Für gewöhnlich weisen die Räumlichkeiten der Grazer Oper bestimmte Funktionen auf, die bei dieser Produktion jedoch auf den Kopf gestellt wurden. Bereits an der Fassade, rechter Hand platziert, ragte ein riesenhafter goldener Fuß aus dem Gebäude und vermittelte den Eindruck, von diesem hinausgewachsen zu sein. Im Foyer verstärkte sich die Vermutung, denn eine überdimensioniert große, goldene Hand war hoch über den Köpfen der Eintretenden an der Seitenwand angebracht. Mit langen Schnüren, die von ihr herabhingen, war sie mit einer lebendigen, menschlichen Marionette verbunden. Links von der Feststiege agierte eine Tänzerin auf dem Empfangstresen. Und auch an weiteren Orten außerhalb des eigentlichen Zuschauerraumes boten Tänzerinnen und Tänzer einen ersten Einblick in eine Reihe unangenehmer Charaktereigenschaften, die Menschen nun einmal leider eigen sind. Habgier, Betrug und Verrat, Völlerei, Wolllust und ‚Ketzerische Philosophie‘ agierten vor, hinter und neben dem Publikum, das sich beim Flanieren die unterschiedlichen Stationen selbst auswählen konnte. Die Choreografin wollte damit auf jene Lebensabschnitte hinweisen, die so manch einer durchleben muss, bevor es an eine Läuterung gehen kann. Zwischen und auf den Sitzen der ersten Reihen im Parkett agierte eine kleine Gruppe, die Zorn und Gewalt symbolisierte.
Einzig die Bühne, die erst eine halbe Stunde nach dem eigentlichen Beginn richtig bespielt wurde, war jenem Zustand vorbehalten, der bei Dante mit dem Fegefeuer beginnt und letztlich im Paradies endet. Was zu Beginn hautnah mitzuerleben war, rückte nun ab vom Publikum, das sich auf seinen Plätzen bequem gemacht hatte.
Es ging der Choreografin nicht darum, Dantes Kosmos nachzuerzählen, sondern sie konzentrierte sich auf das Wesentliche: Die Läuterung und die innere Verwandlung Dantes, weg vom Erdensünder hin zu einem Glückseligen, inmitten einer erlösten Heerschar.
Das großartige Ballett der Grazer Oper leistete dabei ganze Arbeit. Angefangen von den Solistinnen und Solisten wie Nimrod Poles (Dante), Savanna Haberland (Beatrice) und Yuka Eda als Dantes Seele hin zu jedem und jeder Einzelnen aus dem Ensemble agierten sie als wichtige Bausteine in einer opulenten Choreografie. Zahlenmäßig starke Szenen wechselten mit solchen ab, die zu zweit oder in kleinen Gruppen getanzt wurden.
Ein besonderer Augenschmaus bot sich, als Dante vom Ensemble nach und nach in seitwärts ausgerichteten Trippelschritten umrahmt wurde. Ebenso eindringlich und nachhaltig im Gedächtnis blieb Beatrices Auftritt, der so leicht und schwerelos durch viele Hebe-ja man möchte sagen, Schwebefiguren gestaltet wurde, dass das Zusehen eine reine Freude war.
Auch das finale Pas-de-deux mit Dante und seiner Seele, beeindruckte durch eine choreografische Ästhetik, die aus zwei Personen zeitweise eine Einzige hervorbrachte, so verschmolzen ihre Bewegungen ineinander.
Musikalisch überzeugte die Inszenierung gleichermaßen. Johannes Braun hatte die musikalische Leitung inne. Es gelang ihm dabei, die Melange von Arvo Pärt und Philip Glass überzeugend hörbar zu machen. Till Kuhnert (Bühne), Estefania Miranda (Kostüme) sowie Martin Schwarz (Licht) trugen ebenfalls wesentlich zum Gelingen der Produktion bei.
Der Idee der Choreografin konnte jedoch nur mithilfe des Programmblattes, bzw. Programmheftes, gefolgt werden. So blieb der ganzheitliche Genuss nur jenen vorbehalten, die sich vor oder während der Vorstellung im Programmheft schlau gemacht hatten. Alle anderen verfolgten einen ungewöhnlichen Ballettabend mit unterschiedlichen Stationen sowie einer opulenten Bühnenfassung, der man sich ohne Vorwissen nur emotional ausliefern konnte.


