Die alte Dame ist leider aktueller denn je

Michaela Preiner

28. Juli 2026

Foto: (Markus Tordik )

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‚Der Besuch der alten Dame‘ von Friedrich Dürrenmatt wurde im Staatstheater am Gärtnerplatz in München in der Opernfassung von Gottfried von Einem fulminant umgesetzt.

Um diese Oper, für die Dürrenmatt das Libretto selbst verfasste, wurde es nach dem ersten Spielenthusiasmus, der sich an die Premiere in Wien 1971 anschloss, sehr ruhig.

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© Markus Tordik

Dies mag wohl auch der großen Besetzung geschuldet sein, die sinngemäß ein ganzes Dorf auf die Bühne bringt. In Österreich fand die letzte Aufführung 2018 im Theater an der Wien statt, im Juli gab es nach längerer Pause auch in Deutschland wieder die Möglichkeit, sich dieses selten aufgeführte Werk anzusehen und anzuhören. Grund genug auch für Opernbegeisterte, die nicht in München wohnen, zu den Aufführungen anzureisen, zumal sie mit einem speziellen Regisseur aufwarten konnte.

Nikolaus Habjan, bekannt für seine Inszenierungen, in welchen menschengroße Klappmaulpuppen zum Einsatz kommen, konnte dafür engagiert werden. Er verlangte nicht nur den Sängerinnen und Sängern, sondern vor allem auch Manuela Linshalm als Puppenspielerin in der Rolle von Claire Zachanassian und Angelo Konzett als ‚Schwarzer Panther‘ enorm viel ab. Linshalm bewegte sich beinahe unsichtbar, hinter der Puppe versteckt, auf der Bühne. Das Öffnen und Schließen der Mundpartie, von welchem die Glaubwürdigkeit der Figur abhängt, musste synchron mit dem Gesang von Sophie Rennert vonstattengehen. Das bedeutete, dass Linshalm die Partitur in gleicher Weise verinnerlicht haben musste wie die exzellente Sängerin, was einer Gewaltaufgabe gleichkommt. Es kommt kaum vor, dass sich bei einer Gesangspartie die Rezension auf zwei Personen konzentrieren muss – aber in diesem Falle ist dies tatsächlich unumgänglich, da man die Leistung der Puppenspielerin gar nicht hoch genug einschätzen kann.

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© Markus Tordik

Die Mezzosopranistin Rennert, eine gebürtige Österreicherin, die bereits auf vielen großen Bühnen weltweit anzutreffen war und mit internationalen Musikgrößen zusammenarbeitete, meisterte die Titelpartie mit atemraubender Grandezza. Feinst nuanciert, von leisen, lyrischen Augenblicken, bis hin zu bewegenden, intensiven, von Rache geleiteten Momenten, gelang ihr die stimmliche Umsetzung jeder Emotion mühelos. In jener Arie, in welcher Claire das Meer bei Capri beschreibt, gelang Rennert das Meisterwerk, die Farbe Tiefblau tatsächlich hörbar zu machen. Welch unglaublicher, unvergesslicher Moment, von Gottfried von Einem klug in der Partitur festgehalten, dank Rennerts betörendem, stimmlichem Ausdruck vervollkommnet, wurde damit dem Publikum in München geboten.

Die Regieleistung bestand auch darin, optisch der Puppe über lange Strecken zwar den Vortritt zu lassen, in den entscheidenden Szenen mit bewegenden Arien die Aufmerksamkeit des Publikums jedoch zur Sängerin zu leiten. Mit diesem Kniff erreichte der Regisseur auch, dass die Doppelbödigkeit, die diese Figur aufweist, sichtbar wurde: das verletzte Innere und das verhärtete, sich gegen jegliche Angriffe abschottende Äußere.

Die Geschichte der alten Frau, die mit Rachegelüsten in ihre Heimatstadt zurückkehrt, hat nichts an Brisanz verloren. Vielmehr ist ihr finanzieller Hintergrund als Multimillionärin heute in unserer Gesellschaft präsenter als je zuvor. Und auch die damit verbundenen Handlungen, die zwar emotional nachvollziehbar sind, aber jeglicher Moral entbehren, werden heute tagtäglich über sämtliche Social-Media-Kanäle sichtbar. Dürrenmatts Weitsichtigkeit muss man erschreckt zur Kenntnis nehmen: Keine Anleitungen zum Bösen, die in seinem Theaterstück und im umgearbeiteten Libretto zu dieser Oper vorkommen, sind mittlerweile undenkbar.

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Die Besetzung in München orientierte sich perfekt an den Charakteren. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke ersang sich als skrupelloser Bürgermeister genauso mühelos wie Alfred, Claires Opfer, innerhalb kurzer Zeit die Publikums-Antipathie. Nur mit dem Unterschied, dass Ludwig Mittelhammer in der Rolle des von Claires Rache Verfolgten im Verlauf der Vorstellung die Gefühlslage der Zuschauerinnen und Zuschauer ins Gegenteil zu drehen wusste. Ihm gelang auch einer der bewegendsten Momente des Abends. Als schlussendlich geläuterter Womanizer, bereit, sich von der Gemeinde exekutieren zu lassen, nachdem er zuvor alle Leidenstiefen durchlebt hatte, lag er schutzlos auf einer Bank. Über ihn gebeugt Claire, welche ihn mit ihren Tiraden, aber auch Liebesbekundungen zu agonisieren wusste. Seine eingestandene Schuld und ihr unbarmherziger Plan, von dem sie nicht mehr abrücken konnte, bündelten sich in diesem Bild in höchster Konzentration.

Gottfried von Einems Komposition, im 20. Jhdt. nicht von allen Kritiken als zeitgemäß tituliert, kann man heute als bewusste und kluge Entscheidung auslegen, Charaktere auch im 20. Jahrhundert, nachdem die zweite Wiener Schule längst Furore gemacht hatte, gesanglich mit verständlichen Merkmalen auszurüsten. Dies gelang ihm sogar bis hin ins humorvoll-Witzige, wie es im Duett der beiden kastrierten Männer, Koby und Loby, zu hören ist. Caspar Krieger und Juan Carlos Falcón durften sich im männlichen Diskant wie untrennbare Zwillinge über die Bühne bewegen, was die Absurdität der beiden Figuren noch steigerte. Eine starke, charakterliche Überhöhung schuf von Einem auch in der Partie des Priesters – in München von Timos Sirlantzis gesungen. Die Volte der Verteidigung von Recht und Ordnung, hin zu einem unentschuldbaren Mord, gelang dem aus Griechenland gebürtigen Bassbariton eindrucksvoll. Seiner Schauspielkunst ist es zu verdanken, dass dabei dennoch die Gewissensbisse zu spüren waren, die ihn dabei heimsuchten.

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Bernhard Stegbauer verwandelte die graue, von Geldnot geplagte Güllener Gesellschaft im Laufe der Erzählung in eine in blutrote Gewänder gekleidete. Die Schuld, welche die Bevölkerung des Städtchens mit der Ermordung von Alfred, nach anfänglichem Widerstand, letztlich einwilligend auf sich nahm, ließ er mit jeder Szene auch optisch erkennbar weiterwachsen. Das Schlussbild, mit völlig in Rot ausstaffierten, gemeinsamen Mördern, sprach Bände. Im Gegenteil dazu verwandelte sich die Kleidung der ehemals Liebenden von Grau und Rot in strahlendes Weiß. Heike Vollmers gut lesbare, obgleich mit stark abstrahierten Formen gestaltete Bühne, verortete das Geschehen in eine zeitlich grob umrissene Periode. Die grauen Häuser, der Einkaufsladen, der sich als einer präsentierte, der gerade den wirtschaftlichen Aufschwung erlebte, verwies in die Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Eine zusätzliche emotionale Steigerung gelang mit der Lichtführung von Paul Grilj, welcher die Idee des roten Blutzolls mit seinem Medium perfekt umzusetzen wusste.

Michael Balke leitete das Orchester so, wie man es sich von einem Dirigenten in der Oper wünscht: souverän, die Stimmführungen klar nachvollziehbar, ohne jegliche Romantizismen, aber dennoch ausdrucksstark in emotionalen Momenten.

Der einzige Wermutstropfen des ‚Besuches der alten Dame‘ am Gärtnerplatz war ihre kurze Laufzeit. Man hätte ihr locker das Doppelte an Aufführungen gewünscht, vielleicht sogar mit zweifachem Besuch einiger, die von der Aussagekraft und künstlerischen Umsetzung begeistert waren. Ein gelungener Opernabend mit grandioser Besetzung und einer ebensolchen Regie.