Elend, Elend nichts als Elend

In den Stücken von Maxim Gorki geht es um bittere Armut, Ausgrenzung und Elend. Klaus Mann benannte ihn als den Autor, der bittere Armut nicht nur beschrieb, sondern selbst auch erlebt hatte. In extremer Armut aufgewachsen, war es nur folgerichtig, dass er sehr schnell zum Revolutionär in der Sowjetunion wurde. Im Alter wurde Gorki von der KPdSU hofiert und zum „proletarischen Dichter“ ausgezeichnet. Die Idee des litauischen Theatermachers Oskaras Koršunovas geht davon aus, klassische Texte dramaturgisch neu umzusetzen und neuen Texten eine klassische Inszenierung zu verpassen. Dabei ist es ist ihm wichtig, das Publikum so stark wie möglich einzubinden. Dies geschieht auch im Stück Dugne / Nachtasyl, indem er das Ensemble ganz nah an die Zuschauerreihen setzt und Alkohol austeilen lässt. Zusätzlich darf sich ein junger Mann in der dritten Reihe über die Zuwendung von Nastja freuen, die sich ihm über die comfort-zone hinaus nähert, dennoch ist man froh, wenn man an diesem Abend nicht weiter behelligt wird.

Das Stück Dugne/Nachtasyl, welches Koršunovas und seine Schauspieltruppe schon vor 5 Jahren kreierte und das nun von Marina Davydova für die diesjährigen Festwochen in Wien auf den Spielplan gesetzt wurde, kreist wie bei Gorki selbst um Not, Elend, Suff und Hurerei.

Ausstattung und Bühne sind spärlich. Ein Dia-Projektor wirft Bilder der wunderschönen, litauischen Landschaft an die Wand. Nachtasyl-Zitate sind auf einem Laufband zu lesen und stimmen ein auf das Kommende. An einer weißen Tafel sitzen, das Publikum erwartend, die acht Hauptprotagonisten des Abends und betrachten eingehend die Ankommenden. Bevor man Gorki schließlich im Original zu hören bekommt, stellt der Regisseur einen Prolog mit Texten voran, die nicht im „Nachtasyl“ vorkommen. Erst danach folgt Gorkis Text, jedoch im Wesentlichen nur jener des 4. Aktes. Die sich um den Tisch versammelt haben, diskutieren lange Zeit über Luka, den Pilger, der längst weitergezogen ist, allerdings einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Die Sinnlosigkeit allen Seins, über welche die Trinker nachdenken, wird in mehreren Facetten philosophisch durchgespielt und gleichzeitig Alkohol konsumiert, was das Zeug hält

Der „Schauspieler“, gespielt von Darius Gumauskas, hat seinen großen Auftritt im Original eigentlich in einer Szene aus dem 2. Aufzug. Er will sein Lieblingsgedicht rezitieren und muss feststellen, dass er vor lauter Suff und Alkoholkonsum dieses, für ihn so bedeutende Werk, vergessen hat. Diese Szene ist zwangsläufig völlig aus dem Kontext gerissen, denn im Text von Gorki will Gumauskas sein Gedicht Luka, dem Pilger, vortragen, der die letzte Hoffnung für die AsylbewohnerInnen zu sein scheint. Die nach Außen verlegte Hoffnung, die Erlösung, die von jemandem anderen erwartet wird und die nicht durch eigene Anstrengung zustande kommt, bleibt auch bei Koršunova nur ein Wunsch.

Der Regisseur bezeichnet im Begleitheft Luka sogar als Antipoden zu Samuel Becketts Godot. Während bei Godot aber alle auf einen Gott warten, wird den Beteiligten bei Gorki sehr schnell bewusst, dass Gott endgültig tot ist, so die Interpretation des Litauers. Aus dieser Idee wird auch verständlich, dass die Szenerie dem letzten Abendmahl sehr ähnelt. Der letzte Retter ist gegangen und man ist sich selbst und seinem Elend überlassen, das ist die Metabotschaft, die diese Produktion vermittelt und in Zeiten wie diesen leider wieder berechtigt ist. Die Hoffnungslosigkeit und die Abstiegsängste sind allgegenwärtig, nicht nur in Ländern wie Litauen. Koršunovas geht lediglich einen kleinen Schritt weiter, als wir es für gewöhnlich im Alltagsleben tun. Er stellt die bis dato meist Ignorierten und Ausgeschlossenen, jene vom Rand der Gesellschaft mitten auf die Bühne und lässt sie selbst diskutieren.

Der Versuch einer Theaterreality-Show ist ein gängiges Mittel in der heutigen Theaterlandschaft. Bei Dugne / Nachtasyl will der Funke aber nicht so recht überspringen. Zu heiter und ausgelassen wird gefeiert, zu wenig nimmt man den SchauspielerInnen ihre Rolle ab, um wirklich die Hoffnungslosigkeit und Aussichtslosigkeit ihrer Situation zu verspüren. Die Distanz zwischen Publikum und SchauspielerInnen wird, trotz mehrfachen Einbindens der Zusehenden, nicht wirklich aufgehoben. Es mag sein, dass dies auch an der Sprachbarriere liegt, denn auf Übertiteln mitlesen zu müssen, erzeugt zwangsläufig einen anderen sensorischen Aufmerksamkeitslevel als dem Geschehen direkt mittels des gesprochenen Wortes verfolgen zu können.

Es ist nicht zu leugnen, dass es auch heute wieder eine rasante Armutszunahme und damit einen Anstieg von Menschen gibt, die förmlich aus der Gesellschaft fallen. Im Gegensatz zu all jenen, welche die Zunahme von Outcasts in einer Stadt zwar bemerken, aber nicht in die Aktion gehen um zu helfen, bietet der Theatermacher mit diesem Abend zumindest jede Menge Input, um über dieses gesellschaftliche Phänomen nachzudenken.

Es spielten:
Dainius Gavenonis, Rasa Samuolytė, Darius Gumauskas, Julius Žalakevičius, Rytis Saladžius

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