{"id":55060,"date":"2013-05-24T12:05:05","date_gmt":"2013-05-24T10:05:05","guid":{"rendered":"https:\/\/european-cultural-news.com\/die-bedrohlichen-schatten-der-zukunft\/55060\/"},"modified":"2013-05-24T12:05:05","modified_gmt":"2013-05-24T10:05:05","slug":"die-bedrohlichen-schatten-der-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/die-bedrohlichen-schatten-der-zukunft\/55060\/","title":{"rendered":"Die bedrohlichen Schatten der Zukunft"},"content":{"rendered":"<p>Wir dachten, \u201ees\u201c k\u00e4me nie mehr wieder. Wir dachten, \u201ees\u201c sei Geschichte, die man nie mehr vergessen d\u00fcrfe. Aber es gibt Menschen, die meinen, wir erlebten eine \u201eMahnmahlinvasion\u201c und dass endlich \u201eeinmal Ruhe sein m\u00fcsse\u201c.<\/p>\n<p>Von Wien aus sind es gerade einmal 72 Kilometer bis zur ungarischen Grenze und 243 Kilometer bis nach Budapest. 243 Kilometer bis ins Machtzentrum des ungarischen Ministerpr\u00e4sidenten Viktor Orban. Mit seiner Fidesz-Partei h\u00e4lt er eine Zweidrittelmehrheit im Abgeordnetenhaus. Es war nicht zuletzt seine starke Polemik gegen die Bev\u00f6lkerungsgruppe der Roma und gegen Juden, die ihm zu diesem Wahlerfolg verholfen hat. Dabei unterst\u00fctzt wird er von der rechtsradikalen Partei Jobbik, deren Vertreter sich nicht scheuen, wahre Hetzreden gegen besagte Bev\u00f6lkerungsgruppen anzustimmen. Christoph Marthaler zeigt mit seiner Theaterproduktion \u201eLetzte Tage. Ein Vorabend\u201c, wie sehr die Polemiken der politischen Elite in unserem Nachbarland in fatalster Art und Weise an jene Wortmeldungen erinnern, die am \u201eVorabend\u201c zum Ersten Weltkrieg im historischen Sitzungssaal des Parlamentes in Wien zu h\u00f6ren waren. Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts avancierte der Antisemitismus zum politischen Spielkapital, das von einflussreichen K\u00f6pfen, wie Karl Lueger einer war, bewusst eingesetzt wurde.<\/p>\n<div id=\"attachment_7400\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.european-cultural-news.com\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Letzte_Tage_wiener_festwochen.jpg?ssl=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7400\" class=\"size-medium wp-image-7400 \" alt=\"Christoph Marthalers \u201eLetzte Tage. Ein Vorabend\u201c im Parlament\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.european-cultural-news.com\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Letzte_Tage_wiener_festwochen-300x199.jpg?resize=300%2C199&#038;ssl=1\" width=\"300\" height=\"199\" title=\"\"><\/a><p id=\"caption-attachment-7400\" class=\"wp-caption-text\">Christoph Marthalers \u201eLetzte Tage. Ein Vorabend\u201c im Parlament in Wien bei den Festwochen. (Photo: Walter Mair)<\/p><\/div>\n<p>Kunst kann seinen Finger auf soziale und politische Wunden legen und das nicht nur im Nachhinein. Dort, wo Kunst auf sozio-kulturelle und politische Schieflagen unserer Zeit aufmerksam macht, wird sie zwar besonders angreifbar, zugleich aber auch besonders interessant. Die Wiener Festwochen koproduzierten mit dem Festival d\u00b4Automne \u00e0 Paris, dem Th\u00e9\u00e2tre de la Ville, Paris und der Staatsoper Unter den Linden in Berlin das St\u00fcck, das auf historischen Redevorlagen, aber auch Texten von ungarischen Politikern der letzten Monate basiert. Herausgekommen ist eine Marthaler`sche Collage mit starken musikalischen Anteilen, eindrucksvollen Bildern und unter die Haut gehenden Textpassagen. F\u00fcr die Musik, die zum gr\u00f6\u00dften Teil von j\u00fcdischen Komponisten stammt, zeichnet Uli Fussenegger vom Klangforum Wien verantwortlich und liefert mit seinen f\u00fcnf MusikerInnen dabei Qualit\u00e4t vom Allerfeinsten. Dabei reicht der Spannungsbogen von einfachen Wienerliedern bis hin zu einem Choral von Felix Mendelssohn-Bartholdy aus seinem Elias-Oratorium.<\/p>\n<p>Marthaler verschr\u00e4nkt in seiner Arbeit mehrere Zeitebenen. Er greift nicht nur ans Ende des 19.Jahrhunderts zur\u00fcck und l\u00e4sst die antisemitische Rede Luegers in ruhigem Flie\u00dfton verlesen, sondern er macht einen kurzen Stopp in der Jetztzeit. Da hat eine blonde, rechtsgesinnte Politikerin ihren gro\u00dfen Auftritt vor grellbunten Mikrofonen, \u00fcber welche sie einem Schwarzen zu erkl\u00e4ren versucht, dass er aufgrund seiner \u201egentechnischen Ausstattung\u201c an zu wenig Selbstbewusstsein leide. Dass er nach einer mit Hall verst\u00e4rkten Jodeleinlage der Dame couragiert zur\u00fcckjodelt, wird von seiner Widersacherin nicht einmal mehr wahrgenommen, l\u00e4ngst hat sie die B\u00fchne der Politikerpr\u00e4sentation verlassen. Noch schlimmer jedoch geb\u00e4rdet sich ein \u201eskythonumerisch-etruskischer Hunne\u201c, so die Rollenbezeichnung jenes Ungarn, der von einem Bauger\u00fcst aus eine Schimpftirade gegen die Roma ins Publikum schleudert. Der Publizist Gregor Mayer hat f\u00fcr diesen Text Stellen aus Reden von 6 ungarischen Politikern zusammengestellt, die teilweise derzeit im ungarischen Parlament vertreten sind. Hier muss gesagt werden, dass es Mayer und Marthaler mit dieser Passage in wenigen Minuten gelingt, tiefe Betroffenheit bei einem Teil des Publikums auszul\u00f6sen. Eine Betroffenheit, die tats\u00e4chlich nur das Theater erzeugen kann. Das geschriebene Wort in der Zeitung und auch nicht Berichte in den Nachrichten schaffen eine \u00e4hnliche emotionale Anteilnahme. Man wei\u00df, dass man in einer Theaterproduktion sitzt, und findet das Gesagte nur grotesk. Zugleich aber wird einem bewusst, dass diese Polemik Millionen von Menschen beeinflusst und den Boden f\u00fcr Repressalien bereitet, die man sich nicht ausdenken mag. Zigeuner seien Tiere, ist in dieser Schm\u00e4hdeklamation zu h\u00f6ren, sie seien antisoziale Volkselemente. Und abermals ist es eine leise Stimme, die diese grauenhaften Ansichten verbreitet und daf\u00fcr von den in den Abgeordnetenr\u00e4ngen sitzenden M\u00e4nnern und Frauen \u2013 sind es Menschen aus dem Volk oder sogar VolksvertreterInnen? &#8211; gemurmelte Zustimmung erf\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Kurz nach Beginn der Vorstellung durfte man noch \u00fcber die Rede eines Volksvertreters, angesiedelt 200 Jahre nach den Befreiungen aus den Konzentrationslagern, lachen. Darin feierte er aber nicht diesen Gedenktag, sondern dass der Antisemitismus endlich zum UNESCO Kulturerbe erkl\u00e4rt wurde und die europ\u00e4ische Demokratie zur Unterhaltungsabteilung der chinesischen Wirtschaft avancierte. Er sprach davon, dass es nun einer \u201eneuen Demokratie\u201c bed\u00fcrfe, einer, die keine Opposition mehr brauche. Nach der ethnienfeindlichen Tirade des ungarischen Politikers jedoch bleibt einem noch im Nachhinein das Lachen angesichts dieser absurden Zukunftsvision ganz tief im Hals stecken. Marthaler gelingt es, durch seine unterschiedlichen Zeitverschr\u00e4nkungen ein so d\u00fcsteres Zukunftsbild aufzubauen, dass die bedrohlichen Schatten dieser Zukunft sich wie Blei auf unser Heute legen. Einer seiner Protagonisten spricht von \u201eeinem merkw\u00fcrdigen Zustand, wenn es weder zur\u00fcck noch vorw\u00e4rts geht und das Jetzt unertr\u00e4glich wird\u201c und charakterisiert damit auf den Punkt gebracht das heutige Lebensgef\u00fchl vieler Mitmenschen. Da passt auch jene Passage, in welcher die SchauspielerInnen wortlos entweder alleine oder zu zweit auf den Abgeordnetenpl\u00e4tzen Platz nehmen von der Bildmetapher her gut dazu. Verst\u00f6rende Gesten schaffen Distanz zu den anderen, Kommunikation bleibt im Austausch von Blicken stecken. Mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit sind es ganz unterschiedliche Assoziationsketten, welche die ZuseherInnen w\u00e4hrend dieser Szene entwickeln. Szenen dieser Art sind es aber gerade, welche das Handlungsgeschehen unterbrechen und ihm einen poetischen Freiraum entgegensetzen.<\/p>\n<p>Das Spiel mit dem Spiel wird in dieser Produktion ebenfalls thematisiert, wenn eine japanische Besuchergruppe durch die Glast\u00fcren vom Wandelgang her auf das Publikum blickt und dieses heftig zu fotografieren beginnt. Diese Doppelb\u00f6digkeit, bei der das Schauspiel von einem zweiten \u00fcberlagert wird, zeigt gut auf, wie leicht die Wahrnehmung von Menschen beeinflusst werden kann. Was gerade noch wichtig war, wird durch neue Impulse und Reize v\u00f6llig verdr\u00e4ngt und wer meint, immer den \u00dcberblick \u00fcber ein Geschehen zu bewahren, erinnere sich an diese Szene.<\/p>\n<p>Wie eine Klammer umfasst das Schlussbild den gesamten Abend. Hintereinander, in Reih und Glied, mit leicht gesenkten K\u00f6pfen, schreitet das Ensemble zu einem Mendelssohn-Bartholdy Choral die Empore entlang. Mit den Worten \u201eWer bis an das Ende beharrt wird selig\u201c erinnert das Gr\u00fcppchen an j\u00fcdische Gefangene in den Konzentrationslagern, wobei gerade die Hoffnung, die in dieser kurzen Zeile noch durchschimmert, l\u00e4ngst von den tragischen Geschehnissen \u00fcberholt wurde. \u201eWir leben auf Hoffnung\u201c lie\u00df Heinrich B\u00f6ll eine seiner Figuren in seiner Erz\u00e4hlung \u201eDer Zug war p\u00fcnktlich\u201c sagen &#8211; so wie man sagt, \u201ewir leben auf Pump\u201c. Und dennoch ist es gerade das Ph\u00e4nomen Hoffnung, das nicht erl\u00f6schen darf, aber auch nur dann legitim ist, wenn neben der Hoffnung Taten unser Sein begleiten, die diese Hoffnung auch rechtfertigen.<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen nicht denken, \u201ees\u201c k\u00e4me nie mehr wieder. Wir d\u00fcrfen nicht denken, dass \u201ees\u201c f\u00fcr alle Menschen Geschichte sei, die man nie mehr vergessen d\u00fcrfe. Und Menschen, die meinen, wir erlebten eine \u201eMahnmahlinvasion\u201c und dass endlich \u201eeinmal Ruhe sein m\u00fcsse\u201c d\u00fcrfen nicht mehr widerspruchslos diese Leid missachtenden Allgemeinpl\u00e4tze von sich geben. Marthaler macht uns das an diesem Abend, der nicht der Unterhaltung dient, klar. Das ist nicht nur brillantes Theater, sondern viel mehr; das ist ein politisches Statement von allergr\u00f6\u00dfter Dringlichkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie eine Klammer umfasst das Schlussbild den gesamten Abend. Hintereinander, in Reih und Glied, mit leicht gesenkten K\u00f6pfen, schreitet das Ensemble zu einem Mendelssohn-Bartholdy Choral die Empore entlang. 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