Eine Utopie, die zum Scheitern verurteilt war

Aurelia Gruber

2. März 2026

Eine Utopie, die zum Scheitern verurteilt war

Aurelia Gruber

2. März 2026

Foto: (Victoria Nazarova )

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Das Wortwiege-Festival hat es sich von seinem Beginn in den Wiener Neustädter Kasematten zum Ziel gesetzt, große, historische Dramen neben aktuellen Bühnenstücken aufzuführen. „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist ist in dieser Saison die historische Dramenvorlage, in Szene gesetzt von Jérôme Junod.

Der Regisseur schafft in seiner Inszenierung etwas Heroisches. Er belässt Kleist Text in seinem Wortlaut, zwar erheblich gekürzt, aber nicht durch zeitgeistigen Slang verunstaltet. Dass das Publikum dennoch rasch der Kunstsprache folgen kann, verdankt es dem Vortrag des Ensembles. Kein einziger Satz wird hier routinemäßig heruntergeleiert, vielmehr mit Emotion und Logik im Sprachrhythmus ausgestattet, sodass sich ob der Verständlichkeit des Inhaltes keine imaginären Fragezeichen in den Gedanken der Zuhörerschaft bilden.

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Foto: Victoria Nazarova


Verbrannte Erde bedeckt den Bühnenboden, verkohlte Holzbretter zeigen eine Devastierung des Landes, in das Penthesilea, Königin der Amazonen, mit ihrem Frauenheer gezogen ist. (Bühne Andreas Lungenschmid) Schon zu Beginn wird aber klar, dass die verbrannte Erde nicht nur symbolisch für das Land steht, in welchem das Drama spielt. Tatsächlich ist auch so manches in den Seelen der Menschen verbrannt, schon lange, bevor es zum dramatischen Geschehen vor Troja kommt. Wie von höheren Mächten gebeutelt treten sie allesamt auf, ganz so, als wären sie ihrer selbst nicht wirklich gewahr.

Die Charaktere hat Junod auf drei Personen verteilt, die jeweils mehrere Rollen verkörpern. Die Differenzierung wird durch die Kostüme von Antoaneta Stereva Di Brolio, gut erkennbar. Sie changieren zwischen historisch-martialischem Ausdruck mit einer Menge an Lederverschnürungen und Haute-Couture-Details mit atemberaubenden Schnitten. Petra Staduan, Nina C. Gabriel und Nico Dorigatti – dieses Dreiergespann agierte bei der Premiere, als ob die Vorstellung ihre letzte wäre. Ohne Schonung von körperlichem Einsatz, ohne Rücksichtnahme auf anhaltende, emotionale Höhenflüge, die ebenfalls enorme Kraft kosten, gestalteten sie ihre Rollen derart empathisch, dass das Atemanhalten des Publikums gegen Ende hin für alle spürbar wurde.
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Nina C. Gabriel als Prothoe, agiert, wie eine enge Vertraute und Freundin einer Königin nur agieren kann: mit großem Feingefühl und ebensolcher Besonnenheit, mit Empathie und dem gleichzeitigen Bemühen, die emotionalen Spitzen ihrer Königin abzufedern. Sie spielt diese starke Frau in jedem einzelnen Augenblick so glaubwürdig und zugleich mimisch derart beredt, dass man meint, sie könne sogar ohne Kleists Textvorgabe dem Publikum alles vermitteln, was dieser für diesen Charakter intendierte.

Jérôme Junod legt in seiner gekürzten Fassung das Hauptaugenmerk zum einen auf die Unberechenbarkeit einer in wenigen Augenblicken bis zur Raserei entflammten Liebe. Das Ungestüme, das aus Penthesilea und Achilles gleichermaßen wild herausbricht, wird in einer Szene deutlich, in der sich ihre ausgelebten Gefühle füreinander durchaus mit einem wilden Kampf vergleichen lassen. Die Vehemenz, mit der sich die beiden aufeinander stürzen, macht deutlich: Mit der Liebe ist eine Macht am Werken, gegen die man sich nicht auflehnen kann, auch wenn man es noch so möchte. Zum anderen wird in Junos Inszenierung überdeutlich, dass Penthesilea Opfer einer Ideologie geworden ist, die für sie, aber auch für alle anderen Frauen ihres Reiches, nicht lebbar ist. Ihr Hinweis, kurz bevor sie ihr Leben beendet, die Asche von Thanais, der Kultbegründerin der Amazonen, möge in alle Winde zerstreut werden, steht für die Auslöschung der Amazonen-Idee schlechthin. Das, was sie und das Leben ihres Geliebten zerstört hat, eine blinde Wut auf das andere Geschlecht, soll nach ihr nicht mehr tradiert werden. Petra Staduans Stärken – ihr körperlich extrem präsenter Ausdruck, gepaart mit einer Sprechleichtigkeit, die jeglicher Anstrengung trotzt, kommen in ihrer Penthesilea vielfach zur Geltung. Das beweist allein schon die Glaubwürdigkeit, dass sie im Kampf als zierliche Frau gegen jeden Mann bestehen kann, die sie mit ihren tänzelnden Box-Einlagen verdeutlicht. Für die Darstellung von Widersprüchen in einer Person war und ist sie die absolut richtige Besetzung.


Nico Dorigattis Achilles beeindruckt durch sein Spiel eines in Liebesangelegenheiten völlig unerfahrenen jungen Mannes. Penthesilea von seinem Charme zu beeindrucken, verdankt er den Einflüsterungskünsten von Prothoe – höchst humorig in einer Szene umgesetzt. Dass man bei Kleist auch lachen darf – auch das zeugt von einer rundum gelungenen Figurenführung und schauspielerischen Umsetzung.

Christian Mair schuf die Musik zum Drama, unterlegt so manche Szene aber auch mit einer Art dräuendem Grollen, das darauf hinweist, dass sich hier eine Tragödie aufbaut, die nur tragisch enden kann. Man wünscht ein derart musikalisches Feingefühl so mancher Inszenierung, die der Überzeugung ist, Sprache allein reichte für einen herrlichen Theatergenuss. In der Verschränkung mit der cineastisch angelegten Lichtführung von Lukas Kaltenbäck ergibt die Penthesilea in den Kasematten in Wiener Neustadt ein theatrales Kunstwerk der Sonderklasse.

Man sollte nicht nur das Festival der Wortwiege in den Kasematten als alljährlich wiederkehrendes Theaterhighlight im eigenen Kalender vermerken. Auch Jérôme Junod darf man, da er dies schon vielfach auch in Salzburg unter Beweis gestellt hat, zu jenem Ranking hinzufügen, das die Besten des Regie-Faches im deutschsprachigen Raum kürt. Klug, sensibel, niemals kitschig und den Finger ganz genau auf die literarisch wiedergegebenen Wunden zeigend, könnte man den Satz prägen: Wo Junod draufsteht, ist Exzellenz drin!