Wer sich eine walzerumflorte Biedermeieridylle vorgestellt hatte, wurde gewaltig enttäuscht. Nicht nur, dass sich am Beginn das Ensemble unter das Publikum mischte – von unauffällig kann dabei keine Rede sein. Es unternahm mit diesem auch einen kurzen Flug ins Ungewisse, bis zu einem Absturz, den die Schauspielerinnen und Schauspieler nur höchst lädiert überlebten. Wie gut, dass man dabei selbst auf den eigenen Plätzen sitzen bleiben durfte! Das Bühnenbild von Max Kaufmann und Eva Grün sowie die Kostüme von Mirjam Mercedes Salzer verwandelte sich im Handumdrehen vom Abfluggate hin in ein unwirtliches, winterliches Gebiet, in welchem das in Teilen zerbrochene Flugzeug eine Art kulturelles Memento mori bildete.

Foto: Nadine-Melanie Hack
Der Sound wurde von Mario Bergamasco mit Strauss-Zitaten unterfüttert, die mit den zeitgenössischen Layern von Bernhard Fleischmann das Geschehen begleiteten. Fleischmann agierte am Bühnenrand in der zerborstenen Flugzeugkabine an den Soundreglern, als einziger scheinbar völlig unverletzt und ohne Blessuren geblieben. Hat die Musik ihm eine schützende Kraft verliehen? Die subtile Ankündigung, dass sich das tragische Geschehen noch erweitern würde, geschah sehr gelungen durch den musikalischen Hinweis auf „Spiel mir das Lied vom Tod“ von Ennio Morricone, in einer Donauwalzer-Uminterpretation.
Ganz in der Manier des bernhard.ensembles erfährt man im ersten Drittel viel über die desaströsen Zustände in der Familie Strauss. Wie immer blieb Ernst Kurt Weigel seiner Arbeitsweise des gründlichen Recherchierens treu und dürfte mit dem Output einige im Publikum überrascht haben. Das ständige Getriebensein, das Ausgenutztwerden, die Angst vor dem übermächtigen Vater, das Sich-davon-Schleichen-Wollen-und-nicht-Können des jüngsten Bruders, die Mutter, die mit brachialer Gewalt das fragile Musikimperium aufrechtzuerhalten versucht, aber auch die körperlichen Zusammenbrüche der Musiker sind Themen, die in ein aberwitziges Bühnentreiben eingebettet werden.

Foto: Nadine-Melanie Hack
Das Verschmelzen des Ensembles von Max Kaufmann, dem künstlerischen Leiter des Serapionstheaters, mit jenem des bernhard.ensembles funktioniert blendend. So unauffällig, dass man gar nicht darüber nachdenken muss, wer sich von wem was einverleibt hat. Die sprachliche Dimension, die hier auf ein Minimum gekürzt wurde, kann von Fans jedoch genauso zugeordnet werden wie die choreografische Durcharbeitung von Szenen, in welchen die Agierenden als tänzerische Einheit auftreten.
Mehr als gekonnt gelingt der Dreh weg von der Familienerzählung hin zur existenziellen Hinterfragung, wie denn nun Bühnenarbeit entsteht, welche Entbehrungen in Kauf genommen werden, bis hin zur absoluten gegenseitigen Zerfleischung. Sensible Gemüter mögen sich an manchen Stellen sogar abwenden, die Kernaussage bleibt jedoch ins Gedächtnis eingebrannt: Wenn es an allem fehlt, dann zeigt sich der Mensch als des Menschen Wolf, wie es Plautus rund 200 v. Ch. in einer seiner Komödien einst formulierte. Würde der Ausspruch nicht stimmen, er wäre im Dunkel der Geschichte längst verloren gegangen.

Foto: Nadine-Melanie Hack
Dass jene Szene, in welcher der jüngste Strauss-Bruder die Noten seiner Familie ins Feuer wirft, den Tatsachen geschuldet ist, lässt bis heute jedes musikalisch-historisch orientierte Herz zusammenzucken. Die Frage nach dem Warum bleibt unbeantwortet, hinterlässt aber einen gewaltigen Kloß im Hals. Genauso wie die Erkenntnis, dass künstlerisches Treiben, inklusive Musik, dem menschlichen Sein ab einem gewissen existenziellen Moment abhandenkommt und unerheblich wird.
Mit diesem starken Tobak endet ‚Fleder.Strauss‘, schafft es aber dennoch nicht, die Lust auf weitere Musik- und Theatervorstellungen zu killen. Ganz im Gegenteil. Das irrwitzige Spieltempo, die Ausgelassenheit des Ensembles auf der Bühne und die Absurdität so mancher Szene wirkten derart ansteckend, dass man solch einen Habitus liebend gerne in den eigenen Alltag implementieren möchte. Man könnte neidisch werden.
Großartig auf der Bühne:
Elvis Alieva
Yvonne Brandstetter
Kajetan Dick
Julio Cesar Manfugás Foster
José Antonio Rey Garcia
Ana Grigalashvili
Andrzej Jaślikowski
Miriam Mercedes Vargas Iribar
Mercedes Miriam Vargas Iribar
Zsuzsanna Enikö Iszlay
Christian Kohlhofer
Ylva Maj
Erwin Piplits
Gerwich Rozmyslowski
Leonie Wahl
