Das amerikanische Jubiläum und der goldene Radiergummi

Michaela Preiner

28. Juni 2026

Das amerikanische Jubiläum und der goldene Radiergummi

Michaela Preiner

28. Juni 2026

Foto: (Oper Graz, Werner Kmetitsch )

Foto:

Das philharmonische Orchester Graz lud zum Saison-Abschlusskonzert in die Grazer Oper und feierte wenige Tage vor dem offiziellen Datum, dem 4. Juli, mit einem fein zusammengestellten Programm das 250-Jahr-Jubiläum der USA.

Sowohl unbekannte als auch bekannte Werke standen am Programm mit dem Titel „Freedom!“, das im nun schon altehrwürdigen Haus, dem es leider noch an einer Klimaanlage fehlt, aufgeführt wurde. Hut ab vor all jenen, die sich trotz der Rekordhitze dieses Tages nicht hatten abhalten lassen, Charles Ives‘, Leonard Bernsteins und Dvořáks Kompositionen unter dem Dirigat von Vassilis Christopoulos zu verfolgen.

Dass der nicht klimatisierte Zuschauer-Raum ein Erscheinungsbild hinterließ, das historische Anklänge aufwies, darf als positive Nebenerscheinung der Hitze gesehen werden: Viele Damen waren mit einem modischen Accessoire ausgestattet, das lange Zeit als nicht mehr schick galt: Fächer in unterschiedlichen Größen und Farben leisteten ihnen gute Dienste.

european cultural news.com das amerikanische jubilaeum und der goldene radiergummi copy Oper Graz Werner Kmetitsch

Vassilis Christopoulos (Foto: Oper Graz, Werner Kmetitsch)

Klug programmiert, wurde das Werk ‚Unanswered Question‘ von Charles Ives an den Beginn gestellt. Nur wenige Minuten dauert die mit zwei unterschiedlichen Soundlayern ausgestattete Komposition. Streicher beginnen mit lang gezogenen, leisen Akkordabfolgen, ausgestattet mit einer seidenweichen Harmonie, um bald von Interrogationen der Bläser überlagert zu werden. Ein Miniaturthema in der Trompete, musikalisch fragend formuliert, beginnt mit dieser Überlagerung und bringt Spannung in den weichen Klangteppich. Diese musikalische Intervention wird rasch von mehreren Bläsern aufgegriffen, um sich bald zu einer hektischen Suche zu entwickeln, die jedoch nicht aufgelöst wird. Mit nur wenigen Minuten Aufführungsdauer gelang es dem Komponisten, dessen Hauptberuf in der Versicherungsbranche verankert war, ein Universum an philosophischen Themen anzureißen, das sich Hörenden und Denkenden schlagartig wie ein Fächer, den man schnell aufklappt, eröffnet.

european cultural news.com das amerikanische jubilaeum und der goldene radiergummi Pianistin Claire Huangci copy Oper Graz Werner Kmetitsch

(Foto: Oper Graz, Werner Kmetitsch)

Den zweiten Programmpunkt gestaltete in höchst beeindruckender Art und Weise die amerikanische Pianistin Claire Huangci mit. Sie übernahm den Klavierpart in Bernsteins Symphonie Nr. 2 mit dem Titel „The Age of Anxiety“. Der Komponist wurde von dem gleichnamigen Gedicht von W.H. Auden inspiriert, in welchem er das Zusammentreffen von vier Personen in einer Bar in New York nach dem 2. Weltkrieg beschreibt. Das in zwei Teile gegliederte Werk lässt verschiedene Stimmungen hörbar werden, die sich im Laufe des Abends unter den Beteiligten entwickelten. Vorsichtige Begegnungen, Angstzustände, aber auch ausgelassene, jazzige Momente wechseln dabei auditiv ab und ergeben eine schillernde Komposition mit einem anspruchsvollen Klavierpart. Immer wieder ist es Huangci, die ein bestimmtes Thema vorgibt, in welches das Orchester einstimmt. Oft rhythmisch herausfordernd, häufig mit einer wuchtigen Dynamik ausgestattet, an gewissen Stellen jedoch auch zart-ätherisch. Die Technik der Pianistin ist ausgefeilt und trägt ein typisches Erkennungszeichen: Sie setzt ihre Hände höchst dynamisch ein, nie an der Tastatur festgefroren. Je nach Anforderung – und deren gibt es in diesem Werk höchst unterschiedliche – agieren ihre Finger tänzerisch, aber auch maschinell präzise wie in den oktavierten Teilen, mit dazwischen eingeschobenen schwierigen Läufen.

Stille Wechsel bewerkstelligt sie in den ruhigeren Passagen auf den Kuppen von hoch aufgestellten Fingern, ganz so, als wollte sie jeden Ton bis zur letzten Millisekunde auskosten, bevor er von einem anderen abgelöst wird. Das Publikum bedankte sich für diese exquisite Darbietung mit ausreichend Applaus und durfte sich noch an einer Zugabe erfreuen. Claire Huangci interpretierte den Jazz-Klassiker „The man I love“, von George Gershwin in einer virtuosen Konzertfassung.

european cultural news.com das amerikanische jubilaeum und der goldene radiergummi Abschlusskonzert Freedom Grazer Philharmoniker und Vassilis Christopoulos copy Oper Graz Werner Kmetitsch

(Foto: Oper Graz, Werner Kmetitsch)


Die 9. Symphonie von Antonin Dvořák ‚Aus der Neuen Welt‘ machte schließlich deutlich, wie sehr Amerika mit Europa, der ‚alten Welt‘ kulturell verbunden war und bis heute ist. Dvořáks Intention, amerikanische Komponisten auf das musikalische Kulturerbe ihres Landes aufmerksam zu machen und sich damit näher zu beschäftigen, ging zwar nicht wirklich auf. Der Ideenreichtum, mit dem er dieses Werk gestaltete, verblüfft jedoch bis heute und lässt jedes Mal aufs Neue Emotionen aufkommen, die zwischen Euphorie und Melancholie schwanken. Christopoulos dirigiert sein Orchester nicht nur nuanciert, sondern an vielen Stellen auch mit einer sichtbaren Freude, die von den Musizierenden ebenso gespiegelt wird. Eine Zusammenarbeit, die offenkundig von Vertrauen und Wertschätzung getragen ist – so empfindet dies zumindest das Publikum.

european cultural news.com das amerikanische jubilaeum und der goldene radiergummi goldener radiergummi Oper Graz Werner Kmetitsch

(Foto: Oper Graz, Werner Kmetitsch)


Der Abend wird jedoch auch noch wegen der Verabschiedung des Kontrabassisten in Erinnerung bleiben, der mit diesem Konzert nach 31 Jahren seinen letzten Dienst an der Oper Graz versah. Dem Humor und dem geglückten Einsatz einer publikumsnahen Kommunikation des Intendanten Ulrich Lenz ist es zu verdanken, dass der Musikalien-Archivar der Oper zum Abschluss der Saison mit dem ‚Goldenen Radiergummi‘ ausgezeichnet wurde.

Bereits zum dritten Mal wurde mit dieser augenzwinkernden Geste jemand bedacht, der hinter der Bühne maßgeblich zum Gelingen der Produktionen beiträgt. Das Ausradieren von Notizen in Partituren, welche das Haus von Verlagen während der Dauer von Proben- und Aufführungszyklen anmietet, gehört zu einer seiner Aufgaben. Eine Tätigkeit, die anachronistisch anmutet und zugleich klarmacht, dass das Gesamterlebnis Oper von dem lebt, was in unserer Zeit droht, immer stärker abhandenzukommen: Der Einsatz von Menschen, die sich mit Wissen, speziellen Fertigkeiten und Freude einer Tätigkeit widmen, die zum Gelingen des Großen und Ganzen beitragen. Welch schöne Geste, mit einer gekonnten Portion Edutainment!