laufe der Jahrhunderte. Immer jedoch – so an diesem Abend gut nachzuvollziehen – geschah dies mit dem Ziel, den Tanz so zu intensivieren, bis er zu einem nicht mehr steigerbaren Punkt anlangte.
Das B’Rock Orchestra spielte dementsprechende Kompositionen von Wouter Deltour, der zugleich als Dirigent und Musiker agierte. Mit Andrea Jiménez Vásquez an den Percussion-Instrumenten und Asako Ueda an der Gitarre kann er auf zwei Könnerinnen ihres Faches zurückgreifen, die auf allerhöchstem, musikalisches Spitzenniveau ihre Instrumente beherrschen.
In einzigartiger Art und Weise wurden die beiden Damen choreografisch auch auf der Tanzfläche ins Geschehen eingebunden. So verfolgte Asako Ueda die Tanzenden mit ihren wilden, rhythmisch peitschenden Klängen an der Gitarre körperlich, während Andrea Jiménez Vásquez, ausgestattet mit Kastagnetten, sich mit Emiel Vandenberghe ein berauschendes Pas-de-deux lieferte. Die klassische Balletteinlage, die von ihm getanzt wurde, sucht ihresgleichen, nicht zuletzt auch aufgrund der körperlichen Attraktivität des Tänzers.
Er muss sich nicht scheuen, mit antiken Statuen verglichen zu werden, deren Schönheitsdarstellungen als idealisiert galten. Vandenberghes körperliche Verfassung ist jedoch nicht idealisiert, sondern real und dadurch unglaublich beeindruckend. Seine Körperbeherrschung und die ausgewählte Choreografie mit vielen Sprüngen auf kleinem Raum gehörten zu den Höhepunkten der Inszenierung.
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Eleni Ellada Damianou lieferte ein gegensätzliches Solo ab. Leuchtete das helle Inkarnat von Vandenberghe verführerisch während seines Auftrittes förmlich aus der Bühne heraus, war ihr Solo in Finsternis eingebettet. Mystisch, rätselhaft und wie in einem dunklen Kokon konnte man ihren Tanz mit vielen Bodenbewegungen mehr erahnen als verfolgen.
Ein köstlich humoriges Intermezzo gelang mit einem Licht-Ballett, welches unter völliger Abwesenheit von Tänzerinnen und Tänzern das Publikum erheiterte. Jener Auftritt in welchem Patric da Cunha, Alphonse Eklou Uwantege und Eleni Ellada Damianou zu hartem Techno-Beat Cyberwesen imitierten, knüpfte an die derzeitige Entwicklung in der Robotik an. Im jetzigen Stadium ist man sich nicht mehr sicher, inwiefern diese künstlichen Wesen in der Lage sind, auch Emotionen zu empfinden. Eingefrorenes Lachen zu Beginn und schmerzverzerrte Gesichter am Ende dieses Auftrittes deuteten genau auf diese Problematik hin.
Patric da Cunhas Solo mit Mikrofonen in seinen Schuhabsätzen, sowie auf einer seiner Wade ausgestattet, verwies ebenso auf KI, die den Menschen selbst körperlich zu steuern beginnt. Wie sich seine Beine verselbständigten und ihm körperlich verdrehte Posen aufzwangen, berührte die Zusehenden beinahe körperlich. Mit vergleichbaren technischen Mitteln agierte Marco Donnarumma vor einem Jahr im Grazer Dom im Berg, wobei auch er beim Publikum als Cybergestalt eine starke Empathie auslöste.
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Der letzte Auftritt wurde, wie auch der allererste, von Toni Jodar eingeleitet, der in höchst pantomimischer Art und Weise die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zog. Er interagierte bei seinem letzten Solo als Mentor, der Guillem Jiménez wie von Zauberhand auf die Bühne lotste. Seiner solistischen Performance schlossen sich seine Kollegen und seine Kollegin an, um letztlich in einem Rundtanz auch das Publikum dazu aufzufordern, mitzumachen. Innerhalb weniger Augenblicke folgten viele dieser ‚Aufforderung zum Tanz‘ und erlebten so, was Benjamin Abel Meirhaeghes Hauptintention dieses Abends war: Gemeinsam etwas zu schaffen, das alleine nicht möglich ist. Im gemeinsamen Tanzen ließ sich erfahren, dass der Mensch Menschen braucht und dabei Energien entstehen, die allein nicht möglich wären. Das spürten nicht nur jene, die auf der Tanzfläche ausgelassen im Kreis tanzten, sondern auch jene, die auf ihren Sitzen geblieben waren. Ein nicht enden wollender Applaus bewies dies hinlänglich.
Erschienen in European Cultural News (ISSN 2308-085X) am 13. Oktober 2026
https://european-cultural-news.com/abel-meirhaeghe-chapters-of-celebration/59639/

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