Urlaub und Untergang

Die Nachrichten informieren beinahe täglich über Flüchtlinge, die auf Schlepperbooten Europa erreichen und hier in Auffanglagern auf ihr weiteres Schicksal warten. Oft auch von solchen, für die diese Fahrt eine in den Tod war. Morgens, beim Frühstück, in der Zeitung oder abends am Bildschirm konsumieren wir diese Meldungen, während wir uns in der nächsten Sekunde über familiäre Probleme den Kopf zerbrechen.

Parallelwelten von Flucht und Urlaub

In Anja Hillings neuestem Stück „Sinfonie des sonnigen Tages“, das am Schauspielhaus in Wien uraufgeführt wurde, verbindet die Autorin diese zwei Parallelwelten auf einer Bühne. Das Publikum erlebt dabei im Zeitraffer den letzten Tag und den Tod von Lou, einer vom Krieg und der Flucht gezeichneten Frau. Aber auch die Geschehnisse desselben Tages aus der Sicht von Ricarda und Ralf. Damit sich die Wege der drei Menschen auch physisch kreuzen, lässt Hilling die beiden letztgenannten Eheleute am Mittelmeer in einer Bungalowsiedlung urlauben. Das Meer, für die einen Erholungsraum, wird Lou letztlich zum Verhängnis. Ihr Leichnam, am Strand angeschwemmt, wird am Ende des Stückes die körperliche Versöhnungszeremonie von Ricarda und Ralf stören.

In der Inszenierung von Felicitas Brucker bildet die Komposition von „Mouse on Mars“ jenes auditiv-bedrohliche Gerüst, das die unterschiedlichen Textqualitäten miteinander verbindet. Denn Hillings Werk ist nicht nur von Dialogen und Monologen bestimmt, sondern weist vor allem an seinem Ende massive Prosastellen auf. Durch den Einsatz von Theaternebel verschwimmen dabei die Figuren komplett. Damit visualisiert Brucker jenen Zustand, den man als Geträumten, Gefühlten, als Irrealen bezeichnen könnte. Er markiert aber auch jenes Ende, in dem sich das Leben selbst auflöst und überdeckt die Wortkaskaden, die nur mehr als leere Formeln wahrgenommen werden können.

Charlotte Müller spielt aufwühlend, berührend – kurz herausragend jene Frau, die sich aus ihrer vom Krieg verwüsteten Heimat auf die Flucht begibt. Dabei erlebt sie nicht nur Hunger, Gewalt Grauen und Sterben, sondern auch das Gefühl, am Leben bleiben zu wollen. Zwischen Aufbegehren und Sich-Verabschieden von dieser Welt, die nicht mehr die ihre ist, schwankt, sitzt und liegt sie meist geisterhaft weiß geschminkt auf einem niedrigen Podest. Aber selbst dieses – Sinnbild für all jene Boote, die im Mittelmeer mit Menschen vollgepfropft Richtung europäisches Festland unterwegs sind – bietet ihr keinen Schutz. Während sie Satz um Satz ihr nahes Ende erwartet, spielt sich zwischen dem Urlauberpaar eine veritable Ehekrise ab. Die beiden erfüllen all jene Stereotype, die man mit einem Paar mittleren Alters assoziieren kann. Auseinandergelebt, mit unterschiedlichen Meinungen über ihren Sohn, der von Davis Wilhelm zweimal schemenhaft, aber umso einprägsamer tänzerisch verkörpert wird. Thiemo Strutzenbergers schlechtes Gewissen nach seinem gebeichteten Seitensprung bleibt ihm den Abend über sichtbar ins Gesicht geschrieben. Franziska Hackl kann ihre Wut, Angst und Trauer darüber trotz schärfster verbaler Gegenangriffe aber auch nicht verbergen.

Eine Inszenierung, die in die Vollen greift

Die Musik und die Bühne bilden eine perfekte Einheit. Viva Schudt sorgte dafür, dass die Enge des Ehelebens aber auch die Begrenztheit und das Ende des Lebens von Lou durch metallen wirkende Platten visualisiert werden, die den Raum nach hinten abgrenzen. Die Drehbühne gibt immer wieder die Möglichkeit, zwischen der Isolation auf dem Meer und der Urlaubsidylle am Strand oder den Szenen im Bett zu wechseln. Die „Sinfonie des sonnigen Tages“, ein Stück, in dem sich Hilling auch explizit auf Beethovens 9. Symphonie bezieht, ist ein Dunkles. Eines, das aber ganz und gar nicht mit erhobenem Zeigefinger daherkommt, sondern eines, das die unterschiedlichen Lebensrealitäten miteinander in unaufdringlicher, zarter Art und Weise verknüpft. Es stellt jedoch nicht nur das Geschehen selbst in den Mittelpunkt. Vielmehr ermöglicht es dem Publikum, durch seine sprachliche Komplexität, die musikalische Intervention und die mehr verhüllende als offenbarende Inszenierung, für sich selbst noch jede Menge gedanklichen Freiraum zu finden. Hilling beweist durch ihre fulminante Sprachbeherrschung, dass es möglich ist, auch ein politisch brandaktuelles Thema in eine künstlerische Form zu gießen, die über die derzeit entsetzlichen Anlassfälle hinaus Bestand haben wird.

Das Schauspielhaus in Wien liefert damit eine Inszenierung ab, welche die Latte für diesen wundersamen, hoch artifiziellen, aktuellen und zugleich so berührenden Text sehr hoch legt.

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