{"id":54996,"date":"2012-03-17T10:11:45","date_gmt":"2012-03-17T09:11:45","guid":{"rendered":"https:\/\/european-cultural-news.com\/ein-koenigreich-fuer-einen-guten-pressesprecher\/54996\/"},"modified":"2012-03-17T10:11:45","modified_gmt":"2012-03-17T09:11:45","slug":"ein-koenigreich-fuer-einen-guten-pressesprecher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/ein-koenigreich-fuer-einen-guten-pressesprecher\/54996\/","title":{"rendered":"Ein K\u00f6nigreich f\u00fcr einen guten Pressesprecher"},"content":{"rendered":"<p><code><br \/>\n<\/code><\/p>\n<h3><a title=\"Gernot Plass\" href=\"https:\/\/www.dastag.at\/ueberuns\/theatermacherinnen\/plass\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Gernot Plass<\/a>` <a title=\"Hamlet - Theater an der Gumpendorfer Stra\u00dfe Wien\" href=\"https:\/\/www.dastag.at\/produktionen\/hamletsein\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Hamlet-Neuinszenierung am TAG<\/a><\/h3>\n<div id=\"attachment_5431\" style=\"width: 550px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.european-cultural-news.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Hamlet_sein_c_Anna_Stoecher_4730.jpg?ssl=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5431\" class=\"size-full wp-image-5431 \" style=\"margin-left: 0px; margin-right: 0px; margin-top: 6px; margin-bottom: 6px;\" title=\"Hamlet_sein_c_Anna_Stoecher_4730\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.european-cultural-news.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Hamlet_sein_c_Anna_Stoecher_4730.jpg?resize=540%2C360&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/european-cultural-news.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Hamlet_sein_c_Anna_Stoecher_4730.jpg?w=540&amp;ssl=1 540w, https:\/\/i0.wp.com\/european-cultural-news.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Hamlet_sein_c_Anna_Stoecher_4730.jpg?resize=225%2C150&amp;ssl=1 225w, https:\/\/i0.wp.com\/european-cultural-news.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Hamlet_sein_c_Anna_Stoecher_4730.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w\" sizes=\"(max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5431\" class=\"wp-caption-text\">Hamlet sein - Foto: \u00a9 Anna Stoecher<\/p><\/div>\n<p>Die Neuinszenierung von <a title=\"Hamlet\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hamlet\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hamlet<\/a>\u00a0im TAG (Theater an der Gumpendorfer Stra\u00dfe) in der W\u00e4hringerstra\u00dfe hat es in sich. Nicht nur, dass Shakespeare zur gro\u00dfen \u00dcberraschung auch mit der neuen Sprache von Gernot Plass <a title=\"Shakespeare\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/William_Shakespeare\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Shakespeare<\/a>\u00a0bleibt. Als ob darin nicht ohnehin schon Stoff genug zum Nachdenken vorhanden sei, setzt Plass mit weiteren Bedeutungsebenen dem St\u00fcck wahrlich seine eigene Krone auf \u2013 mit vielen, vielen darin funkelnden Edelsteinen. Mit dem Seziermesser scheint er \u00fcber den Urtext gegangen zu sein, wobei ihm das Kunstst\u00fcck gelungen ist, den Duktus des Gottvaters des Dramas und der Kom\u00f6die trotz neuem Sprachgewand 100prozentig getroffen zu haben. Und so jagt nicht nur ein Bonmot, eine blitzgescheite Idee, ein Spa\u00df und eine tiefe Wahrheit die andere. Schlag auf Schlag, so dass man sicher sein kann erst bei einem zweiten oder gar dritten Theaterbesuch all seine geistreichen Finessen voll erfassen zu k\u00f6nnen, reichert der Autor und auch f\u00fcr die Inszenierung Verantwortliche das Geschehen mit zeitgeistigen Ideen an, ohne jedoch dabei die Grundkonstruktion des Dramas je aus dem Auge zu verlieren. Auch das B\u00fchnenbild und die Kost\u00fcme stammen aus derselben Denke und bilden somit ein rundes Ganzes, das mit zum Erfolg der Inszenierung beitr\u00e4gt. Schwarz und Wei\u00df, Grau und Rot bestimmen sowohl die r\u00e4umliche Determination als auch die Kleidung und lassen Raum genug, jede Szenerie durch unterschiedliche Ausleuchtung selbst neu zu interpretieren.<\/p>\n<p>Der Autor l\u00e4sst seinen Hamlet als Student der Philosophie auftreten. Ausgerechnet in Freiburg steht seine Alma Mater, weswegen er wohl sein Denken auf <a title=\"Husserl\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Edmund_Husserl\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Husserl<\/a>\u00a0und <a title=\"Heidegger\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martin_Heidegger\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Heidegger<\/a>\u00a0ausrichtet. Darin \u00fcbt er sich auch kr\u00e4ftig zu Hause, wobei er zwangsl\u00e4ufig damit seine Familie und Freunde intellektuell ins Abseits stellt. Da bedarf es nur mehr des Griffes zu einem Buch und eine kleine exaltierte K\u00f6rperpose, schon glauben alle, er sei dem Wahnsinn verfallen. Wenn sich in seinen Gedankenstr\u00f6men das Licht lichtet erfreut sich jeder gebildete Mensch an der Verballhornung von Heideggers Nichts, das sich nichtet. Doch obwohl er wie nebenbei auch <a title=\"Nietzsche\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Friedrich_Nietzsche\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Nietzsche<\/a>\u00a0und <a title=\"Sartre\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jean-Paul_Sartre\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Sartre<\/a>\u00a0aus dem \u00c4rmel beutelt und offenbar auch profunde Kenntnisse des griechischen Dramas aufweist, kann er sich dem Schicksal, das auf alle wie ein Tsunami zurollt, nicht entziehen. Bildung und Intelligenz schaden nicht \u2013 aber sie helfen ihm auch nicht, das finale Gemetzel hintanzuhalten. So verwundert es schlie\u00dflich nicht, dass ihm sein fr\u00fcher Tod selbst allzu fr\u00fch und ohne Erl\u00f6sung kommt. Mit dem Ausruf \u201eIch war so kurz davor das alles zu kapieren\u201c verweist er auf die Hoffnung eines Erkenntniszuwachses, den er gerne l\u00e4nger ausgekostet h\u00e4tte. Als ewig Denkender und ewig Suchender beherrscht ihn auch noch in der letzen Minute sein Wissensdrang st\u00e4rker als Gef\u00fchle zu seinen Mitsterbenden. In existenzialistisches Schwarz gekleidet, blass im Gesicht, mimt <a title=\"Gottfried Neuner\" href=\"https:\/\/www.dastag.at\/ueberuns\/ensemble\/neuner\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Gottfried Neuner<\/a>\u00a0glaubw\u00fcrdig seinen verkopften Antihelden.Ganz Kopf- und wenig Bauchmensch ist seine Handlungstriebfeder eine g\u00e4nzlich andere als jene seines gr\u00f6\u00dften Widersachers.<\/p>\n<p>Claudius, sein Onkel und Stiefvater agiert hingegen als machtbesessener und potenter hinterlistiger M\u00f6rder, der im Laufe des Dramas seinen Gewissensbissen nicht entkommt. Ganz im Gegensatz zu Hamlet denkt er nicht \u00fcber das Nicht-Sein nach, sondern reflektiert vielmehr \u00fcber die Au\u00dfenwirkung seiner Taten und w\u00fcrde ein K\u00f6nigreich f\u00fcr einen guten Pressesprecher geben, um sein Image halbwegs rein poliert zu bekommen. In der Doppelrolle von Hamlets Vater und Claudius brilliert der h\u00fcnenhafte <a title=\"Horst Heiss\" href=\"https:\/\/www.dastag.at\/ueberuns\/ensemble\/heiss\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Horst Heiss<\/a>, an seiner Seite apart <a title=\"Michaela Kaspar\" href=\"https:\/\/www.tdj.at\/ensemble\/schauspielensemble\/p\/michaela-kaspar\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Michaela Kaspar<\/a>\u00a0mit blutrotem Lippenstift \u2013 der von Beginn an ganz subtil vom schaurigen Ende k\u00fcndet. Hin- und her gerissen zwischen Eros und Mutterliebe ist sie froh \u00fcber jede Einfl\u00fcsterung, die ihr Handeln bestimmt. Wie jene von Polonius \u2013 kom\u00f6diantisch mehr als astrein von <a title=\"Georg Schubert\" href=\"https:\/\/www.georgschubert.com\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Georg Schubert<\/a>\u00a0dargestellt \u2013 in welcher sie ihren Sohn zur Rede stellen will und zur R\u00e4son bringen, an seiner Rhetorik jedoch v\u00f6llig schutzlos zerbrechen muss.<\/p>\n<p><a title=\"Maya Henselek\" href=\"https:\/\/www.mayahenselek.com\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Maya Henselek<\/a>\u00a0in der Doppelrolle der Ophelia und des Horatio, hat in beiden F\u00e4llen die Sympathien des Publikums auf ihrer Seite. Einerseits als verletze Liebende, die, wie es die K\u00f6nigin nach ihrem Tod ausdr\u00fcckt, zumindest als Wasserleiche noch ein sch\u00f6nes Bild gibt. Und schon wieder darf es beim gebildeten Publikum in den Synapsen klicken und John Everett Millais mit seinem Gem\u00e4lde der im Bach treibenden Toten unweigerlich durch die Gehirnwindungen sausen. Und andererseits als einziger Freund Hamlets, der ihm einzig intellektuell das Wasser reichen kann. Zwar muss er sich mit einer Assistentenstelle zufriedengeben \u2013 in welcher er sich der <a title=\"Ph\u00e4nomenologie Husserls\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ph%25C3%25A4nomenologie\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ph\u00e4nomenologie Husserls<\/a>\u00a0verschrieben hat \u2013 und somit eine inferiore Denkposition gegen\u00fcber Hamlet einnimmt, betrachtet man die Entwicklung der Philosophie als linear ansteigend. Dennoch ist er es, der Hamlet bei all seinem Denken und Handeln treu bis zum Ende zur Seite steht. Henselek zeigt in den beiden Rollen ihre grandiose Wandelbarkeit nicht zuletzt durch eine clevere Kost\u00fcmwahl unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p><a title=\"Jens Cla\u00dfen\" href=\"https:\/\/www.dastag.at\/ueberuns\/ensemble\/classen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Jens Cla\u00dfen<\/a> und <a title=\"Julian Loidl\" href=\"https:\/\/www.dastag.at\/ueberuns\/ensemble\/loidl\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Julian Loidl<\/a>, als mit wenig Geist ausgestattete G\u00fcldensterns und Rosenkranz zu sehen, d\u00fcrfen auch als Mitglieder jener Theatertruppe agieren, die ganz unwissentlich Hamlet dabei unterst\u00fctzt, das Verbrechen an seinem Vater aufzudecken. Aber nicht nur diese Szene stellt \u2013 wie heute so gerne in modernen Inszenierungen \u2013 das Theater selbst auf den philosophisch-soziologischen Pr\u00fcfstand. Auch der Hinweis auf <a title=\"Max Reinhard \" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Max_Reinhardt\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Max Reinhard <\/a>und <a title=\"Fritz Kortner\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fritz_Kortner\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Fritz Kortner<\/a>\u00a0\u2013 im Zusammenhang mit Hamlets Verg\u00e4nglichkeitsbetrachtungen &#8211; konterkariert wie mit feinen Nadelstichen die Metahandlung und holt sie zur\u00fcck auf jene Bretter, die manchmal nicht die Welt, sondern eben nur eine Kulturnation bedeuten.<\/p>\n<p>Wem es in dieser Kritik zu sehr heideggerte und husserlte, shakespearlte und plasste, der oder dem sei gesagt, einfach unvoreingenommen in eine Vorstellung gehen, alles hier Gelesene vergessen und einfach nur genie\u00dfen. Einen Theaterabend der Sonderklasse.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/vq-rlHPFK-0\" frameborder=\"0\" width=\"480\" height=\"360\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Hamlet-Neuinszenierung von Gernot Plass am TAG in Wien ist kurz und b\u00fcndig beschrieben: Theater der Sonderklasse. Spritzig, witzig, tief und hintergr\u00fcndig zugleich liefert sein Text gen\u00fcgend Raum f\u00fcr schauspielerische H\u00f6chstleistungen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":18657,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[3926,2625],"tags":[],"class_list":["post-54996","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-theater-fr","category-theater"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/european-cultural-news.com\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/slider_Hamlet_sein_c_Anna_Stoecher_3680.jpg?fit=640%2C360&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack-related-posts":[],"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p2NpeJ-ej2","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/54996","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=54996"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/54996\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/18657"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=54996"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=54996"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/european-cultural-news.com\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=54996"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}