Es gibt in Österreich wohl kaum jemanden, der nicht in irgendeiner Art und Weise mit der Musik von Franz Schubert in Berührung gekommen ist – und sei es nur beim Wocheneinkauf. Wer im Supermarkt zur geräucherten Forelle greift, dem ist ‚Die Forelle‘ zuvor höchstwahrscheinlich schon im Werbespot munter entgegengeplätschert, untermalt von glasklaren Gebirgsbächen und einer Frische, die man dem Filet im Kühlregal nur mit einiger Fantasie abnimmt. Wird es feierlich, weil eine Stiftung Gutes tut, darf ‚An die Musik‘ die Herzen erwärmen. Gleitet hingegen eine Limousine lautlos durch nächtliche Stadtlandschaften, perlt nicht selten ein Impromptu dazu. Es verspricht zeitlose Eleganz, die man sich selbstverständlich auch leisten können sollte. Schubert steht in der Werbung für Beständigkeit, Seriosität und Tradition. Dass er jedoch weit mehr kann, als Fisch, Autos und Uhren an die Frau und an den Mann zu bringen, bewies die musicbanda franui am 9. Oktober im Großen Saal des Konzerthauses gemeinsam mit einer stattlichen Riege an Gästen. Und ja, den Song Contest gewann an diesem Abend tatsächlich Franz Schubert.
Schon der Beginn machte klar, dass hier kein weihevoller Liederabend zu erwarten war. Mit Stücken aus den ‚Deutschen Tänzen‘ holte das Ensemble jenen „Tanz-Franz“ auf die Bühne, der für die geselligen Abende seines Freundeskreises unzählige Ländler und Walzer schrieb. Schwerfällig, mit herrlich „schiefen“ Bläsern, erinnerte das an die Blasmusik-Ekstasen eines Goran Bregović. Die Zither hielt das Geschehen dennoch fest im Alpenländischen verankert. Genau in diesem Spannungsfeld zwischen Wirtshaus und Konzertsaal, zwischen Trauermarsch und Tanzboden, entfalten die Arrangements von Musicbanda Franui ihren Reiz. So wurde aus einem zutiefst melancholischen Lied der ‚Schönen Müllerin‘ plötzlich ein veritabler Stampfer, und ein ‚Ständchen‘ entfaltete die unerwartete Attitüde eines frivolen Walzers.
Dass der Abend dabei nie ins bloß Kabarettistische kippte, war den großen Stimmen zu verdanken, die das Ensemble um sich versammelt hatte. Florian Boesch, Julian Prégardien und Anja Mittermüller zeigten eindrucksvoll, wie hoch die Liedkunst Schuberts in Österreich gehalten wird. Die feinen Modulationen innerhalb der Lieder beherrschen alle drei in höchster Perfektion. Die Stimmungsfarben, die innerhalb eines einzigen Satzes bei Schubert gerne wechseln, sogar innerhalb eines Wortes, wurden so kunstvoll interpretiert, dass man jeder Schattierung des Textes unmittelbar folgen konnte. Boesch durchmaß die Abgründe der ‚Müllerin‘ zwischen poetischer Melancholie und aggressiver Verzweiflung. Mittermüllers „Du holde Kunst“ war das genaue Gegenteil von Werbeberieselung, und bei der ‚Litanei auf das Fest Allerseelen‘ geriet ein Zitherzwischenspiel schlicht zum Weinen schön. Prégardien wiederum bewies Verve und Witz, ehe er im ‚Doppelgänger‘ Trauer und Schmerz zu einem lange nachhallenden Moment verdichtete. Julius Drake begleitete die Schubertlieder am Klavier einfühlsam, sich nie in den Vordergrund drängend und doch mit bewusst gesetztem melodischen Kontra, wie man es von einer pianistischen Begleitung erwarten darf.
Den Kontrapunkt zu dieser klassischen Liedkunst setzten jene Gäste, die Schubert aus ganz anderen Richtungen ansteuerten. Oliver Welter und Clara Frühstück verwandelten mit Gitarre und Klavier Lieder aus der ‚Winterreise‘ in eine Art Rock-Session mit akustischen Anleihen an Udo Lindenberg. Anna Mabo interpretierte hingegen mit ihren Buben das ‚Gretchen am Spinnrade‘ als lupenreine Popnummer und führte letztlich eindringlich vor, wie sich ein liebend Herz anfühlen kann, wenn es dementstprechend vokalisiert wird. Im Anschluss daran wagten sich Die Strottern doch - trotz vorheriger Verneinung - an einige gesangliche Darbietungen in Kombination mit ihren unverwechselbaren, launigen Aperçus und ergänzten den Abend mit ihrem nicht nachzuahmenden, augenzwinkernden Wiener Lokalcolorit-Touch.
Für die größte Überraschung sorgte Karl Markovics, der bestens als Schauspieler, aber nicht als Sänger bekannt ist und sich dennoch gekonnt und packend an ‚Das Wirtshaus‘ wagte. Seinen rezitierten ‚Erlkönig‘ griffen The Erlkings nahtlos auf, auf Englisch gesungen und mit Tuba, Cello und Schlagwerk begleitet. Die sich immer weiter verdichtende Dynamik endete völlig unerwartet, denn es geschah, was Goethe, der den Text schrieb, so nicht intendiert hatte: Das sterbende Kind, mit dem der Vater halsbrecherisch reitet, um Hilfe zu erlangen, überlebt auf eine sehr prosaische Art und Weise. Das erleichterte Lachen, das durch den Saal ging, war ein humoriger Entspannungsmoment der Extraklasse.
Zusammengehalten wurde dieser bunte Reigen von einer Moderation, die für sich selbst ein Schmankerl war und so manche Anekdote parat hatte. Hoch enthusiasmiert folgte das Publikum der Zugabe "Zum Rundtanz", in dessen Text der wunderschöne Satz „Also schweben wir durchs Leben!“ vorkommt. Welch wunderbarer Gedanke, den Schubert so wunderbar musikalisch umsetzen konnte. Damit wurde auch der endgültige Beweis angetreten, dass Schuberts Musik nicht auf Werbejingles zu reduzieren ist, sondern dass sie selbst das pure, sprühende Leben in sich trägt. Ein Geschenk, das noch viele Generationen nach uns beglücken wird.
Erschienen in European Cultural News (ISSN 2308-085X) am 12. Oktober 2026
https://european-cultural-news.com/musicbanda-franui-konzerthaus/59635/





