Martin Kippenberger dankt der Putzfrau

Diese beiden herausragenden Künstler – Duchamp und Beuys – hatten mit ihren Ideen maßgeblichen Einfluss auf das Kunstgeschehen nach ihnen. Wobei es ihnen ja vor allem auch darum ging, die Kunst selbst zu hinterfragen. Und gerade daran spießt sich so manche  Publikumszustimmung, handelt es sich bei diesen Ideen ja nicht mehr um etwas, was dinglich fassbar ist, sondern um abstrakte Gedanken, die man erst einmal aufnehmen und selbst durchdenken muss  um sie zu erfassen, ihnen zuzustimmen oder sie abzulehnen. Um Duchamp und Beuys zu verstehen und mit Ihnen einen Großteil des Kunstgeschehens nach dem Zweiten Weltkrieg, muss man sich über sie informieren, muss das eigene Denkvermögen in Anspruch nehmen und erst einmal zumindest versuchen, unvoreingenommen diese Ideen zu analysieren.

Mir muss ein Kunstwerk gefallen, alles andere zählt für mich nicht! Wenn man Kunst nun auch schon erklären muss, dann hört es sich für mich ja ganz auf! Das sind nur zwei von mehreren Aussagen, die Kunstkenner immer wieder zu hören bekommen. Oder auch solche Menschen, die einfach in ein Museum mit zeitgenössischer Kunst gehen und ihre Ohren ein wenig aufsperren. Diese Argumente sind auch im Fall Kippenberger gang und gäbe.

Malewitsch, Kasimir - Schwarzes Quadrat auf weißem Grund

Schwarzes Quadrat auf weißem Grund, 1915 (c) Hungerberg

An dieser Stelle möchte ich eine kleine Begebenheit erzählen, die mich persönlich sehr berührt hat und sehr gut zum Thema passt. Vor 13 Jahren fand in Graz eine groß angelegte Ausstellung mit dem Titel „Die Farbe Schwarz“ statt. In dieser Ausstellung war als kunsthistorisches Highlight das „Schwarze Quadrat auf weißem Grund“ von Kasimir Malewitsch zu sehen. Mein damals  15jähriger Sohn ging aufgrund eines Schulprojektes mit seinen Mitschülerinnen und Mitschülern in diese Ausstellung. Als er nach Hause kam, erzählte er mir, dass er eines der schönsten Bilder gesehen hätte, das ihm je untergekommen sei. Und er schwärmte von Malewitschs Bild. Meine Verwunderung war groß, denn ich hatte meinem Sohn nicht zugetraut, dass ein suprematistisches Werk ihn derart in seinen Bann ziehen würde, hatte ich mit ihm zuvor ja auch noch nie über Malewitsch oder den Suprematismus gesprochen.  Als ich wenige Wochen später bei einer Schulveranstaltung war, kam eine Lehrerin meines Sohnes direkt auf mich zu, um mir Folgendes zu sagen: Ich möchte mich bei Ihnen bedanken, denn ihr Sohn hat etwas geschafft, das bisher noch niemandem aus dem Lehrkörper gelungen ist. Er habe mit einer unglaublichen Leidenschaft für das Bild „Schwarzes Quadrat auf weißem Grund“ Partei ergriffen, als ein Mitschüler sich darüber lustig machte und erklärt hatte, dass er das ja auch gekonnt hätte und dass dieses Bild ja wohl keine Kunst sei! Daraufhin habe sich mein Sohn – völlig unerwartet – vor seinen Schulkameraden gestellt und gefragt, ob er denn überhaupt wisse, welche Art von Kunst in jener Zeit, als das Bild entstanden war,  gerade ihre Hochblüte gefeiert hätte. Es sei der Jugendstil gewesen, der mit seinen überbordenden Formen und Schnörkeln die ganze Welt in Atem hielt und behübschte – und alleine der Gegensatz, den Malewitsch dieser Kunstform mit diesem Bild entgegenbrachte, sei schon eine unglaublich heroische Tat gewesen. Denn er könne sich doch wohl vorstellen, was der Künstler an Hohn und Spott ertragen hätte müssen, als er dieses Werk der Öffentlichkeit präsentierte! Nach dieser leidenschaftlichen Parteinahme hätte der jugendliche Kunstverächter kleinlaut auf dem Absatz kehrt gemacht und in der Gruppe Schutz gesucht, um sich nicht einer weiteren Debatte und Belehrung stellen zu müssen. Aber die junge Aufseherin in dem Saal, eine Kunststudentin, wie sich herausstellte, sei schnurstracks auf meinen Sohn zugegangen, hätte ihm die Hand entgegengestreckt und nun den seinerseits Verblüfften, während sie seine Hand beständig schüttelte, laut erklärt: Ich danke dir für diesen Auftritt, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie gut das tut. Weißt du, ich höre diese Argumentation, dass das ja keine Kunst sei und man das ja auch könne am Tage ja x-mal und es tut einfach gut, dass du dich hier zu Wort gemeldet hast.

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