Mit den Augen einer Tochter

Im Jüdischen Museum ist eine kleine, feine Schau der Fotos von Erich Lessing zu sehen. Seine Tochter Hannah wählte einen Querschnitt aus seinem Werk. „Lessing zeigt Lessing“ ist der naheliegende Ausstellungstitel.

Golda Meir in Nahaufnahme, Bruno Kreisky in der Hofburg, Adenauer vor dem Eiffelturm und De Gaulle paradierend in Uniform, von oben fotografiert. Nicht zu vergessen das emblematische Foto der Präsentation des Staatsvertrages vom Balkon des Belvedere 1955. Dies alles sind Bilder, die nicht nur in Österreich Furore machten, sondern um die Welt gingen. Ihr Fotograf, Erich Lessing, wurde berühmt dafür. Aber auch für seine Dokumentation des Ungarnaufstandes 1956.Berührendes, Aufwühlendes, Trauriges und Voraussehendes, alles in einem Augenblick aufgenommen und für die Nachwelt erhalten.

Bundeskanzler Leopold Figl mit Vertretern der Signatarmächte präsentiert den Staatsvertrag vom Balkon des Oberen Belvedere 1955 /© VBK/Lessing

Bundeskanzler Leopold Figl mit Vertretern der Signatarmächte präsentiert den Staatsvertrag vom Balkon des Oberen Belvedere 1955 /© VBK/Lessing


Nach diesem historiengestaltenden Ereignis wandte sich Lessing von dieser Art der Dokumentarfotografie ab. Es folgten Aufnahmen wie jenes Konvolut, das an vielen Dienstagen durch Fotosessions im Louvre entstand. Beinahe der gesamte Kunstbestand wurde von ihm dort an den Schließtagen fotografiert. Es war nicht das einzige Museum, dessen Kunstwerke Lessing ablichtete. Seine Liebe zur Kunst schlug sich letztlich in über 60 veröffentlichten Kunstbüchern nieder.

„Ich erinnere mich an diese Zeit, in der ich meinen Vater oft in die Museen begleiten durfte. Wir reisten für die Vorbereitung seines Renaissance-Bandes oft nach Italien. Da bekam ich dann vor Ort im Museum weiße Baumwollhandschuhe übergezogen und durfte die eine oder andere kleine Statuette für das Foto zurechtrücken. Heute wäre das überhaupt nicht mehr möglich, ja unvorstellbar.“ Hannah Lessing, 1963 in Wien geboren, erzählt noch bei der Pressekonferenz mit einem Strahlen im Gesicht über diese Zeit. „Unser Vater war oft auf Reisen, aber es waren jedes Mal magische Augenblicke, wenn er nach seiner Ankunft zuhause mit den Negativen, die er aus seiner Hasselblad nahm, in einer großen schwarzen Tasche hantierte.“ Die Erinnerungen von Lessings Tochter kreisen bei der Ausstellungspräsentation klarerweise um diese frühen, prägenden Eindrücke.

1923 geboren, wuchs Erich Lessing als Sohn einer Konzertpianistin und eines Zahnarztes auf. Sein Vater starb, als er 10 Jahre alt war. Zu seiner Bar-Mizwa erhielt er seine erste Kamera. 1939 gelang ihm die Flucht aus Wien nach Palästina. Mutter und Großmutter wurden in Konzentrationslagern ermordet.  Mit Aufnahmen von Kindergartenkindern verdiente er sich seinen ersten Lebensunterhalt im Exil, Arbeiten aus dieser Zeit sind jedoch keine erhalten. 1947 kam er auf der Suche nach überlebenden Verwandten und nach seinen Wurzeln nach Wien zurück und lernte hier bald seine Frau Traudl kennen. Als Dokumentarfotograf für die Associated Press war er ständig unterwegs und schuf sich, aufgrund seiner Osteuropakenntnisse, seinen eigenen Wirkungsbereich in diesen geopolitisch wichtigen Ländern.

Neben Fotos aus Ungarn und jenen von Staatsmännern und auch -frauen dieser Zeit ist ein ganzer Raum Landschaftsaufnahmen gewidmet. Sie zeigen Naturbilder vom Golan, den Lessing über alles liebt. Es sind Bilder, die er auch für seine Bibel-Bände aufnahm. Orte also, die wesentlich mehr an Geschichte transportieren als es auf den ersten Blick scheinen mag.

„Es zeichnet meinen Vater aus, dass er sich stets mit den allerneuesten Techniken vertraut machte. Als I-Phone und I-Pad herauskamen, hat er sich die sofort besorgt“, erklärte Hannah Lessing. Dank dieser Technik-Affinität war es auch möglich, das bislang 40.000 Fotos seines Bestandes digitalisiert werden konnten, um nach Bedarf durch das „Erich-Lessing-Kunst- & Kulturarchiv“ rasch zur Verfügung gestellt zu werden. Eine ganz spezielle Serie in der Ausstellung zeigt Lessing aber auch von einer unbekannten Seite. Die Liebe zur Schönheit der Frauen ist darin dokumentiert. Unter anderen in einer wunderbaren Fotostrecke von einer Miss-Wahl in Polen 1956. Nicht nur, dass die Bilder an sich Meisterwerke darstellen. So zeigte der Fotograf, dass der Blick aus einer gänzlich unerwarteten Perspektive auch neue Assoziationen zu diesem Thema zulässt. Wie eine Damenparade von hinten, mit dem Blick vom Podium auf die Menschenmenge davor abgelichtet. Das hat seinen Reiz. Man kann daran auch sehr gut erkennen, wie sehr sich das Schönheitsbild in den letzten 60 Jahren gewandelt hat.


Erich Lessings Foto der polnische Misswahlen in den 60er Jahren

Erich Lessings Foto der polnische Misswahlen 1956 (c) European Cultural News


Hannah Lessing, die mit Danielle Spera, der Leiterin des Jüdischen Museums, befreundet ist, hat seit 2001 unter anderen das Amt der Generalsekretärin des Allgemeinen Entschädigungsfonds für Opfer des Nationalsozialismus inne. Gegenwärtig koordiniert sie die Arbeiten zur Neugestaltung der österreichischen Ausstellung im ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. „Ich habe nur unter der Voraussetzung zugestimmt, diese Ausstellung zu kuratieren, wenn mir mein Vater dabei freie Hand lässt. Das tat er unerwarteterweise ganz nonchalant“. 92-jährige Väter können offenbar sogar noch überraschen. „Ich bin aber schon gespannt, was er selbst zu dieser Auswahl sagen wird.“

Extrahinweis: Im Katalog findet sich neben all den Fotos auch eine wunderbare Geschichte von Michael Köhlmeier. „Ripp vom Winkel. Ein Märchen aus dem Nachkrieg“ ist eine Parabel auf die Erinnerungskultur in Österreich. Einfach und höchst kunstvoll zugleich, poetisch, dramatisch, witzig und weise vom ersten bis zum letzten Satz. Eine gelungenere literarische Korrespondenz zu den Bildern hätte man nicht finden können.


Jüdisches Museum Wien, Judenplatz: Lessing zeigt Lessing 29. April – 6. September 2015

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