Den Namen erhielt die Bühne vom gleichnamigen Unternehmen, welches ab 1948 an diesem Standort Kristallmikrofone, -hörer und später auch Radios und Plattenspieler produzierte. In den 90-er Jahren wurde der Betrieb eingestellt, die Location selbst jedoch seit 2016 als Theater der Freien Szene genutzt. Mit Aulone Nuhiu und Sead Vuiqi bestritten zwei Mitglieder des Kosovo National Ballett den Abend.
Aulone Nuhiu hatte dabei eine Monsteraufgabe zu leisten, sprang sie doch kurzfristig für die russische Tänzerin und Choreografin Elzaveta Polikaova ein, der die Einreise nach Europa von der Türkei aus nicht genehmigt worden war. Polikaova sollte ihre Choreografie geplanter Weise selbst tanzen, aber der Krieg, den Russland gegen die Ukraine führt, macht auch vor den Kunstschaffenden nicht Halt. Die international viel beachteten Querelen um die Teilnahme Russlands an der Biennale in Venedig sind nur die Spitze eines die Kultur betreffenden Eisbergs, der Auswirkungen auf viele hat, deren Schicksal nicht in den Medien aufscheint.
„The Cloud“ – so der Titel des Abends, wurde von der kanadischen Musikerin Erin Lang live mit einem vielfältigen Sound begleitet. Geräusche wie Knistern und leises Flüstern, Atemgeräusche, die einen langen Hall versehen bekamen, aber auch perkussive Momente mit harten, auditiven Schnitten, sowie lang gezogene Klangcluster und feine, melodische Linien wurden dafür von ihr produziert. „Zeitgenössische Musik muss man sehen“, konstatierte 2010 der ehemalige Intendant des Festivals Musica, Jean-Dominique Marco in Strasbourg, und tatsächlich faszinierte Lang das Publikum mit ihrer Live-Darbietung, die am rechten Bühnenrand ausgeführt, genauso wie der Tanz von Sead Vuniqi und Auloné Nuhiu, zu verfolgen war.
„The Cloud“ dient als visualisierte Metapher, die aufzeigt, wie Menschen zueinanderfinden, letztlich aber auch wieder auseinandergehen, bis am Ende der poetisch erzählten Geschichte nichts als Trauer und Bitterkeit bleiben. Die große, amorphe, gasgefüllte Plastik-Blase, die sich in alle Richtungen bewegen, aber auch in die Luft schubsen lässt, evoziert je nach Setting unterschiedliche Gefühle: Leichtigkeit und himmelhochjauchzende Freude genauso wie Enge, Bedrohung oder Gefangenschaft. Am Ende der Performance bleibt sie nur mehr als zerknautsche Folie an Sead Vuniqi hängen, der desillusioniert seines Lebenstraumes beraubt scheint.
Klug eingesetzt, lässt das Wolkenrequisit die Auftritts-Wechsel zwischen Vuniqi und Nuhiu magisch erscheinen. Ohne tatsächliche Auf- und Abgänge können die Tanzenden, unterstützt durch eine kluge Lichttechnik (Lisa Raschhofer), darin gänzlich verschwinden, um später wie aus dem Nichts aus ihr wieder aufzutauchen. Ihr gemeinsames Agieren mit der Cloud weist auch ein überraschend vielfältiges Bewegungsrepertoire auf. Von häufigen Bodenkontakten hin zu vielen Hebefiguren, von der Illusion, sie schwer nach sich ziehen zu müssen oder sie leichthändig manipulieren zu können, reicht die Bandbreite.
Moves von Sead Vuniqi, die er im Kreis um die eigene Achse ausgeführt und Nuhiu dabei gefährlich nahe am Boden schweben lässt, erinnern an jene von Eiskunsttanzpaaren. Erst unlängst griff auch Anne Jung in ihrer Inszenierung ‚Drift‘, für die Oper Graz, auf dieses effektvolle Stilmittel zurück.
Die Körperbeherrschung des Duos, die technisch alles aufweist, was zeitgenössischer Tanz heute erfordert, lässt ihre klassische Ausbildung dennoch subtil spürbar werden. Keine Sekunde ist dem Zufall überlassen, jede auch noch so kleine, intime Bewegung wird perfekt platziert. Die Produktion verlangt vom Publikum, sich emotional ganz dem Geschehen auszuliefern, was auch dank der fein nuancierten Klangkulisse möglich wird. Die Idee, eine Wolke als Symbol für ein vielfältiges Beziehungsgeschehen zwischen zwei Menschen einzusetzen, ist äußerst kreativ und bietet die Möglichkeit, nach dem Besuch der Vorstellung hinaus über dieses fluide Phänomen nachzudenken.



