Ein beglückender Opernabend

Michaela Preiner

18. April 2026

Ein beglückender Opernabend

Michaela Preiner

18. April 2026

Foto: (Werner Kmetitsch • Oper Graz )

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"Castor und Pollux" an der Grazer Oper ist ein Glücksfall

Wer die aktuellen Diskussionen über die Attraktivität des heutigen Opernbetriebes auf internationaler Ebene verfolgt, darf über die diesbezüglich negativen Äußerungen, Oper sei entbehrlich, lauthals lachen. Ein wunderbares Beispiel, wie sehr sich das Publikum über eine gelungene Inszenierung freut, bietet die Oper in Graz.

Ausgerechnet das schon in die Jahre gekommene ‚Castor et Pollux‘-Opernspektakel von Jean-Philippe Rameau liefert diesen virilen Beweis. Oper, möge sie auch schon Jahrhunderte auf dem Buckel haben, kann beglücken, wenn die Kreativität eines herausragenden Teams gebündelt wird und am Werk sein darf.

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Foto: Wermer Kmetitsch • Oper Graz

Nanine Linnings Inszenierung, die insbesondere auf eine intensive Verschränkung von Gesang, Tanz und Bühnenbild setzt, erweist sich als Gesamtkunstwerk im besten Sinn des Wortes. Das Publikum wird einerseits durch Rameaus Musik getragen und darf sich dabei von einem ‚Ohrwurm‘ auf den nächsten freuen. Zugleich entrückt die Bühneninszenierung die Emotionen in die tiefsten und dunkelsten Abgründe des Todes, aber auch die lichtesten sphärischen Höhen, die man sich vorstellen kann. Das Künstlerduo Van Veen & Mus schuf mit seinen Video-Installationen Räume jenseits des irdisch-Erfahrbaren. Dennoch bleiben diese nachvollziehbar. Wenn sich, wie zu Beginn, der Wasserhorizont von der Bühnendecke langsam absenkt und verschwindet, bis das ästhetisch so ansprechende Perlen der Sauerstoffeinschlüsse nicht mehr zu sehen ist, trauert man kurz diesem wunderbaren Spektakel nach. Zu diesem Zeitpunkt kann man noch nicht wissen, dass es am Ende der Oper abermals, jedoch in einer potenzierten Schönheit, zu sehen sein wird.

Womit eine der erinnerungswürdigsten Begriffe dieses Abends ausgesprochen wurde. „Einfach nur schön!“, resümierte eine Besucherin während des Saalverlassens den Abend. Sie sprach dabei gelassen aus, was im künstlerischen Diskurs lange Zeit einen ‚haut-gout‘ bekommen hatte. Dabei ist ein antiquierter Schönheitsbegriff gemeint, der vor allem auf der Opernbühne in der Kitschecke feststeckte und aktuelle Strömungen völlig außen vorließ. Der Einsatz eines Multi-Media-Instrumentariums, wie es bei dieser Opernaufführung verwendet wird, zeigt, dass sich auch sogenannte ‚alte Zöpfe‘ in belebende, ansprechende Erzählungen verwandeln lassen. Vorausgesetzt, sie sind mit Verstand und künstlerischem Fingerspitzengefühl ausgeführt.

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Foto: Wermer Kmetitsch • Oper Graz

Beides darf man in dieser Inszenierung erleben. Es ist die Mischung aus barocker Aufführungspraxis, in welcher Blitz und Donner von Pauken und Windmaschinen erzeugt werden und den schon erwähnten High-tech-Möglichkeiten, die bestechen. Mit ihnen dürfen Götter mit in der Luft schwebenden Plasmen-Gebilden auftreten oder große, vermeintliche Steinmonolithe, je nach Beleuchtung als geschundene Torsi, bedrohliche Geister oder Naturwunder ihre Wandelbarkeit – und damit Interpretationsbreite zeigen.

Raffinierte Kostüme, die die Seelenlandschaft der Trägerinnen und Träger widerspiegeln, bis hin zu Beinahe-naked-Suits, die einige Tänzerinnen und Tänzer tragen, sind farbig fein aufeinander abgestimmt und bei jedem neuen Auftritt ein Augenschmaus. (Kostüme Irina Shaposhnikova) Gedämpftes Blau und Grau, aber auch Weiß und Lila herrschen vor. Lederverschnürungen über der Brust erweisen sich als kriegerische Kampfausrüstung, die mit einem Handstreich abgenommen werden kann. Von dunklen Gewitterwolken bis zum aufziehenden Morgenrot lässt das projizierte Wolkenspiel Rückschlüsse auf Gefahr oder Erlösung zu.

Die wunderbaren Chorpassagen – in ihrer breiten Farbigkeit von Rameau schon ohrschmeichelnd komponiert – zählen zu den Höhepunkten des Abends. Begleitet werden sie von einer raffinierten Choreografie, bei der sich nicht nur das Ballettensemble unter die Sängerinnen und Sänger mischt, um sich von ihnen zu lösen und wieder zu vereinen. Auch die Mitglieder des Chores, sowie die Solistinnen und Solisten werden choreografisch eingebunden. So entsteht ein beständiger Bewegungsfluss, welcher den emotionalen Gehalt des Textes auch auf einer körperlichen Ebene erfahrbar macht.

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Foto: Wermer Kmetitsch • Oper Graz

Die Besetzung ist nicht nur stimmlich gelungen. Jeder und jede von ihnen wurde typgerecht aufgestellt. Ob Sieglinde Feldhofer als still leidende Télaire in weißem, königlichem Outfit oder ihre vor Neid gebeugte Schwester Phébé, stimmlich großartig Sofia Vinnik. Ob Jupiter – gesungen von Daeho Kim, der körperlich alle Kolleginnen und Kollegen überragt und seinen Bass geschmeidig einsetzt. Sie entsprachen ihren Rollen auf allen Ebenen. Auch das Brüderpaar Castor und Pollux, Sébastien Monti und Nikita Ivasechko, kann seine unterschiedlichen, charakterlichen Stärken durch die jeweilige, persönliche Bühnenpräsenz ausspielen und nachvollziehbar machen. Wobei Ivasechko sich vor der besuchten Vorstellung sicherheitshalber ob einer Verkühlung für eine mögliche Indisposition entschuldigen ließ. Zum Glück hielt seine Stimme, ganz im Gegenteil, es war keinerlei Schwäche in ihr zu erkennen.

Dass in der Barockzeit Gendergerechtigkeit kein Thema war, wird im Libretto überdeutlich. Pierre-Joseph Bernard formte den antiken Stoff so, dass unzweifelhaft Schwesternneid einer nicht enden wollenden Brüderliebe gegenübergestellt wird. Dies wird von Linnings Regie auch im letzten Bild des Abends durch den Abgang ins Elysium nicht entschärft. In diesem schreitet nicht das Liebespaar Castor und Télaire gemeinsam einer berauschend schönen Zukunft entgegen, sondern die beiden Brüder Schulter an Schulter, mit Abstand von Télaire begleitet.

Bernhard Forck leitete die Grazer Philharmoniker in einer barockgerechten, kleinen, jedoch ausreichenden Besetzung, die vom Publikum völlig zu Recht heftig akklamiert wurde.