Modern Times in getanzter Form

Michaela Preiner

30. Mai 2026

Modern Times in getanzter Form

Michaela Preiner

30. Mai 2026

Foto: (Andreas Etter )

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Die Oper in Graz ließ erneut mit einem berückenden Tanzabend aufhorchen. Die drei Produktionen unter dem Titel „Modern Times“ zeigen abermals, wie gut das Tanzensemble aufgestellt ist und wie klug die Programmierung dafür funktioniert.

Unter der Beteiligung von Katarzyna Kozielska, Anne Jung, Giovanni Insaudo entstand ein Tanzabend, der an Bewegungsgeschwindigkeit wohl kaum zu übertreffen ist. Das Ballettensemble ist dabei maximal gefordert und überzeugt in jeder einzelnen Szene bis zum Black am Schluss des dritten Beitrages.

Der Stummfilm „Modern Times“, in welchem Charlie Chaplin die Entmenschlichung der Arbeit durch Maschinen in drastischen Bildern zeigte, war Ausgangspunkt für diese Produktion. Die beiden Choreografinnen sowie ihr Kollege wählten gänzlich unterschiedliche Interpretationen. Dennoch wiesen alle Stücke eine Gemeinsamkeit auf: ein extrem hohes Tempo.

404 Not Found

Modern Times • Oper Graz • 404-Not-Found (Foto: Andreas Etter)

Modern Times • Oper Graz • 404-Not-Found (Foto: Andreas Etter)

Kozielska nahm in ihrer Arbeit ‚404 – Not Found‘ stark Bezug auf die zwischenmenschlichen Beziehungen in einer rein technisierten Umwelt, wie der unsrigen. Ihr ging es weniger darum, Rückschau in jene Zeiten zu halten, als die Industrialisierung ihren ersten Höhepunkt erreicht hatte, sondern vielmehr darum, wie unsere Gesellschaft heute aufgesetzt ist und wie sich das auf uns Menschen auswirkt. Das Sounddesign von Benjamin Magnin setzte gleich zu Beginn mit einem lauten Ticktack den ersten Akzent, der verdeutlichte, dass ein unbarmherziger Takt unsere Lebensrealität bestimmt.

Kozielska ließ die Damen des Ensembles auf lange Strecken auf der Spitze tanzen, was einen schönen Kontrast zu den Männern des Ensembles bildete. Visuell starke Ideen, wie jene, die langgestreckten Beine einer Tänzerin während einer Hebefigur als Zeiger einer Uhr rhythmisch fortzubewegen, aber auch mehrere Pas de deux, die eher als Vereinnahmung, ja Gefangennahme, zu interpretieren waren, bildeten starke, visuelle Ankerpunkte. Trotz des über lange Strecken exakten 2-er-Rhythmus gelang es ihr, das Ensemble geschmeidig, fließend tanzen zu lassen, was als höchst kreativ zu bewerten ist. Der durchsichtige Paravent, der immer wieder als bestimmendes Bühnenelement zum Einsatz kam, spiegelte in der letzten Szene die Solistin in verharrender, in sich gekehrter Pose wider. Ein Verweis darauf, eine positive Veränderung der eigenen Lebensumstände in sich selbst zu suchen und zu finden.

Drift

Modern Times • Oper Graz • Drift (Foto: Andreas Etter)

Modern Times • Oper Graz • Drift (Foto: Andreas Etter)

Anne Jung, nicht zum ersten Mal in der Oper Graz engagiert, lieferte abermals einen starken Beweis ihres Könnens ab. Mit der Musik von Philip Glass und einem fulminanten Lichteinsatz setzte sie in ihrer Choreografie ‚Drift‘ einen weiteren Markstein in ihre künstlerische Biografie. Zentrifugale Kräfte, in ihrem Bestreben, auseinanderzudriften, wurden in einer atemberaubenden Abfolge von raschen Bewegungsabläufen sichtbar. Unerschöpflich erscheint ihr Ideenpool, aufgrund der Fülle an Figurenkombinationen ist nicht mehr nachvollziehbar, wie sich das Ensemble den rasanten und scheinbar repetitionslosen Ablauf merken kann. Es muss wohl ein extremes Übe-Pensum sein. Ein permanentes Schieben und Ziehen, ein häufiger Wechsel von Solopartien und Gruppenauftritten charakterisieren das Stück, welches sich aber vor allem durch ein Pas de deux in die Erinnerung einbrennt: Wie hier gegen die Schwerkraft getanzt wird, sodass man meint, ein Eiskunstlaufpaar auf der Bühne zu sehen, ist überwältigend.

Ästhetisch und artistisch zugleich gelingt Jung mit dieser Szene ein Meisterwerk, das, ausgekoppelt, für sich auch ganz alleine stehen kann. Der einfache und zugleich so effektvoll gestaltete Raum erhält einen starken Akzent durch ein Laufband, das entlang der Bühnenrückwand platziert ist. Die Menschen, die darauf gehen oder laufen, die stehen oder darauf einfach vorbeigezogen werden, ohne sich zu bewegen, werden so ausgeleuchtet, dass ihre Körperformen in ihren eng anliegenden Bodys muskulös nachgezeichnet werden. Der starke Kontrast zu den schwarzen Gestalten und dem blauen Licht dahinter wirkt magisch. An den Schluss setzt die Choreografin einen Kampf der Geschlechter – der kein versöhnliches Ende findet.

The Gravity of Iron

Modern Times • Oper Graz • The Gravity of Iron (Foto Andreas Etter)

Modern Times • Oper Graz • The Gravity of Iron (Foto Andreas Etter)

Giovanni Insaudo trug die erzählerischste aller Choreografien dieses Abends bei, mit dem gefühlten Ergebnis, dass die Egomanisierung, die auch in der Arbeitswelt angekommen ist, zu einem Gesellschaftsverfall führt. Er wählte ein Megafon als Symbol der ersten Widerstandsbewegungen im 20. Jhd., und ließ die Rangelei um den Besitz desselben, letal enden. Wer die Aufmerksamkeit auf sich zieht, und das ist in Zeiten von Internet und vor allem Social Media noch verstärkter als je zuvor der Fall, ist in Besitz der Meinungsmacht. Diese Aussage wurde von ihm klar und deutlich herausgearbeitet.

Seine Geschichte entwickelt sich entlang einer gerafft dargestellten Arbeiterbewegung, was auch gut an den Kostümen (Silke Fischer und Elisabeth Perteneder), die an Blaumänner erinnern, erkennbar war. Der Titel ‚The Gravity of Iron‘ war auch im Bühnenbild spürbar: Überdimensionale, große, runde Lampen hingen bedrohlich über den Tanzenden und erzeugten einen starken Fabrikcharakter.

Wie schon in Jungs Choreografie zuvor bildete ein Pas de deux den Höhepunkt, jedoch gänzlich konträr als bei dieser angelegt. Als passiv-aktives Duett könnte man diese Choreografie bezeichnen, die zu Herzen ging. Sosehr der junge Mann sich auch bemühte, seine leblose Partnerin wieder auf die Beine zu bringen, so aussichtslos war sein Bemühen. Diese künstlerische Auflösung der Sichtbarmachung einer menschlichen Tragödie stellte zugleich auch einen extrem gelungenen Gegenpol zur beschriebenen Passage von Anne Jung dar und zeugte gleichzeitig von einer gekonnten, dramaturgischen Gesamtleistung dieses Abends.

Standing Ovations für das Ballettensemble – völlig zu Recht waren am Ende der 3. Vorstellung zu erleben.