Kopfkino in der Bahnhofshalle

Michaela Preiner

21. Dezember 2025

Kopfkino in der Bahnhofshalle

Michaela Preiner

21. Dezember 2025

Foto: (Christina Helena Romirer )

Foto:

Theater an einem ungewöhnlichen Ort präsentierte das TIB am Grazer Hauptbahnhof. ‚Lesehalle der Gefühle‘ nannte sich ein Programm mit drei aufeinanderfolgenden Abenden unterschiedlichsten Inhalts.

european cultural news.com webr DSC 838710 webr DSC 838710

Fotos von Christina Helena Romirer

Genaugenommen war die Performance-Reihe so etwas wie ‚back to the roots‘, wenngleich sich die örtlichen Wurzeln doch erheblich verändert haben. Die erste Spielstätte des TIB war – nachzulesen hier – Ende der 80er-Jahre in der Jugendwartehalle des Hauptbahnhofes in Graz. Die ‚Lesehalle der Gefühle‘ fand zwar wesentlich öffentlicher als einst in der Jugendhalle statt, die es schon lange nicht mehr gibt –  entpuppte sich letztlich jedoch als Geheimtipp.

Am Freitagabend vor dem letzten Adventwochenende wimmelt es am Bahnhof nur so von Menschen. Hinaus, hinein, hinauf, hinunter – mit und ohne Gepäck –  hunderte Reisende bevölkern das Bahnhofsgebäude innerhalb der dreistündigen Spielzeit. Mitten unter ihnen – ausgestattet mit Kopfhörern – das Ensemble und das Publikum. Die Performenden und das Publikum bewegen sich frei, sitzen, wenn sie irgendwo ein freies Plätzchen ergattern, oder schlendern ruhig zwischen den meist hastenden Menschen.

Vereinzelte Reisende werden gewahr, dass hier etwas vor sich geht, das sie nicht einordnen können. Bemerken, dass hier Menschen mit Kopfhörern Texte von Skripten oder Tablets ablesen, erhaschen zufällig im Vorübergehen einen Blick auf einen Sänger, der hinter einer Glastüre eines aufgelassenen Geschäftes in ein Mikrofon singt. Einige wenige stellen Fragen, wenn sie das Gefühl haben, jemanden, der oder die dafür zuständig sein könnte, erkannt zu haben.

Im ersten Stock vor dem Eingang zu einem Fitness-Center hat man das Glück, „wie in einer Loge“ Platz nehmen zu können. Barhocker-ähnliche Sitze laden ein, es sich dort gemütlich zu machen und das Treiben von oben zu beobachten und zugleich das „Geschehen“, die Lesungen, mit den Kopfhörern mitzuverfolgen. Nach wenigen Augenblicken, in welchen man sich vom Außengeschehen abgekoppelt hat, beginnt das Kopfkino. Sätze, gehaltvoll und doch so offen, dass sie zum Weiterdenken einladen, eröffnen die Performance. Sie spannen einen breiten Bogen von Alltagsgeschichten hin zu literarischen, semantisch-vagen Ohrenschmeichlern und bereiten ein wenig auf das vor, was kommen wird.

european cultural news.com webr DSC 83757 webr DSC 83757

Fotos von Christina Helena Romirer

‚Die Erde ist bezaubernd schön, doch sicher ist sie nicht.‘ Utopie, Biographie, Emotion – so lautet das Motto des letzten Abends. Die Mitwirkenden, Ed Hauswirth, Gabriela Hiti, Elisabeth Holzmeister, Helmut Köpping lesen kurze Texte von Alexander Kluge und garnieren diese zwischendurch mit Kommentaren zu Beobachtungen, die sie live im Gebäude des Bahnhofes machen.

So legt sich eine Bedeutungsebene über die andere, vermischt sich mit Handlungen, die nichts mit dem Gelesenen zu tun haben. Ein vierköpfiges Aufgebot von Sicherheitsleuten nimmt zwei Frauen und einen Mann vor einem Drogeriemarkt ins ‚Kreuzverhör‘, während man zugleich der Geschichte einer Frau lauscht, die am Tag ihrer Scheidung den abgetrennten Kopf ihres Lieblingspferdes vor der Haustüre findet. Herwig Thelen, der sich selbst an der E-Gitarre begleitet, agiert als Sänger ohne auditiven Output für die Allgemeinheit, nur hörbar für jene, welche die Performance mit ihren Headphones verfolgen. Seine Musik schleicht sich zwischen die Erzählung des Ablaufes des großen Börsencrashs von 1929 und dessen jahrelangen Auswirkungen bis hin zur damit zusammenhängenden Utopie der kommunistischen Weltmachtergreifung. Währenddessen begrüßen sich zwei ältere Frauen und ein Herr überschwänglich, die sich offenkundig vor Reiseantritt in der Halle verabredet haben. Zeitgleich retourniert ein Mann unablässig Pfandflaschen, die er aus einem großen, schwarzen Müllsack zieht, an einen Automaten, der gegenüber dem leeren Geschäft installiert ist, in welchem Thelen singt. Einen Stock höher, im Fitness-Studio, macht ein vitaler Sportler ‚hanging leg raises‘ an einer Klimmzugstange. Mit Muskeln wie aus einem Protein-Werbevideo bepackt, führt er seine Übungen ruhig und beständig aus.

Wo hinschauen? Was mithören? Wem folgen und was ausblenden? Wie schafft es das Ensemble, sich nicht ablenken zu lassen, stoisch seinen Text zu lesen? Haben die Texte einen roten Faden? Multipliziert sich die Zeit in diesem Augenblick oder wird man sich nur einfach bewusst, dass Leben so viele Bedeutungen hat, dass man diese auch nur ansatzweise nicht erfassen kann? Wie geht es jenen, die jetzt gerade auch zuhören? Die man sieht und rasch wieder aus den Augen verliert? Keine einzige Frage kann man beantworten, es fehlt die Zeit dazu. Zu vielfältig sind die Eindrücke, aber die Augen verschließen vor dem Alltagsspektakel mag man auch nicht. Dann hätte man ja gleich zu Hause bleiben und aus dem Buch „Die Macht der Gefühle“ lesen können.

european cultural news.com webr DSC 83735 webr DSC 83735

Foto von Christina Helena Romirer

Was man intensiv wahrnimmt, ist der Ort, den man selbst sonst nur als Durchgangsareal benutzt. Seine Verwandlung ist magisch. Die Hektik der Menschen, die ankommen und abreisen, vermischt sich plötzlich mit einer Ruhe, welche jene ausstrahlen, die die Bahnhofshalle als Interims-Wohnzimmer benutzen. Manche von ihnen bleiben unbehelligt, andere wieder werden mehr oder weniger freundlich gebeten, den Bahnhof zu verlassen. Und schon drängen sich die nächsten Fragen auf: Was ist ein öffentlicher Raum, wem gehört er, wer hat ein Recht darauf? Die Erzählung über den Tierpfleger, der im Zoo von einem Tiger angefallen wurde, an sich spektakulär, verfängt sich. Sie bleibt in der Verästelung des Geschehens hängen, das sich zwischen dem Verzehr von Fast-Food und Kaffee abspielt. Im Gewirr von Polizeibefragungen und Reinigungspersonal, das  den Boden zwischen den  eigenen Füßen mit langen Wischmopp-Stangen putzt, bleibt die Geschichte nur mehr rudimentär im Bewusstsein hängen.

Der einsetzende ‚Overload‘ drängt plötzlich zur Verabschiedung, zum Rückzug in die eigenen vier Wände. Was bleibt, ist die Erinnerung an ein Erlebnis, das sich weit von jenen entfernt hat, welche man mit einer Theatervorstellung verbindet. Immersiv – dieses neue Modewort – darf man damit ruhig in Verbindung bringen, wurde man doch hineingezogen in einen Erfahrungsstrudel, dass einem dabei schwindlig werden konnte. Horizonterweiternd, auch so könnte man mit einem Wort die Performance zusammenfassen, auch wenn sich der Horizont umgeben von Stahlbeton und Glas präsentierte. Das Denken aber geht weiter, viele Fragen bleiben offen, auch wenn man für sie gerne eine Antwort gefunden hätte. Das Bühnenbild, das keines war, die Menschen, die Teil der Aufführung waren, ob bewusst oder unbewusst, sie verlebendigten Shakespeares Satz: ‚Die ganze Welt ist Bühne‘ aus seinem Stück ‚Wie es euch gefällt‘. Vielleicht ist das die schlüssigste Conclusio, mit der man sich getrost weiter durchs Leben bewegen und auch zukünftig die Bahnhofshalle als schauspielende Reisende benutzen kann.

Congrats TIB! Well done!!!!