Nachhilfeunterricht im österreichischen Parlamentarismus

Michaela Preiner

12. Mai 2026

Nachhilfeunterricht im österreichischen Parlamentarismus

Michaela Preiner

12. Mai 2026

Foto: (Lex Karelly )

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Das Schauspielhaus Graz und das TIB (Theater im Bahnhof) schufen in einer Gemeinschaftsproduktion einen launig-schaurigen Einblick in den Alltag des österreichischen Parlamentarismus.

Mit den Mitteln des Theaters, in dem Zuspitzung und Überzeichnung auch die trockenste Materie zum Leben erwecken kann, gelang ein unterhaltsamer Abend, bei dem man zwischen Lachen, Staunen, Kopfschütteln und Gruseln alles an Emotionen durchleben kann, was die aktuelle politische Situation in Österreich so zu bieten hat.

Die Uraufführung von »183 Abgeordnete. Die letzten Tage von Österreich, wie wir es kennen«, lässt nicht zufällig Karl Kraus „Die letzten Tage der Menschheit“ durchklingen, stand dieses Werk von seiner Grundidee her doch Pate. Wie es einst Kraus für sein Drama tat, verwendete auch das Team um die Regisseurin Monika Klengel Originalzitate, die aus Aufzeichnungen, Protokollen und Besuchen im Parlament stammen.

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183 Abgeordnete (Foto: Lex Karelly)

Das Ensemble auf der Bühne, bestehend aus Juliette Eröd, Gabriela Hiti, Eva Hofer, Annette Holzmann, Lorenz Kabas, Mario Lopatta, Anna Rausch und Martina Zinner schlüpfte – in multiplen Geschlechterrollen, witzig und klug von Helene Thümmel kreiert, in sämtliche Charaktere. Ob kurze Zwischenrufe oder auch längere Wortmeldungen, ob substanzielle Aussagen oder allzu menschliche Versprecher – all das, was der parlamentarische Alltag so hergibt, fand seine theatralische Aufarbeitung.

Thümmel und Richard Dank waren auch für jene Projektionen zuständig, die zu Beginn, aber immer wieder auch zwischendurch, Auskunft über statistische Erhebungen wie der Zusammensetzung des Parlamentes, der Redezeit, der eingebrachten Anträge, Gesetzesänderungen und vieles mehr, Auskunft gaben. Das Ergebnis war ein subkutan verwobenes Edutainment, ohne den Eindruck einer Belehrungsattitüde zu hinterlassen.

Höchst gelungen setzte Moke Rudolf Klengel sein Sounddesign in Szene. Er untermalte auf geniale Art und Weise die Tirade von Ausfällig- und Abfälligkeitsäußerungen des Oppositionschefs mit einem subtilen Percussionsound. Dieser wurde von einem jägerlich-verkitschten Trompetenostinato sowie einer süßlich darüber gelegten Violine begleitet. Wer Ohren hat zu hören, Assoziationsketten bauen kann und offen für musikalisches Empfinden ist, dem- oder derjenigen konnten dabei kalte Schauer über den Rücken laufen.

Der Bürosesselbau, in Anklang zum Turmbau zu Babel – nicht zu verwechseln mit Babler – evozierte eine tolle Metapher. Die Anstrengung, trotz unterschiedlicher, politischer Standpunkte, zu einem gemeinsamen Gesetz zu kommen, wurde auf diese Weise körperlich spürbar. Und die – leider muss man sagen – bereits arrivierte Ablehnung der Opposition – ebenso.

Dass auch allzu Menschliches den parlamentarischen Alltag mitbestimmt – aufgezeigt in einer herrlichen Unterschriftenaktion für einen bevorstehenden Geburtstag – auch auf diese dramatische Umsetzung wurde nicht vergessen.

Mit der Produktion »183 Abgeordnete. Die letzten Tage von Österreich, wie wir es kennen«, die wie mit einem Brennglas auf den Arbeitsstil, der ins Parlament Abgeordneten blickt, gelang dem Team nicht nur ein interessant-unterhaltsamer Theaterabend. So manch einen oder manch einer aus dem Publikum mag damit durchaus ein Virus gestreift haben. Die Auswirkungen: Eine weitere und längere Beschäftigung mit dem, was man aktives oder auch passives politisches Interesse nennt, wären mehr als wünschenswert.