{"id":55000,"date":"2012-03-18T19:05:41","date_gmt":"2012-03-18T18:05:41","guid":{"rendered":"https:\/\/european-cultural-news.com\/wann-gilt-ein-experiment-als-legitim\/55000\/"},"modified":"2012-03-18T19:05:41","modified_gmt":"2012-03-18T18:05:41","slug":"wann-gilt-ein-experiment-als-legitim","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wann-gilt-ein-experiment-als-legitim\/55000\/","title":{"rendered":"Wann gilt ein Experiment als legitim"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im Schauspielhaus in Wien wird derzeit die Produktion \u201e<a title=\"Schauspielhaus Wien - Wenn Kinder Steine ins Wasser werfen\" href=\"https:\/\/www.schauspielhaus.at\/jart\/prj3\/schauspielhaus\/main.jart?rel=de&amp;reserve-mode=active&amp;content-id=1188466708002&amp;produktionen_id=1314109704836\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Wenn Kinder Steine ins Wasser werfen<\/a>\u201c nach einem Text von <a title=\"Xavier Bayer \" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Xaver_Bayer\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Xavier Bayer <\/a>in der Regie von <a title=\"Christine Gaigg\" href=\"https:\/\/www.2ndnature.at\/index.php%3Fid%3D131\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Christine Gaigg<\/a>\u00a0gezeigt.<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_5459\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.european-cultural-news.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/text_WenndieKinder_01_Strutzenberger_Zott_Schaller_Prokopova_Ochvat.jpg?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5459\" class=\"size-full wp-image-5459 \" title=\"text_WenndieKinder_01_Strutzenberger_Zott_Schaller_Prokopova_Ochvat\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.european-cultural-news.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/text_WenndieKinder_01_Strutzenberger_Zott_Schaller_Prokopova_Ochvat.jpg?resize=360%2C541&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"541\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/european-cultural-news.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/text_WenndieKinder_01_Strutzenberger_Zott_Schaller_Prokopova_Ochvat.jpg?w=360&amp;ssl=1 360w, https:\/\/i0.wp.com\/european-cultural-news.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/text_WenndieKinder_01_Strutzenberger_Zott_Schaller_Prokopova_Ochvat.jpg?resize=100%2C150&amp;ssl=1 100w, https:\/\/i0.wp.com\/european-cultural-news.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/text_WenndieKinder_01_Strutzenberger_Zott_Schaller_Prokopova_Ochvat.jpg?resize=200%2C300&amp;ssl=1 200w\" sizes=\"(max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5459\" class=\"wp-caption-text\">Thiemo Strutzenberger, Veronika Zott, Eva Maria Schaller, Anna Prokopova, Petr Ochvat (Foto: \u00a9 Alexi Pelekanos \/ Schauspielhaus )<\/p><\/div>\n<p>Die Umsetzung der Choreographin mit T\u00e4nzerinnen von <a title=\"2nd nature\" href=\"https:\/\/www.2ndnature.at\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">2nd nature<\/a>\u00a0(Veronika Zott, Eva-Maria Schaller, Anna Propokov\u00e1, Petr Ochvat) in Zusammenarbeit mit dem Tanzquartier und dem Schauspielhaus kann als Experiment angesehen werden, das der Frage nachgeht, inwieweit ein Kunstwerk \u2013 hier im konkreten Fall der Text von Bayer \u2013 legitim durch eine andere Kunstform erg\u00e4nzt oder uminterpretiert werden darf.<\/p>\n<p>Das Besondere an der Arbeit ist Gaiggs Idee, der Sprache Bayers eine zweite k\u00fcnstlerische Ebene hinzuzuf\u00fcgen. Dies wird durch eine Choreographie mit einem T\u00e4nzer und vier T\u00e4nzerinnen erreicht, die das gesprochene Wort aber weder unterst\u00fctzt noch konterkariert. Vielmehr agieren die T\u00e4nzerinnen bis auf kurze Ausnahmen wie in einer Parallelwelt, die ungeachtet vom sprachlichen Geschehen wie zuf\u00e4llig auf der B\u00fchne stattfindet.<\/p>\n<p>Bayers Text \u2013 die Gedanken eines Mannes, die allerlei Assoziationen und Erinnerungen einschlie\u00dfen \u2013 ist formal aus einem Endlossatz gebaut. Gaigg l\u00e4sst diesen jedoch abwechselnd von Nicola Kirsch und Thiemo Strutzenberger deklamieren und bleibt dadurch nicht in der geschlechtlichen Determination. Die Gedanken reihen sich nahtlos aneinander, w\u00e4hrend der Protagonist bzw. die Protagonistin in einem Transitraum auf einen Weiterflug wartet. Einem Ort also, der \u00fcberall auf der Welt sein k\u00f6nnte, Andachtskapellen der gro\u00dfen Weltreligionen sein Eigen nennt und Fast-food-Ketten beherbergt, so dass die tats\u00e4chliche Verortung keine Rolle spielt. Die ruhige, stetig sich weiterentwickelnde Sprachmelodie hat zwar den Vorteil, dass man theoretisch dem Gedankengang ohne weitere Ablenkung von Szenenwechseln folgen k\u00f6nnte. Dies gelingt aber bei dieser Auff\u00fchrung keineswegs. Viel zu stark sind die Eindr\u00fccke, die durch die Tanzenden hervorgerufen werden. Ihre Kopulationsbewegungen, die zu Beginn der Auff\u00fchrung jeder f\u00fcr sich vollziehen, werden nur unterbrochen durch Bewegungsmuster, wie man sie von Affenherden in Gefangenschaft kennt. Da wird nach einander gegrapscht, da verfolgen sie sich in aberwitzigem Tempo gegenseitig, aber nach rastlosen Aktionen wird auch traulich zusammengekuschelt. Eva-Maria Lauterbach sorgte f\u00fcr tarnfarbige Kost\u00fcme, die zwar tierische Assoziationen , aber dennoch keine genaue Festlegung zulassen. Die t\u00e4nzerische Leistung \u2013 die auf weite Strecken in der Ausf\u00fchrung von Mikrobewegungen besteht \u2013 ist explizit hier anzuf\u00fchren. Die Choreographie beherbergt aber mehr noch als t\u00e4nzerische Elemente, verlangt sie doch von den Agierenden sich fast eineinhalb Stunden lang in tierische Wesen zu verwandeln, deren Bewegungsmuster zu imitieren und niemals dabei aus der Rolle zu fallen. Diese Rollenverwandlung, die man eigentlich den Schauspielenden auf einer B\u00fchne zuschreibt, wird hier ausschlie\u00dflich von den Tanzenden \u00fcbernommen, denn Strutzenberger und Kirsch schl\u00fcpfen in keine \u201eRollen\u201c, sondern agieren lediglich deklamierend.<\/p>\n<p>Die B\u00fchne \u2013 die an ihrer R\u00fcckseite auch Zuschauerreihen beherbergt &#8211; wird durch eine offene Plexiglasarchitektur strukturiert, unter welcher sich das Tiervolk geschickt von einer B\u00fchnenseite auf die andere bewegen kann. Das Publikum mutiert dabei unbemerkt von Theaterg\u00e4ngern zu gaffenden Zoobesuchern, die ohne Unterlass das Geschehen beobachten. F\u00fcr diese Ausstattung sowie das Licht, das einmal das Geschehen von Strutzenberger und Kirsch und dann wieder jenes der tierischen Menschenherde hervorhebt, zeichnet Philipp Harnoncourt verantwortlich. Gemeinsam mit dem diffusen Klanggeschehen von Florian Bogner verschmilzt mit Fortdauer des Abends die Szenerie beinahe zu einer Einheit. Vor allem in jenem Moment, in welchem sich Nicola Kirsch daran macht, sich einst wie Gregor Samsa von einem Menschen in ein Tier zu verwandeln, und zur balgenden Schar zu gesellen. Ihr Verschwinden von der B\u00fchne sowie jenes ihres Partners, dessen Stimme noch eine Weile \u00fcber Lautsprecher zu h\u00f6ren ist, geschieht unmerklich und fokussiert die Aufmerksamkeit schlie\u00dflich rein auf die \u00e4ffische Schar.<\/p>\n<p>Die Inszenierung des St\u00fcckes wirft \u2013 im Gegensatz zum kunstvollen Text, der gelesen wahrscheinlich noch um ein St\u00fcck interessanter wird \u2013 einige Fragen auf. Inwieweit macht die Verfremdung eines Textes durch ein zweites Parallelgeschehen Sinn? Inwieweit verfremdet dieses die urspr\u00fcngliche Aussage? Wer der Beteiligten \u2013 Autor und Choreographin \u2013 gibt hier dem oder der anderen freiwillig den Vorrang oder vielleicht auch unfreiwillig? Hat Gaigg hier einfach die Gelegenheit beim Schopf gepackt, eine Choreografie auf die B\u00fchne zu stellen ohne Respekt vor den Aussagen des Textes oder ist es gerade ihr Gegenentwurf, der diesen erst spannend macht?<\/p>\n<p>Diese Fragen f\u00fchren einen unweigerlich dazu, die Auff\u00fchrung ganz im Sinne ein Eco\u00b4schen offenen Kunstwerks anzusehen. Einem Kunstwerk also, bei welchem die Rezipientinnen sich ihre eigene, subjektive Meinung zum Geschehn bilden. Gaigg geht hier aber noch einen Schritt weiter. Wie aus einem Interview mit der Dramaturgin Constanze Cargl deutlich wird, attestiert sie Bayers Text eine Triebferne, der sie ihren Gegenentwurf entgegensetzen wollte. Sie schuf somit zur These eine Antithese und macht damit aber auch deutlich, wie sie selbst den Text interpretiert. Aus dieser These und Antithese ist es schlie\u00dflich jeder und jedem Einzelnen \u00fcberlassen, eine subjektive Synthese zu ziehen. Auf den Punkt gebracht bleibt die Suche nach der subjektiven Interpretation des alten Konfliktes zwischen der Ratio und dem animalischen Ursprung des menschlichen Seins, der h\u00e4ufig in die \u201eErrungenschaften\u201c der Zivilisation m\u00fcndet.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte Bayers Text auch ganz anders als Gaigg, n\u00e4mlich \u00fcberhaupt nicht triebfern lesen bzw. interpretieren. Schlie\u00dflich erf\u00e4hrt man darin, dass er sich erst unl\u00e4ngst von einer Frau getrennt hat, und wird auch Zeuge einer kurzen, mehr als hilflosen telefonischen Kontaktaufnahme. Der Schmerz dieser Trennung k\u00f6nnte somit als unbewusste Triebfeder seiner Unrast und seiner hyperaktiven Gedankenstr\u00f6me gelesen werden, die er ganz im Sinne der Freud\u00b4schen Sublimierung erzeugt.<\/p>\n<p>Gaiggs Experiment ist als legitim anzusehen, da sie nichts anderes tut, als ihre subjektive Leseart bzw. die daraus resultierende kreative Umsetzung dem Publikum vorzuf\u00fchren. Ein Akt, der nicht als Gewaltakt am Text selbst angesehen werden muss, sondern vielmehr als eine m\u00f6gliche Form der Auseinandersetzung mit Bayers Text.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/-GFV_s9OtQQ\" frameborder=\"0\" width=\"560\" height=\"315\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Schauspielhaus in Wien wird derzeit die Produktion \u201eWenn Kinder Steine ins Wasser werfen\u201c nach einem Text von Xavier Bayer in der Regie von Christine Gaigg gezeigt.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":18667,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[2625,3926],"tags":[],"class_list":["post-55000","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-theater","category-theater-fr"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/european-cultural-news.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/slider_03_Schaller_Zott_Prokopova_Kirsch_Ochvat_Strutzenberger.jpg?fit=640%2C360&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack-related-posts":[],"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p2NpeJ-ej6","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55000","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=55000"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55000\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/18667"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=55000"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=55000"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=55000"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}