Das Stadttheater in Klagenfurt wählte Glucks Fassung in italienischer Sprache und bot dem Duo Carolin Pienkos und Cornelius Obonya Gelegenheit, Regie zu führen. Das taten sie mit Feingefühl und Betonung auf den Kern der ‚Azione teatrale per musica‘, so der Untertitel der Oper. Sie beließen den Plot im antiken Thrakien ohne Bemühungen einer zeitgenössischen Interpretation, was dieser Inszenierung sehr guttut und legten den Fokus auf die seelischen Befindlichkeiten der Hauptfiguren Orfeo und Euridice. Ihre Liebesschmerzen, unter welchen ihre Seelen zutiefst leiden, werden nicht nur hör- sondern im ausdrucksstarken Spiel der Sängerinnen und Sänger auch sichtbar, sodass sie im Publikum ein entsprechendes Mitgefühl auslösen.
Als äußerst hilfreich erweist sich das Bühnenbild von Devin McDonough sowie die Kostüme von Laura Magdé Hörmann. Ein dunkler Säulengang im Bühnenhintergrund, ein hölzernes Boot, in und mit welchem Euridice ins Jenseits hinabgelassen wird, aber auch ein sonnendurchfluteter Hain oder eine grauenerregende Treppe, bestehend aus einem Berg toter, leichengrauer Leiber, visualisieren die unterschiedlichen Orte, ohne je kitschig zu wirken.
Orfeo darf nach Amors Willen seine verstorbene Geliebte aus dem Hades wieder ins Leben holen, wenn es ihm gelingt, sie bei dieser Befreiung nicht anzusehen. Wohl wissend, dass diese Prüfung übermenschlich ist, macht er sich auf den Weg, seine Liebe zurückzugewinnen, um zu scheitern. Abermals ist es Amor, der, zutiefst von der Hingabe und Liebe der beiden gerührt, Euridice dennoch zum Leben erweckt und die beiden am Schluss der Oper glückselig vereint.
Die Kostüme harmonieren nicht nur in ihren Farben – zum größten Teil ein gebrochenes Weiß und ein dunkles Rot. Sie unterscheiden und ergänzen sich auch in kleinen Details, wie den Schulter- und Ausschnitt-Partien. So finden die seitenverkehrt angeordneten, asymmetrischen Schnitte von Orfeo und Euridice ihre gegengleiche Entsprechung beim jeweils anderen und ihre Verschmelzung letztlich – konsequent durchgedacht – im Kostüm von Amor. Jenem liebevoll-grausamen Gesellen, der das Paar vor eine schier unüberwindbare Aufgabe stellt. Auch seine überdimensionierten, großen, dunkelroten Flügel bieten einerseits Schutz, wirken andererseits aber auch beängstigend. Ein Fest fürs Auge ist die bunte und ideenreiche Kostümausstattung im letzten Bild – in welchem sich liebliche Feen- und Zaubergestalten um das Liebespaar tummeln, um ihm zu huldigen.
Für die drei Hauptrollen wurden Tobias Hechler (Orfeo), Keri Fuge (Euridice) und Luisa Mordel verpflichtet. Keri Fuges Euridice glänzt mit einem kräftigen und zugleich glasklaren, jedoch auch zart-lyrischem Timbre, dass man sich keine bessere stimmliche Besetzung vorstellen kann. Ebenso Luisa Mordel, die als Amor wie ein „deus ex machina“ aus lichten Höhen auf die Bühne herabgelassen wird. Tobias Hechler überzeugt an all jenen Stellen, die im Register eines Countertenors gut aufgehoben sind. Das Kärntner Sinfonieorchester unter der Leitung des Gluck-Spezialisten Michael Hofstetter bietet ihm die Möglichkeit, auch noch in den tieferen Passagen wahrnehmbar zu bleiben. Dies vor allem durch die beinahe kammermusikalische Besetzung, die auch im Barock üblich war.
Der Chor und Extrachor, bestens stimmlich präsent und bewundernswert in seiner fein abgestimmten Dynamik, hinterlässt großen Eindruck. Das Tanzensemble, klug choreografiert von Riccardo de Nigris, agiert als Trauergemeinde, Jenseits-Bewohner aber auch ausgelassene Truppe am Schluss, in welcher sie als personifizierte Lebensfreude agieren.
Die Inszenierung von ‚Orfeo ed Euridice‘ darf zu Recht als Gesamtkunstwerk betitelt werden, in welchem jeder einzelne kreative Baustein seinen passenden Platz gefunden hat. Standing Ovations des Publikums bei der Aufführung am Faschingdienstag gaben deutlich dessen Zufriedenheit wieder.


