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8. November 2026Suchen
Gesellschaft

Das Cello im Maschinenraum: Warum wir im KI-Zeitalter eine zweite Aufklärung brauchen

von Michael Preiner,

Künstlerische Illustration von Baruch de Spinoza am Schreibtisch mit Schreibfeder, dessen Gesicht und Hintergrund zur Hälfte in leuchtende digitale Netzwerke und KI-Datenströme übergehen.
Vom Maschinesein zurück zum Menschsein: Baruch de Spinoza (1632–1677) als Vordenker einer sinnlichen Aufklärung im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. (Illustration: KI-generiert nach dem historischen Porträt von 1665)
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Ein Essay über das Ende der Selbstoptimierungs-Ökonomie, das solidarische Erbe von Bürgertum und Arbeiter:innenbewegung, die Rückkehr von Spinoza und der Stoa – und die Frage, was vom Menschen bleibt, wenn die Maschine die Arbeit übernimmt.
(Inspiriert von einem Gespräch zwischen Richard David Precht und Philipp Blom)

Wir erleben derzeit ein faszinierendes Schauspiel kollektiver Verdrängung. In den Chefetagen, auf Konferenzen und in den Medien wird Künstliche Intelligenz fast ausschließlich als das diskutiert, was sie auf den ersten Blick zu sein scheint: die ultimative Effizienzmaschine. Ein Werkzeug, das Texte schreibt, Code generiert, Diagnosen stellt, Verwaltungsvorgänge beschleunigt und Kosten senkt. Doch weil das menschliche Gehirn evolutionär für lineare Gefahren im unmittelbaren Sichtfeld gebaut ist und sich mit exponentiellen Entwicklungen schwertut, weichen wir der eigentlichen Frage beharrlich aus: Was passiert eigentlich am Tag nachdem wir alle Prozesse durchoptimiert haben?

In einer jüngsten Ausgabe der ZDF-Sendung „Precht“ haben Richard David Precht und der Historiker und Philosoph Philipp Blom unter dem Titel „Warum Vernunft aus der Mode kommt“ genau diesen wunden Punkt unserer Zeit diskutiert. Wie Precht dort treffend skizziert, markierte das erste Maschinenzeitalter – als die Fähigkeiten der menschlichen Hand durch Maschinen ersetzt wurden – den Beginn des bürgerlichen Zeitalters. Nun aber treten wir in ein „zweites Maschinenzeitalter“ ein, in dem durch Künstliche Intelligenz weite Teile der geistigen Routine- und Facharbeit ersetzt werden können. Damit gerät ein über zweihundert Jahre altes Fundament ins Wanken: die Gewohnheit, dass der Mensch seinen gesellschaftlichen Platz, seine sozialen Kontakte, seinen Selbstwert und vor allem seine materielle Existenzberechtigung über die Erwerbsarbeit definiert.

Wenn Menschen heute mit Unbehagen auf diese Entwicklung blicken, ist das keine bloße Technologiefeindlichkeit und auch keine eitle Sorge um den Verlust von Statussymbolen. Es ist eine zutiefst rationale Existenzangst. Wir brauchen Geld, um zu leben und unser Leben zu gestalten. Solange unser Wirtschaftssystem so tut, als müsse sich jeder seine Existenz über den Verkauf seiner Arbeitskraft auf einem Markt verdienen, der genau diese Arbeitskraft immer weniger nachfragt, bedeutet die „Befreiung von der Arbeit“ im bestehenden System schlichtweg den sozialen Absturz. Hinzu kommt eine tief sitzende anthropologische Furcht: Der Mensch fürchtet sich vor jedem Wandel, dessen Ziel er nicht kennt. Und anders als in der Nachkriegszeit, in der – wie Blom im Gespräch erinnert – das Aufstiegsversprechen galt, dass es den eigenen Kindern einmal besser gehen werde, liefert uns das Silicon Valley heute zwar eine technologische Machbarkeitsvision, aber keinerlei Gesellschaftsentwurf.

Die große Entsolidarisierung – und das vergessene Erbe unserer Brückenbauer
Warum aber fällt es uns heute so schwer, ein solches solidarisches Zielbild zu entwickeln? Während Blom im Gespräch bereits darauf hinweist, dass ein seit den 2000er-Jahren dominierender, flacher Wirtschaftsliberalismus Freiheit auf das Recht verkürzt hat, „sich für den Markt selbst zu optimieren“, lohnt sich ein noch schärferer Blick auf die gesellschaftlichen Folgen dieser Entwicklung in den vergangenen dreißig Jahren.

Die Erhebung der Selbstoptimierung zur obersten Maxime hat eine perfide moralische Erzählung hervorgebracht: Wenn jeder seines Glückes eigener Schmied ist, dann gilt wirtschaftlicher Erfolg als Beweis individueller Überlegenheit – und Arbeitslosigkeit oder Armut im Umkehrschluss als Folge persönlicher „Faulheit“. Es ist ein Narrativ, das sich hartnäckig hält, obwohl ein nüchterner Blick auf die Zahlen zeigt, dass sich echte Vollbeschäftigung in den meisten westlichen Volkswirtschaften schon seit Jahrzehnten strukturell gar nicht mehr ausgeht. Dennoch haben wir in diesen drei Jahrzehnten gelernt, reflexartig nach unten zu treten: Die Schuld an wirtschaftlicher Stagnation wird bei Arbeitslosen, Geringverdienern und der vermeintlichen „sozialen Hängematte“ gesucht. Währenddessen wird jede sachliche Debatte über die historische Spreizung von Einkommen und Vermögen – wie Blom anmerkt, stagnieren die realen Einkommen normaler Erwerbstätiger seit den 1980er-Jahren nahezu, während große Vermögen explodiert sind – sofort mit dem reflexartigen Totschlagargument des „Neides“ oder der „Neidsteuer“ erstickt.

Flankiert wird diese Entsolidarisierung von einem immer lauter werdenden Libertarismus, den Precht am Beispiel US-amerikanischer Vordenker wie Curtis Yarvin und Peter Thiel beschreibt, dessen Vorboten aber längst auch unseren europäischen Wirtschaftsalltag erreicht haben. Obwohl Märkte, wie Blom nüchtern festhält, niemals im luftleeren Raum existieren, sondern nur funktionieren, weil es Gerichte, Schulen, Polizei, Straßen und Kartellgesetze gibt, wird der demokratische Steuerstaat in Teilen der Wirtschaftsdiskussion systematisch delegitimiert und als „Raub“ oder „Diebstahl“ am Eigentum der Leistungsträger geframt.

Diese libertäre Erzählung leidet an historischer Amnesie. Sie vergisst völlig, wie der ungebändigte Kapitalismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts einst gezähmt und überhaupt erst überlebensfähig gemacht wurde – und zwar durch den Brückenbau von zwei Seiten: durch ein verantwortungsbewusstes Bürgertum ebenso wie durch eine entschlossene Arbeiter:innenbewegung.

Auf bürgerlicher und bäuerlicher Seite wurden einst die Sparkassen nicht zur Gewinnmaximierung an den Finanzmärkten gegründet, sondern aus Verantwortung für das Gemeinwohl, um breiten Schichten Sicherheit und wirtschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Die Raiffeisenkassen und Genossenschaften entstanden aus der tiefen Einsicht Friedrich Wilhelm Raiffeisens: „Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele.“ Und unsere Versicherungen erwuchsen aus Vereinen auf Gegenseitigkeit, um existenzielle Schicksalsschläge auf gemeinsame Schultern zu verteilen.

Gleichzeitig erkämpfte die Arbeiter:innenbewegung gegen enorme Widerstände das Recht auf Würde, Bildung, soziale Absicherung und demokratische Mitbestimmung für jene Millionen Menschen, die über nichts als ihre eigene Arbeitskraft verfügten. Gerade Österreich hat daraus mit der Gründung der Arbeiterkammern im Jahr 1920 eine bis heute international beispielgebende demokratische Errungenschaft geformt: Die Ideen der Arbeiter:innenbewegung nach kollektiver Selbsthilfe, arbeits- und sozialrechtlichem Schutz, Konsumentenschutz und geistiger Emanzipation durch Bildung wurden hier in eine gesetzliche Institution gegossen, die den Arbeitnehmer:innen auf Augenhöhe mit der Wirtschaft eine wissenschaftlich fundierte und politisch gewichtige Stimme verleiht.

Erst dieses Zusammenspiel – das Zusammenwirken von bürgerlichem Gemeinsinn, genossenschaftlicher Selbsthilfe und den durch die Arbeiter:innenbewegung errungenen Institutionen wie den Arbeiterkammern und der Sozialpartnerschaft – hat nach dem Zweiten Weltkrieg jene Brücke gebaut, über die unsere Gesellschaft zu historisch beispiellosem Wohlstand, sozialem Aufstieg und innerem Frieden gelangt ist. Wer heute im Angesicht der KI-Revolution wieder Spaltung und das Recht des Stärkeren predigt, legt die Axt an beide Pfeiler dieser Brücke.


Der Geburtsfehler der ersten Aufklärung
Um ein neues Fundament für das 21. Jahrhundert zu legen, lohnt es sich, Philipp Bloms ideengeschichtlicher Spurensuche zu folgen. In seinen Büchern und im Gespräch mit Precht legt Blom dar, dass das, was wir heute als „die Aufklärung“ bezeichnen, im Grunde eine Erfindung großbärtiger Historiker des 19. Jahrhunderts war, die dem aufsteigenden Bürgertum um Denker wie Kant und Voltaire eine passende Gründungslegende schrieben.

Fast alle diese gemäßigten Aufklärer waren, wie Blom betont, in christlichen – oft jesuitischen – Schulen geprägt worden. Sie schrieben zwar gegen Thron und Kirche an, behielten aber den theologischen Denkreflex bei: Aus dem biblischen „Macht euch die Erde untertan“ wurde die wissenschaftliche Naturbeherrschung; aus der christlichen Heilsgeschichte wurde der lineare Fortschrittsglaube. Und an die Stelle der christlichen Seele trat bei Kant die „Vernunft“, die fortan den eigenen Körper, die Gefühle und Instinkte zu unterdrücken hatte.

Precht ergänzt diesen Befund um eine entscheidende Beobachtung: Während der antike Logos-Begriff der Griechen noch die technische Rationalität mit der praktischen Lebensweisheit verband, spaltete sich die bloß technische, zweckgerichtete Rationalität im 19. Jahrhundert ab und verselbstständigte sich – bis sie heute, wie beide diagnostizieren, im Dienste völlig irrationaler Macht- und Reichtumsziele im KI-Zeitalter gipfelt. Die bittere Pointe lautet: Genau in dieser abgespaltenen, rechnenden Rationalität hat uns die Künstliche Intelligenz nun überholt. Wer den Menschen weiterhin nach dem Maßstab der gemäßigten Aufklärung als kognitiven Problemlöser für den Markt definiert, macht ihn im KI-Zeitalter überflüssig.

Spinoza, die Stoa und die Kultivierung der Emotion
Doch Blom erinnert daran, dass die Aufklärungen des 17. und 18. Jahrhunderts in Wahrheit viel komplexer, frecher und widersprüchlicher waren. Denker der radikalen Aufklärung wie Baruch de Spinoza oder Denis Diderot weigerten sich, den Menschen einem christlich geprägten Dualismus von Geist und Körper zu unterwerfen. Wie Blom hervorhebt, sind wir aus Sicht dieser Denker – und der modernen Naturwissenschaft – keine rein rationalen Wesen, die über der Natur stehen, sondern körperliche, soziale Tiere, deren tiefste Lebensziele – Nähe, Gemeinschaft, Essen, Sexualität, Kinder zu bekommen – ökonomisch und formal betrachtet völlig „irrational“ sind, aber genau unser Menschsein ausmachen. Nimmt man diesen Gedanken von Blom und Spinoza beim Wort, wird er im Zeitalter der KI zu unserem Rettungsanker: Wenn die Maschine unsere gewohnte Arbeit und das Optimieren übernimmt, nimmt sie uns nicht das Menschsein – sie nimmt uns nur das Maschinesein, zu dem wir uns in der Nützlichkeitsökonomie gemacht haben.

Wie aber gehen wir als körperlich-emotionale Wesen mit den Verunsicherungen dieses Umbruchs um? Precht weist im Gespräch darauf hin, dass das Bürgertum früherer Generationen das Zeigen von Gefühlen unterdrückte, während unsere Gegenwart ins gegenteilige Extrem umgeschlagen ist: Unter dem Banner der „Authentizität“ wird heute jedes ungefilterte Gefühl zur eigenen Wahrheit erhoben – doch aus lauter atomisierten Ich-Welten lässt sich kein Gemeinwesen stricken.
Um diese Lücke zwischen kaltem Rationalismus und haltloser Emotionalisierung zu schließen, bietet sich ein Rückgriff auf eine philosophische Tradition an, die schon Spinoza tief geprägt hat: die antike Stoa. Stoisch zu leben bedeutet im ursprünglichen Sinne von Seneca, Epiktet oder Marc Aurel gerade nicht, Gefühle zu verleugnen. Die Stoiker wussten, dass wir dem ersten Ansturm von Emotionen – auch der Furcht vor dem Wandel – nicht entgehen können. Die eigentliche Kunst besteht darin, die Emotion zu kultivieren: sie anzunehmen, ohne ihr blind zu folgen, zwischen dem zu unterscheiden, was nicht in unserer Macht steht, und dem, was wir aktiv gestalten können, und so aus lähmender Angst souveräne Handlungsfähigkeit zu gewinnen.


Das Cello-Prinzip: Warum Freiheit Übung braucht
Was aber gestalten wir, wenn die klassische Erwerbsarbeit als zentraler Lebensinhalt schwindet? Für die Antwort auf diese Frage liefert Philipp Blom gegen Ende des Gesprächs mit Precht ein unvergessliches Bild aus seiner eigenen Erfahrung als Musiker: Wenn man einem Menschen das teuerste Stradivari-Cello der Welt in die Hand drückt und ihm sagt, er sei nun vollkommen frei, darauf zu spielen, was immer er wolle, dann ist diese Freiheit für ihn völlig nutzlos – solange er nicht zwanzig Jahre lang geübt hat. Erst wer freiwillig Beschränkungen und Disziplin auf sich nimmt, wer auch gegen eigene Unlust übt, erobert sich überhaupt erst jenen Handlungsraum, in dem wahre Freiheit möglich wird. Freiheit, so Blom, ist nicht das kindliche „Ich mache, was ich will“, sondern ein Raum, den man sich nicht kaufen, sondern nur durch Zeit und Mühe erwerben kann.

Genau hier liegt, wie Blom und Precht gemeinsam herausarbeiten, die größte kulturelle Gefahr des KI-Zeitalters. Die Künstliche Intelligenz verführt uns mit dem Versprechen, uns jede lästige Anstrengung abzunehmen: Du hast eine Frage? Ich habe die Antwort schon. Du musst nicht mehr lernen, wie man Fragen stellt, wie man selbst recherchiert oder komplex denkt. Wenn wir dieser Verführung nachgeben, so Bloms Warnung, „können wir uns gleich einmotten“. Und Precht ergänzt, wie schwer es im KI-Zeitalter werden wird, Menschen klarzumachen, dass sie dennoch diese „langen Wege gehen müssen, an denen sie reifen“, um einen inneren Reichtum zu erwerben, der ökonomisch gar nicht mehr verwertbar ist.

Überträgt man dieses „Cello-Prinzip“ auf unsere Arbeits- und Lebenswelt, wird klar: Wahre Befreiung von der Erwerbsarbeit bedeutet nicht das Ende der Anstrengung, sondern die Befreiung der Anstrengung vom Diktat des Marktes. Wir brauchen die langen Wege des Übens und Reifens – in der Musik, in der Kunst, im Handwerk, im Sport, im Ehrenamt und vor allem dort, wo wir, wie Blom mahnt, nicht bloß „ein Finger bleiben, der wischt, und ein Auge, das sieht“, sondern uns als körperliche Wesen im analogen Raum begegnen: im Theater, im Konzertsaal, im Kaffeehaus, im unmittelbaren Gespräch von Mensch zu Mensch.


Der Auftrag für morgen
Wahrscheinlich wird die menschliche Neigung zum Verdrängen dazu führen, dass wir die große Debatte über die Entkopplung von Arbeit und Einkommen erst dann ernsthaft führen, wenn der Druck auf den Arbeitsmarkt unübersehbar wird. Doch die geistigen Schneisen dafür müssen wir heute schlagen – nicht durch neue Grabenkämpfe, sondern als Brückenbauer.

Eine „zweite Aufklärung“ für das 21. Jahrhundert muss das, was Blom und Precht philosophisch angestoßen haben, mit einer handfesten Erneuerung unserer Wirtschafts- und Sozialordnung verbinden: Sie muss an das beste solidarische Erbe unserer Geschichte – an den Gründungsgeist der Sparkassen, Genossenschaften und Versicherungen ebenso wie an die Errungenschaften der Arbeiter:innenbewegung und der Arbeiterkammern – anknüpfen. Sie muss den libertären Mythos vom steuerfreien Selbstoptimierer entzaubern und dafür sorgen, dass die enormen Produktivitätsgewinne der KI über ein legitimiertes Steuersystem das Gemeinwesen finanzieren und den Menschen die nackte Existenzangst nehmen. Und sie muss uns kulturell daran erinnern, dass unser Wert nicht darin liegt, bessere Computer zu sein. Erst wenn wir die materielle Existenz gerecht sichern und zugleich den Mut aufbringen, unsere Emotionen stoisch zu kultivieren und unser eigenes „Cello“ in die Hand zu nehmen, wird aus der Krise der Arbeitsgesellschaft eine Renaissance des Menschlichen.

Erschienen in European Cultural News (ISSN 2308-085X) am 8. November 2026
https://european-cultural-news.com/zweite-aufklaerung-ki-zeitalter-spinoza-stoa/59651/

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