{"id":55071,"date":"2013-06-14T17:38:13","date_gmt":"2013-06-14T15:38:13","guid":{"rendered":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fraeulein-else-als-literarischer-lockvogel\/55071\/"},"modified":"2013-06-14T17:38:13","modified_gmt":"2013-06-14T15:38:13","slug":"fraeulein-else-als-literarischer-lockvogel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/fraeulein-else-als-literarischer-lockvogel\/55071\/","title":{"rendered":"Fr\u00e4ulein Else als literarischer Lockvogel"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_7494\" style=\"width: 586px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7494\" class=\" wp-image-7494 \" alt=\"Being Else im Kosmostheater Wien\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.european-cultural-news.com\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/kosmostheater_else.jpg?resize=576%2C384&#038;ssl=1\" width=\"576\" height=\"384\" title=\"\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/european-cultural-news.com\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/kosmostheater_else.jpg?w=640&amp;ssl=1 640w, https:\/\/i0.wp.com\/european-cultural-news.com\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/kosmostheater_else.jpg?resize=225%2C150&amp;ssl=1 225w, https:\/\/i0.wp.com\/european-cultural-news.com\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/kosmostheater_else.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w\" sizes=\"(max-width: 576px) 100vw, 576px\" \/><p id=\"caption-attachment-7494\" class=\"wp-caption-text\">\u201eBeing Else \u2013 ein multiples System\u201c im Kosmostheater Wien (Foto: \u00a9 Judith Stehlik)<\/p><\/div>\n<p>\u201eBeing Else \u2013 ein multiples System\u201c \u2013 die Wiederaufnahme einer Produktion von \u201eDAS GUT\u201c ist derzeit noch bis zum 22.6. im Kosmostheater zu sehen. Unter der Regie von Rachelle Nkou und der Choreografie von Anna Hein greift das St\u00fcck von seinem Bedeutungsinhalt jedoch weit mehr als die Vorlage \u201eFr\u00e4ulein Else\u201c von Arthur Schnitzler auf. Die Verortung des Geschehens ins Heute macht klar, dass Else eine jener jungen Frauen sein k\u00f6nnte, die in den letzten Jahren medial bekannt wurden, weil sie gegen ihren Willen eingesperrt waren. Else wird gleich zu Beginn auf den \u201ehei\u00dfen Stuhl\u201c einer Talkshow ins Rampenlicht gesetzt und zu ihrem Martyrium befragt. Wie viele Jahre sie denn von ihren Eltern missbraucht worden w\u00e4re und wie sie dies alles ausgehalten h\u00e4tte. Ihre Antworten kommen sozial erw\u00fcnscht ohne emotionale Ausbr\u00fcche, zurechtgeb\u00fcgelt durch eine pseudowissenschaftliche Nomenklatur.<\/p>\n<p>Das wahre Leid dahinter bleibt medial vertr\u00e4glich verborgen. Else verbringt den ganzen Abend \u00fcber auf ihrem \u00f6ffentlichen Thron und beachtet mit den ZuseherInnen jenes Geschehen, das sich auf der B\u00fchne in einem gro\u00dfen, durchsichtigen Kunststoffraum abspielt. Darin befinden sich \u2013 zumindest auf den ersten Blick &#8211; insgesamt sieben Frauen, die allesamt denselben Haarschnitt von Else tragen und alle ganz in Wei\u00df mit kurzem Rock und T-Shirt bekleidet sind. Es sind ihre abgespaltenen Pers\u00f6nlichkeiten; jene anderen Ichs, die Menschen in extremen Belastungssituationen herausbilden, um mit der grausamen Realit\u00e4t, der sie sich ausgesetzt sehen, umgehen zu k\u00f6nnen. Die kluge B\u00fchnenkonstruktion ist nicht nur Metapher f\u00fcr das Eingesperrtsein der multiplen Pers\u00f6nlichkeiten in Elses Kopf, sondern sie simuliert auch jene R\u00e4ume, in welchen das M\u00e4dchen tats\u00e4chlich zum Missbrauchsopfer wird. Anders als in der Fassung von Schnitzler muss sich Else n\u00e4mlich nicht nur nackt zur Schau stellen. In zwei beeindruckenden Szenen wird man Zeuge von Vergewaltigungen, die emotional unter die Haut gehen, ohne dass nackte Tatsachen pr\u00e4sentiert werden. Kindesmissbrauch ist dabei ein ebenso gro\u00dfes Thema wie die k\u00f6rperliche Erniedrigung einer jungen Frau, brillant \u201egetanzt\u201c von Anna Hein, die den Begriff des tabledance damit erschreckend definiert. Alexander Braunsh\u00f6r, in einer Tripelrolle sowohl als abgespaltenes Ich von Else als auch als l\u00fcsterner Dorsday und als Kindesvergewaltiger muss sich lediglich schwarze Handschule anziehen, um aus der weiblichen Figur in eine m\u00e4nnliche zu schl\u00fcpfen. Seine die M\u00e4dchen \u00fcberragende Gestalt wird zur st\u00e4ndigen Bedrohung, ja zu einem weiblichen Albtraum schlechthin. \u00dcber lange Strecken wird das Geschehen auch musikalisch begleitet. Anleihen bei Klaus Nomi, eine Ger\u00e4uschkulisse, aus der man das Pulsieren des Blutes und einen Herzschlag heraush\u00f6ren kann, eine kleine Klaviermelodie und auch live gesungene Lieder, f\u00fcr die Boris Fiala und Andreas Hamza verantwortlich sind, schwanken zwischen hoch professionell und laienhaft improvisiert. Sicherlich ein gewolltes Stilmittel, welches die Figuren bewusst von einer b\u00fchnen\u00fcber\u00f6hten K\u00fcnstlichkeit fernhalten m\u00f6chte. \u201eBeing Else \u2013 ein multiples System\u201c bleibt an seinem Schluss in Schnitzlers Vorgabe, aus der nicht ersichtlich wird, ob Else stirbt oder die Dosis Veronal doch zu gering f\u00fcr einen Freitod war. Das gro\u00dfe Verdienst dieser Auff\u00fchrung ist die Thematisierung von Gewalt gegen Kinder und jungen Frauen und das Sichtbarmachen des daraus resultierenden psychischen Elends, das sich wohl kaum jemand vorstellen kann, der nicht selbst davon betroffen war. Die ber\u00fchmte literarische Vorlage dient dabei als kluger Lockvogel f\u00fcr ein Publikum, welches sich sonst vielleicht diesem Thema nicht aussetzen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Johanna Orsini-Rosenberg, Birgit Linauer, Rita Dummer, Sascia Ronzoni, Eli Veit, Ursula Wiednig und Christin Amy Artner werden an diesem Abend nicht nur schauspielerisch, sondern in hohem Ma\u00dfe auch k\u00f6rperlich gefordert. Ein wichtiger Abend, bei dem das Ankommen der Botschaft wichtiger als jede k\u00fcnstlerische Beurteilung sein muss.<\/p>\n<p><strong>Links<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/kosmostheater.at\/\" title=\"Webseite Kosmostheater\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Webseite Kosmostheater<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.gutensemble.com\/die.html\" title=\"Webseite DAS GUT\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Webseite DAS GUT<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eBeing Else \u2013 ein multiples System\u201c \u2013 die Wiederaufnahme einer Produktion von \u201eGUT\u201c ist derzeit noch bis zum 22.6. im Kosmostheater zu sehen.<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":19051,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[2625,3926],"tags":[],"class_list":["post-55071","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-theater","category-theater-fr"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/european-cultural-news.com\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/kosmostheater_else.jpg?fit=640%2C427&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack-related-posts":[],"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p2NpeJ-ekf","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55071","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=55071"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55071\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/19051"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=55071"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=55071"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=55071"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}