Genaugenommen sind es Un-Räume. Räume, die keinen Charme ausstrahlen, in welchen man sich meist nicht lange aufhält und wenn doch, dann nur gezwungenermaßen. Räume, die nicht mehr hier und noch nicht dort sind, sondern in einem Zwischenstadium verharren. Gemeint sind jene Locations an Flughäfen, in welchen man auf das Boarding wartet. Transiträume, wie sie auch genannt werden.
Der Tänzer und Choreograf Sead Vuniqi hat diese Szenerien genau beobachtet und mit dem Kosovo National Ballett eine Choreografie erarbeitet, die sich mit diesem Ort beschäftigt. In der Produktion „Termin@l“, die von der Bühnenwerkstatt im Rahmen ihres 35-jährigen Festivals im Kristallwerk in Graz gezeigt wurde, schlägt das Pendel zwischen Ruhephasen und solchen, die Hektik verbreiten, permanent aus. Vuniqi lässt das Publikum an so manchem Reisebeginn teilhaben. An solchen, die in der Gruppe stattfinden und mit einem All-Together-Selfie beginnen, aber auch an solchen, die von Individuen angetreten werden.
Da ist zum einen jene Frau, die völlig in sich gekehrt, die Hände über der Brust verschränkt, ängstlich allen Personen ausweicht, die ihr zu nahekommen. Dann wieder jener junge Mann, der sich ohne Unterlass mit seinem Computerspiel beschäftigt – so innig, dass man fürchtet, er würde seinen Flug verpassen. Drei junge Burschen lassen ihren Emotionen freien Lauf und beginnen einen Raufhandel miteinander, völlig außer Acht lassend, wo sie sich eigentlich befinden. Liebespaare trennen sich voller Herzschmerzen, bei anderen wiederum erkennt man, dass das innige Gefühl, zu jemandem zu gehören und diesen nicht loslassen zu wollen, nur einseitig ist.
Eine Situation, in welcher zwei Gruppen auf der Bühne versammelt sind (das Ensemble selbst zählt 11 Personen), lässt zwei verschiedene Handlungsdeutungen zu. Durch ungestümes Eindringen von Einzelpersonen geraten die Gruppen völlig aus der Ruhe und werden durcheinandergewirbelt, sodass einige Personen sogar zu Boden stürzen. Man darf mutmaßen, dass hier jemand sehr schnell zu seinem Gate muss, und sich dabei rücksichtslos verhält, aber auch, dass nach Terroranschlägen keine Gemeinschaft mehr so ist, wie sie wenige Augenblicke zuvor war.
Die Video-Einspielungen vom Malovichki Kirill & Feodori Maria zeigen über lange Strecken sterile computergenerierte, lineare Raumanordnungen, dann wieder Anzeigetafeln von Flughäfen, auf welchen sich permanent die Reihenfolge verändert.
Das Ensemble tanzt häufig synchron, vor allem, wenn es darum geht, standardisierte Abläufe zu zeigen, die ein Flughafen mit sich bringt. Dazu gehört auch jene Szene, in welcher sich die Tanzenden beim Sicherheitscheck befinden. Die Arme heben, bereit, abgetastet zu werden, sich um die eigene Achse drehen lassen, Beine auseinandergrätschen – all das, was man von eigenen Observationen kennt, wird hier tänzerisch verarbeitet. Bis hin zu jener Aussage, bei der einem klar wird, welch übergriffigen, menschenverachtenden Aktionen sich Fluggäste aussetzen müssen, bevor sie sich ins Flugzeug begeben dürfen.
Es ist dieser genaue Blick, der die Situationen am Flughafen seziert, der in „TERMIN@L“ fasziniert. Losgelöst vom Stress, sich selbst an einem Terminal zu befinden, lässt sich so manche menschliche zwischenmenschliche Aktion und Interaktion als etwas begreifen, das man gut nachvollziehen kann. Entweder, weil man selbst die Emotionen und Handlungen durchlebte, oder sie von anderen Menschen kennt.
Zu spüren ist auch die Vereinsamung, die trotz Masse vor sich geht, auch der Rückzug in sich selbst, wenn rundherum alles zuviel wird. Dies geschieht durch ruhige, fließende Bewegungen, die der Hektik Paroli bieten. Der vielfältige Soundlayer stammt von Andreas Moustoukis und passt sich den jeweiligen Situationen an. Ob ein zarter Frauenchor, harte Beats oder langgezogene Klangteppiche, stets unterstützt die Musik die Szenerie und bietet ausreichend rhythmische Anhaltspunkte, um sie choreografisch nutzen zu können.
Gegen Schluss wird der Anklang an eine historische Stadtlandschaft projiziert, über der viele Vögel fliegen. Die damit einhergehenden Assoziationen bleiben offen, erwecken aber den Eindruck, als erinnerten sich einige der Tanzenden an einen Ort, der so gar nichts mit dem zu tun hat, in welchem sie sich gerade befinden. Das generelle Pulsieren und individuelle Innehalten, das Un-Orte wie Terminals mit sich bringen, wird gut in Erinnerung bleiben. Sicherlich auch ein geschärfter Blick, der künftig die eigene Wahrnehmung stärker nach außen verlagern wird – hin zu jenen Menschen, deren Schicksal sich den fremden Reisenden nicht erschließt, zumindest ansatzweise aber erahnen lässt.



