Das bissige Drama, das in den 60er-Jahren als Fernsehspiel aufgenommen wurde, aber nach der Ausstrahlung in der Versenkung verschwand, bietet der Regisseurin alles, was sie an Inszenierungen liebt: einen unvorhersehbaren Plot, schräge Figuren, eine gesellschaftliche Verfasstheit, die jederzeit kippen kann, garniert mit jeder Menge schwarzem Humor.
So absurd der Inhalt auf den ersten Blick erscheinen mag, in unserer heutigen Zeit ist er gar nicht mehr abwegig. Die Medienlandschaft hat sich in den vergangenen 20 Jahren weg vom Bildungs- und Unterhaltungsmedium hin zu Streamingplattformen und Formaten entwickelt, in welchen der Cast gerne samt und sonders blamiert wird. Prekariats-Reality-Shows sind genauso beliebt wie Competitions, in welchen die Teilnehmenden Ungustiöses zu sich nehmen oder kompromittierende Handlungen vollziehen müssen.
Qualtinger und Merz griffen dieser Entwicklung voraus und konstruierten eine Geschichte, in welcher ein junger Familienvater namens Reindl, der ‚keiner besonderen‘ Arbeit nachgeht, ein ungewöhnliches Angebot erhält. Ein Großveranstalter bietet ihm 10 Millionen, wenn er sich an einem bestimmten Tag vor zahlendem Publikum im voll besetzten Ernst-Happel-Stadion köpfen lässt. Nach anfänglicher Ablehnung stimmt er aus verschiedenen Gründen zu und erlebt in den darauffolgenden Wochen, was es heißt, berühmt zu werden. Die Zeitungen sind voll von Vorberichterstattungen, der staatlich geprüfte Henker, der letzte seines Standes, ist ausgewählt. Die schwerfällige Bürokratie verhält sich nach einer kleinen Bestechungsaktion kooperativ und die Vorauszahlung, die dem Ehepaar und den Kindern schon einen kleinen Einblick in ein finanziell wohlbestalltes Leben bietet, tut ein Übriges, dass das schreckenerregende Ende recht schnell von allen Beteiligten billigend in Kauf genommen wird.
Die Charaktere, aus dem bewährten Wortwiege-Ensemble rekrutiert, sind treffsicher besetzt. Lukas Haas, der auserwählte Todeskandidat, ist anfangs nur unmerklich lethargischer als seine kettenrauchende und trinkende Frau. Zumindest schafft er es, die Kinder in die Schule zu bringen und sie mittags mit Dosengerichten zu ernähren. Je näher der Zeitpunkt seiner Hinrichtung naht, umso lebenslustiger wird er, bis hin zu einer unerwarteten Volte, die hier nicht verraten werden soll. An seiner Seite gibt Saskia Klar die verkommene Ehefrau, sowie in einer weiteren Rolle eine Zahnarzthelferin, die gerne ein Stück vom Ruhm des Todgeweihten abbekommen möchte. Hauptsache am letzten Tag ‚in der ersten Reihe‘ sitzen und von allen bewundert werden, ist ihr Ziel – heutige It-Girls agieren gerne auch nach diesem Muster.
Isabella Wolf tritt mit gekonnt zwielichtigem Gehabe als skrupelloser Geschäftemacher auf, der mit diesem Coup nicht nur seine Taschen füllen möchte, sondern – wie in einem Nebensatz deutlich wird – auch seine Familie beeindrucken will. Ihr zur Seite agiert Ida Golda als Sekretär Horak, der sich wie ein Fähnchen im Wind je nach Gemütslage seines Chefs biegt und windet, dass es eine wahre Freude beim Zuschauen ist. Herrlich ausstaffiert, mit Bart, heller Perücke, Brille, Strickpullunder und Aktentasche, spielt Golda einen Gehilfen des Bösen mit Subalternitätsqualitäten der Sonderklasse. So böse er auch ist – jeder seiner / ihrer Auftritte reizt die Lachmuskeln und bietet reichlich Gelegenheit zu humorigen Publikums-Übersprungshandlungen. Wie sollte dies sonst auch das grauenhafte Geschehen ohne seelische Blessuren meistern? Der beißende Witz, zusätzlich garniert mit einer Menge an kreativen Regie-Einfällen, ergibt einen höchst vergnüglichen Theatergenuss, wenngleich einem das Lachen ab und zu auch im Halse stecken bleibt.
Jens Ole Schmieder brillierte schon in der vergangenen Saison in einer Qualtinger-Frauenrolle im Stück „Alles gerettet“. Das Erfolgskonzept geht auch in der aktuellen Inszenierung voll auf. Gleich bei seinem ersten Auftritt als gestrenge Beamtin, stolze Inhaberin von drei Doktortiteln, biegt sich das Publikum vor Lachen. Ihre beiden Amtskollegen, zuständig für die Überprüfung der Hinrichtungsmaschine, werden von Schmieder im Zigarren-Puppenformat vorgeführt und durch eine filmische Projektion großformatig visualisiert. Sein Auftritt als vermeintlich Blinder, der Reindl ein Gegenangebot machen möchte, gerät ganz im Gegenteil martialisch bis zu jenem Augenblick, in welchem diese Fassade gnadenlos wegbröckelt.
Martin Schwanda darf als Herr Engel den todbringenden Henker verkörpern, der sich freut, nach langer Zeit endlich wieder seines Amtes walten zu dürfen. Dabei pendelt er im emotionalen Ausdruck zwischen Pflichterfüllung bis zur letzten Sekunde, und Freundschaftsanbiederei mit alkoholseeliger Gesangseinlage. Erlebnisse, die er über seine Profession berichtet, könnten einem das Blut in den Adern gefrieren lassen – allein sein komödiantisches Talent, unübertroffen in Wiener Volkscharakteren, hieven das Tragische mühelos ins absurd-Komische.
Andreas Lungenschmid schuf eine Bühne, welche die gesellschaftliche Schieflage adäquat wiedergibt und stattet diese zusätzlich so aus, dass das Ensemble sich bei vielen Schritten vorsichtig bewegen muss – ganz so, als wäre ein Absturz jederzeit möglich. Antoaneta Stereva Di Brolio, verlässliche Kostümbildnerin bei vielen Wortwiege-Produktionen, staffierte das Ensemble charakterlich auf den ersten Blick gut erkennbar aus.
Das Publikum darf am Ende darüber nachdenken, welche Konsequenzen das zuvor Erlebte für alle haben wird. Angefangen vom Herrn Reindl samt Familie bis hin zum Großveranstalter und seinem Sekretär. Dass es selbst nicht wirklich ungeschoren davonkommt, dafür sorgten die Autoren ganz bewusst in ihrem allerletzten Satz.
Eine große Empfehlung für all jene, die Unterhaltung und Tiefgang gleichermaßen schätzen.


