Medea fesselt nach 2500 Jahren immer noch

Medea fesselt nach 2500 Jahren immer noch

Beim „wortwiege – Festival“, das noch bis 24. März unter dem Motto „fragil/fragile“ geballte Theaterpower nach Wiener Neustadt bringt, ist diese Inszenierung gut aufgehoben. Nicht nur, dass sie sich mit einem eleganten und passgenauen Bühnenbild von Andreas Lungenschmid perfekt in den historischen Wehrbau aus der Renaissance einfügt. Auch die Programmatik, über die Festspieljahre hinweg die großen europäischen Mythen zu erzählen, die die abendländische Kultur maßgeblich geprägt haben, macht gerade an diesem Ort Sinn.

"Medea - Alles Gegenwart" in Wiener Neustadt (Foto: Julia Kampichler)

„Medea – Alles Gegenwart“ in Wiener Neustadt (Foto: Julia Kampichler)

Die Geschichte rund um die „Zauberin“ Medea lässt in der Krassnigg-Inszenierung kein einziges Mal einen antiquierten Mief aufkommen. Ganz im Gegenteil: Tatsächlich ist das Drama um die betrogene Frau, die sich ihrer Söhne und Lebensgrundlage beraubt, dazu entschließt, Rache an ihren Peinigern zu nehmen, emotional hochaktuell. Und fulminantest vom Ensemble gespielt. Nina C. Gabriel agiert als Medea so, dass sie in keinem einzelnen Augenblick ein outriertes, theatrales Gehabe aufkommen lässt. Vielmehr taucht sie in jede einzelne Emotion mit unglaublicher Verve ein, lässt dunkle Schatten in ihren Gedanken spürbar werden, oder legt ihre Verzweiflung offen, die sie letztlich zur Ermordung ihrer Kinder treibt. Schon als „Danton“ brillant, zeigt sie auch in dieser Rolle, dass sie der Titulierung „Grande Dame der Emotionen“ mehr als gerecht wird.

An ihrer Seite spielt Jens Ole Schmieder atemberaubend Jason, jenen verachtenswerten Charakter, der in höchster Not lieber sich selbst als seine Frau rettet. Seine Charakterdarstellung changiert zwischen Verzweiflung, Herrschsucht, Begehren, Verachtung und grandioser Selbstüberschätzung und lässt keinen Zweifel aufkommen, dass Medea seinen Handlungen einen Gegenpol setzen muss. Er braust auf, unterwirft sich, ist voller Berechnung und dann wieder kleinlaut – eine schauspielerische Leistung, vor der man den Hut ziehen muss.

Mit Peter Scholz konnte Krassnigg ein langjähriges Mitglied der Josefstadt verpflichten und landete damit einen weiteren Volltreffer. Sein König Kreon ist ein hinterlistiger, machtbesessener und über Leichen gehender Typ, der die Chuzpe hat, Medea noch in der allertiefsten Erniedrigung, die er ihr antut, höhnisch ins Gesicht zu lachen. Sein Spiel ist so provokant, dass man ihn am liebsten in jeder einzelnen Szene barsch zur Rede stellen möchte, ob er sich seines unmöglichen Benehmens nicht in Grund und Boden schämen möge.

Nur seine Tochter Kreusa – die von Saskia Klar höchst facettenreich dargestellt wird – kann ihm mit Rippenstößen Einhalt gebieten, wenn er rotzfrech beleidigend über die Stränge schlägt. Klars Kreusa lässt subtil erkennen, dass hinter ihrem naiven, kindlichen Gutmenschengehabe doch eine große Portion Eigennutz steckt – jedoch psychologisch klug verbrämt.

Die Inszenierung wartet, als USP von Krassnigg, wie immer mit einer Verschränkung des Bühnengeschehens mit Videoeinspielungen auf. In dieser Produktion gelingt ihr dadurch zugleich auch so mancher Rückblick in Medeas und Jasons Vergangenheit. Was Grillparzer in seinem ersten Teil der Trilogie „Das goldene Vlies“, dem „Gastfreund“, sowie dem zweiten Teil „Die Argonauten“, erzählte und für das Verständnis von Medeas Charakter wichtig ist, wird in kurzen filmischen Szenen sichtbar. Ebenso dachte die Regisseurin aber auch an die beiden Söhne von Medea, die ihre Mutter letztlich auch im Stich lassen. Auch hier sind es Filmszenen, die zeigen, dass ein lustiges, unbeschwertes Leben in Saus und Braus für sie wesentlich attraktiver ist als eines an Entbehrungen an der Seite von Medea. Sichtlichen Spaß bei den Filmaufnahmen hatten Flavio Schily und Nico Dorigatti als jugendliche Söhne. Die Verzahnung mit dem Geschehen auf der Bühne ist spannend und überraschend und erweitert die Produktion mehr als positiv. Christian Mair steuerte sowohl das Film- als auch das Musikmaterial bei. Letzteres mit einem emotional-sphärischen Touch, der die Gefühle beim Zusehen zusätzlich unterstützt.

Auch die Bühne – ein roher Altarstein inmitten von sandigem Boden, vor einem mehrere Meter hohen Vlies und einem dahinterliegenden, sichtbaren antiken Portikus, als auch umgestürzten, schwarzen Säulenstümpfen, oszilliert zwischen einem Gestern und Heute, zwischen Macht und Vergänglichkeit. Die österreichisch-griechische Künstlerin Evelyne Papadopoulos, steuerte mit ihrem beeindruckenden Kunstwerk aus Schafsfell ein Vlies bei, das verdeutlicht, dass es seine Macht ist, nach der im Grunde jeder der Männer in diesem Drama strebt. Gerade die Größe des Vlieses und die natürlich scheinende Behandlung – die Locken der Schafsfelle werden fast haptisch erfahrbar – ergeben eine wunderbare Analogie zu dessen wahrer Bedeutung.  Antoaneta Stereva, langjährige Kostümausstatterin der wortwiege, schuf Outfits, die archaisch wie modisch zugleich erscheinen. An einzelnen Stellen genügt das Umlegen eines Tuches oder eines Schales, um eine bestimmte Bedeutungsebene zu unterstützen. Dass Medea einen langen fingerlosen Handschuh in Dunkelrot trägt und ihr Mann Jason gegengleich einen schwarzen, sagt ebenfalls viel über ihre Gefühle zueinander aus.

„Medea – Alles Gegenwart“ wird Anna Maria Krassniggs Ruf gerecht, eine Regisseurin zu sein, die aus den Tiefen der Charaktere all das ans Tageslicht bringen kann, was ihr Tun, und sei es noch so monströs, erklärbar macht.

Was war und was sein wird

Was war und was sein wird

Auf ihr blicken sie einerseits auf 20 Jahre Rabtaldirndln zurück, andererseits präsentieren sie ihr Programm für die kommenden 20 Jahre. Und schlagen den Subventionsstellen vor, langfristig nicht wie bisher auf drei, sondern gleich auf 20 Jahre das Geld bereitzustellen. Planungssicherheit ist alles.

Der Abend in Graz findet im Museum für Geschichte in der Sackstraße statt. Bevor man im adaptierten Theaterraum Platz nimmt, wird man durch einige Räume des Schau-Depots geleitet, um hier und da auf kleine Hinweise aus vergangenen Rabtal-Produktionen zu stoßen.

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Rabtaldirndl - Halbzeit (Foto: Nikola Milatovic)

Barbara Carli, Rosa Degen-Faschinger, Bea Dermond und Gudrun Maier kommen als Frauen mit Langhaarperücken auf die Bühne, wohl eine Reminiszenz auf die vergangene Jugend. Weiße Blusen und schwarze Röcke, sowie flache schwarze Schuhe machen klar: Diese ist jedoch vorbei, jetzt ist ein anderer Look angesagt. (Kostüm und Ausstattung Helene Thümmel)

Die vier Frauen warten rasch mit der Horrorvorstellung auf, dem Publikum nun 40 kommende Produktionen vorstellen zu wollen und legen damit gleichzeitig einen Zukunftsstrahl fest, der anfänglich unverrückbar zu sein scheint. Im Laufe des Abends stellen sie jedoch Überlegungen an, welche so manchen Zweifel am determinierten Zukunftsprogramm aufkommen lassen. Was ist, wenn eine von ihnen ernstlich erkrankt? Gibt es außerhalb des Theatermachens nicht auch noch andere Zukunftsaussichten? Ist ein Leben ohne die eingeschworene Vierergemeinschaft eigentlich denkbar?

Nachdem man es tatsächlich geschafft hat, 40 Produktionen zumindest anzureißen, ist auch noch Zeit für eine Rückschau. Wie war das in ihren Anfängen, der gerichtliche Streit um das Recht für ihren Namen? Was waren die schrecklichsten Erlebnisse während ihrer Auftritte – nicht verschließbare Toiletten standen hier in der Replik ganz oben.

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Rabtaldirndl - Halbzeit (Foto: Nikola Milatovic)

Die Regie (Felix Hafner) wartet an einer Stelle auch mit der Idee einer Publikumsprovokation auf – die allerdings prominente Vorbilder hat. Das Ensemble verharrt so lange, ohne etwas zu sagen, bis sich bei den Zusehenden Unruhe bemerkbar macht, dann verabschiedet es sich in „eine kurze Pause“. Die „Simpsons“ der Performancekunst, wie sie sich selbst an einer Stelle bezeichnen, rezitieren an einer Stelle auch eine Kapitalismus-Fürbitte, in welcher sie hoffen, als Einzelunternehmerinnen nicht in die Insolvenz zu schlittern oder auch vor einer Fernbeziehung geschützt zu werden.

„Halbzeit“ oszilliert zwischen witzigen Rabtaldirndl-Bonmots, musikalisch abwechslungsreichen Einlagen und einer melancholischen Grundstimmung. In ihr wird klar: „Zambleiben“ ist der Wunsch aller – mit Sicherheit auch jener ihrer Fangemeinde. Mögen ihre Bitten erhört werden!

Demon RadioAußen bunt und innen tiefschwarz

Demon Radio
Außen bunt und innen tiefschwarz

Ein Ort, der erstmals bespielt wurde, ist ein ehemaliges Call-Center in Mariatrost. Der leerstehende Bau, von welchem früher aus einem Großraumbüro telefoniert wurde, erfuhr eine Umwandlung zum „Demon Radio“. Einem Ort, in dem sich das Dämonische in vielen Arten finden lässt.

Die Vier von der Tankstelle

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Jos de Gruyter & Harald Thys, Die Vier von der Tankstelle (2023), Installationsansicht, Demon Radio, Foto: steirischer herbst / kunst-dokumentation.com, mit freundlicher Genehmigung der Künstler

Schon am Parkplatz, vor der Ausstellungslocation, erwartet das Publikum eine irritierende Installation: „Die Vier von der Tankstelle“ von Jos de Gruyter & Harald Thys. Seinen Titel erhielt das Werk in Anlehnung an den Film „Die Drei von der Tankstelle“ aus dem Jahr 1930, der von der NS-Zensur auf die Liste der verbotenen Filme gesetzt worden war. In dem Auto sitzen nicht drei Personen, sondern vier uniformierte Dobermänner. Hunde, die scharf abgerichtet, gerne im Umfeld von Personen auftauchen, die einen besonderen „Schutz“ benötigen. Die Nummerntafel des alten Mercedes ist dechiffrierbar, trägt sie doch verbrämt jenes Datum, an welchem Hitler 1938 die Menschenmassen in Klagenfurt begeisterte. Die beiden Künstler, die in Brüssel leben, lassen bei dieser Installation offen, ob die vier Insassen jemanden jagen oder ob sie auf der Flucht sind. Somit öffnet das Kunstwerk unterschiedliche Interpretationsfenster – eine Zugangsweise, die für die Ausstellung „Demon Radio“ signifikant ist. Die Arbeit korrespondiert mit jenen im Innenbereich – vorrangig mit jener über den ehemaligen deutschen Jazz-Experten Dr. Schulz-Köhn.

Ein zweiter künstlerischer Beitrag des Duos im Inneren der Ausstellungshalle trägt ebenfalls tierische Züge. Micro Mundo 3, 4, 5, 8 und 10, in diesem Jahr entstanden, sind kleine, surreale Terrarien, in welchen sich Nagetiere, Reptilien und anderes Getier mit menschlichen Köpfen tummeln. Faszinierend und abstoßend zugleich präsentieren sie sich den Betrachtenden und stellen ad hoc die Frage nach Genmanipulation und Mutationen, die der Mensch so nicht beabsichtigt hat.

Ein Jazzsammler, SA- und NS-Mitglied

Der Deutsche, Dietrich Schulz-Köhn, war ein Liebhaber und Kenner von Jazzmusik. Er vermachte dem Institut für Jazzforschung in Graz, zu dessen Mitbegründern er zählte, seine Sammlung von Jazz-Schallplatten, die er vor, während und nach dem 2. Weltkrieg gesammelt hatte. Selbst Mitglied der SA und der NSDAP, war er während des Krieges als junger Mann in Frankreich stationiert und konnte dort aufgrund seiner guten Kontakte zum amerikanischen Feind schnellstmöglich an die Neuerscheinungen kommen, für die er sich so interessierte. In der Ausstellung sind nicht nur einige seiner Schallplatten zu sehen, sondern es ist auch ein Radio-Mitschnitt zu hören. Als Moderator vieler Jazz-Sendungen im WDR und anderen Radiosendern gestaltete er eine Reihe von Sendungen zu diesem Thema. In jenem Beitrag, der in der Ausstellung zu hören ist, kann man gut nachvollziehen, wie nach dem Krieg bei Schulz-Köhn eine Art Dislozierung zum eigenen Tun während des Krieges stattgefunden haben musste. Spricht er doch dort über die Restriktionen während der Nazi-Herrschaft so, als wäre er nie Teil dieses Mörderregimes gewesen, sondern vielmehr von einem Sender außerhalb Deutschlands beauftragt worden, über dieses Thema zu sprechen.

In der Kontextualisierung mit den anderen Beiträgen, die sich in dieser Ausstellung noch befinden, wird deutlich, dass das Dämonische im Menschen ein Phänomen ist, das zeitabhängig unterschiedlich bewertet wird.

Serene Velocity in Practice: MC510 Signs & Wonders (Prerequisite for CS183 How to Build the Future) (2017–23)

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Serene Velocity in Practice (Foto: mit freundlicher Genehmigung des Künstlers)

Gegenüber des kleinen Zimmers, in welchem die Radiosendung läuft, hat Michael Stevenson, mit Stoffbahnen begrenzt, eine Art Raum im Raum gestaltet. In diesem empfand er das Setting eines praktischen Kurses über Gesundbeten und Exorzismus, den der Kirchengründer John Wimber von 1982 bis 1985 am Fuller Theological Seminary in Pasadena unterrichtete, nach. Die künstlerische Verfremdung, die dort vorgenommen wurde, verschärft noch den beklemmenden Eindruck, dass man sich in einem Surroundig befindet, in welchem Menschen psychische Gewalt angetan wurde.

Indischer Freiheitskämpfer und aktuelle Nationalismen

Insgesamt vier Videobeiträge laden ein, sich dem Dämonenhaften auf völlig unterschiedliche Art und Weise gegenüberzustellen. Die indische Theatermacherin Zuleikha Chaudhari schuf einen Film über Subhas Chandra Bose, einen Kämpfer gegen die englische Kolonialmacht. Er hatte sich in den 30er-Jahren die Unterstützung von Hitler erhofft und war deshalb nach Berlin gereist. Auf dieser Reise, aber auch anderen, die danach folgen sollten, als er unverrichteter Dinge Deutschland wieder verließ, nahm er unterschiedliche Identitäten mit unterschiedlichen Nationalitäten an. Ähnlich wie bei Schulz-Köhn ist man verblüfft, wie sehr in gewissen Lebensabschnitten Realität und Ideal auseinanderklaffen, sich zum Teil sogar ins Gegenteil verkehren. Zusätzlich vermischt die Künstlerin in dem Video auch Mitschnitte von Vorlesungen über den Nationalismus, die bei Teach-ins während der Studentenbewegung 2016 an der Jawaharlal Nehru University in Neu-Delhi gehalten wurden.

Mechanisches und zutiefst Menschliches

Der israelitische Künstler Dani Gal wurde vom Steirischen Herbst mit zwei Auftragsarbeiten bedacht. In seinem Film „Book of the Machines“ werden anhand von Nahaufnahmen von mechanischen Puppen aus dem 19. Jahrhundert, die menschliche Züge tragen und sich so benehmen wie Menschen, Fragen gestellt, die deckungsgleich mit jenen sind, die sich unsere Gesellschaft im Moment angesichts der allgegenwärtigen KI-Anwendungen stellen muss.

Book of the Machines, mit freundlicher Genehmigung des Künstler

Extrem berührend ist sein Film „Dark Continent“ geworden, der eine Fallstudie aus dem Buch Schwarze Haut, weiße Masken (1952) des Psychiaters und antikolonialen Autors Frantz Fanon nachstellt: Darin geht es um ein Mädchen, das im Alter von 12 Jahren nervöse Ticks zu entwickeln begann. Sie landete letztlich in einer Nervenheilanstalt, in welcher der leitende Primar in seiner abschließenden Diagnose Freud zitierte und meinte, dass die Sexualität von Frauen ein schwarzer Kontinent sei. Während des Filmes erfährt man, dass schon bald nach der Kolonialisierung in Afrika Buschtrommeln verboten worden waren, schlicht aus dem Grund, weil man damit über große Distanzen Nachrichten übermitteln konnte und somit die Gefahr von Revolten nicht auszuschließen war. Der Vater des jungen Mädchens, selbst ehemals in Afrika eingezogen, legte abends Musik auf, in welchem diese Trommeln zu hören waren. Eine eindeutige Bildsprache, die auf einen grausamen Zug des Mannes rückschließen lässt und die Fantasie, die man als Zusehende selbst entwickelt, lassen am Ende des Filmes an einen Kindesmissbrauch innerhalb der eigenen Familie denken. Die perfide Art, wie das Trommeln der schwarzen Bevölkerung, die als rückständig und bedrohlich dargestellt wird, aufgezeigt wird, macht sprachlos.

In der Koppelung mit den Ausdrücken, mit welchen Schulz-Köhn die schwarzen Jazzer aus Amerika im NS-Diktum erwähnte, gelingt auch hier ein Brückenschlag zwischen den einzelnen künstlerischen Beiträgen. Das Kuratorenteam rund um Ekaterina DegotDavid Riff, Pieternel Vermoortel, Gábor Thury und Barbara Seyerl – hat hier ganze Arbeit geleistet.

Anna Engelhardt und Mark Cinkevic Trailer, mit freundlicher Genehmigung der Künstler:innen

Mit einem Video von Anna Engelhardt und Mark Cinkevic (Russland und Belarus), in welchem sie auf die dämonische Macht von russischen Hightech-Stützupunkten in besetzten Staaten verweisen, reicht der Bogen des Ausstellungsthemas in unsere Gegenwart.

Genauso wie eine Klang-Installation von Anton Kats, in welcher er sich an seine Kindheit und den Krieg in Cherson erinnert, eingesprochen von einer ruhigen Frauenstimme (Susanne Sachsse) auf dem Soundlayer „Palladium“ von Weather Reports. Jener einflussreichen Jazzband, die vom Österreicher Joe Zawinul gegründet wurde. Ausgerechnet in der UDSSR hatte Palladium Kultstatus. Fein und schön anzuhören, fließend und harmonisch täuscht die Musik und überdeckt das Grauen, das ihr in dem Text additiv zugeführt wurde.

Was von außen bunt beflaggt, sich als Spaßszenerie geriert, ist im Inneren voll von dunklen Flecken, die es wert sind, aufgedeckt zu werden.
Der Eintritt zur Ausstellung ist dank eines großzügigen Sponsor-Angebotes der AK-Steiermark gratis.

Klavierspielen mit Bergsteigerausrüstung

Klavierspielen mit Bergsteigerausrüstung

„IX KLA VIER E“ nannte sich die rund halbstündige Performance von Nick Acorne, für die im Vorraum 3×3 Klaviere übereinander aufgebaut worden waren. Vor ihnen erstreckte sich ein Gerüst, das von Acorne behende erklommen werden konnte. Ausgestattet mit einem Helm und einem Hüftgurt, an dem allerlei Küchengerät hing, durch ein Seil gegengesichert, schwang er sich nicht von Ast zu Ast, sondern von Klavier zu Klavier, um auf jedem kurze Passagen zu spielen. Sie alle ergaben eine wahrlich atemraubende Komposition – zuallererst jedoch für den Pianisten selbst. Musste er doch jedes Mal einige Höhenmeter überwinden, sowohl nach oben als auch nach unten oder auf den Metallverstrebungen sich quer entlanghangelnd, um zum nächsten Instrument zu gelangen. Die Klaviere selbst waren präpariert und wiesen unterschiedliche Klangcharakteristiken auf.

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„IX Kla vier e“ (Foto: ORF musikprotokoll/Martin Gross)

Das Um und Auf jeder Klavierlektion – die richtige Sitz- und Handhaltung führte sich bei dieser Performance ad absurdum. Musste Acorne in den höheren Regionen doch hängend im Seil Halt finden oder sich zum Teil im untersten Bereich vor die Klaviere knien. Erstaunlich war, dass sich trotz der sportlichen Unbillen dennoch eine improvisierte Komposition ergab, die sich auch ohne Klettereinlagen hören lassen konnte. Dass sich jede Vorstellung – insgesamt waren es drei – anders gestaltete, liegt bei dem Konzept auf der Hand. Der Künstler, der zuvor einen Kletterkurs für Anfänger absolvierte, stellte in einem Interview mit Daniela Fietzek fest, dass er die körperliche Anstrengung nicht unterschätzen würde, „aber ich weiß von mir selbst, sobald es um die Kunst geht, finde ich immer Ressourcen in meinem Körper.“

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„IX Kla vier e“ (Foto: ORF musikprotokoll/Martin Gross)

Die farblich unterschiedlichen Socken bei der 2. Aufführung – einer war gelb, der andere blau – sowie die kurze Zugabe – auf dem Kopf im Seil hängend, sprachen eine deutliche Sprache.

Man darf zwar die körperliche und künstlerische Leistung von Nick Acorne würdigen, zugleich aber nicht vergessen, dass sein Tun auch mit einer großen Menge Humor gespickt ist. Lachen und Staunen waren gleichermaßen erlaubt.

Vier Frauen und ein Mann

Vier Frauen und ein Mann

Gezeigt wurde die Uraufführung von „canvas“ der slowenischen Komponistin Nina Šenk sowie der Librettistin Simona Semenič. Šenk wurde nach der Aufführung die Preisverleihung des Johann-Joseph-Fux Opernkompositionswettbewerbs zuteil, den sie mit dieser Oper gewonnen hatte.

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„canvas“ (Foto: ORF musikprotokoll/Martin Gross)

Erzählt wird darin die Geschichte von vier Frauen, die – ohne es zu wissen – denselben Mann lieben. Dieser flattert, wie es ihm gefällt, von einer zur anderen und versucht die Frauen in emotionale Abhängigkeiten zu manövrieren und zu halten. Ingo Kerkhof – KUG-Professor für Musikdramatische Darstellung (szenische Interpretation) führte Regie, Katharina Zotter sorgte für die Ausstattung und Gerrit Prießnitz war für die musikalische Leitung verantwortlich.

Das Orchester war an die linke Saalwand gerückt, der Dirigent stand mit dem Rücken zur Wand und hatte so sowohl das Instrumentalensemble als auch die Sängerinnen im Blick. Eine quadratische, weiß bespannte, wenige Zentimeter hohe Drehplattform markierte jenen Bereich, auf dem gespielt und gesungen wurde. Zusätzlich agierten die Sängerinnen abwechselnd an einem Schreibtisch, der am rechten Bühnenrand dem Publikum zugewandt war.

Die Studentinnen schlüpften in unterschiedliche Rollen und mimten dabei unter anderen auch eine Partie von Fabrikarbeiterinnen. Ein junges Mädchen erlebte gleich zu Beginn ihren tragischen Tod auf einer Krankenhausbahre. Ihr Alter-ego besang diesen Vorgang so, als würde die Sterbende sich selbst dabei zusehen. Die genauen Umstände, die zu diesem Tod führten, blieben nicht aufgeklärt – Spekulationen dürfen dazu klarerweise individuell ausfallen.

Das bestechende Libretto, bestehend aus kurzen, knappen Sätzen, mit Wiederholungen und zum Teil rüden Ausdrücken, bot der Komponistin eine große Menge an emotionalem Futter, das es galt, klanglich umzusetzen. Dabei gelang es Šenk die Stimmen im Vordergrund außerordentlich hörbar zu lassen und den instrumentalen Part lediglich unterstützend einzusetzen.

Nur an einer Stelle, in welcher von einem sexuellen Missbrauch erzählt wird, spielt das Orchester eine wesentlich stärkere Rolle. In diesem Teil wird der Text zum größten Teil gesprochen und der gewalttätige Vorgang durch das Wüten in den Instrumenten mit krachenden und scheppernden Geräuschen verdeutlicht. In dieser Szene stehen alle Frauen regungslos, in Schwarz gekleidet, auf dem Podest und harren in dieser Position aus, bis eine von ihnen flüstert: „I have to be quiet when it’s time to be quiet.“ Dieser Satz wird von den anderen aufgenommen und in einen Flüstergesang verwandelt, der unter die Haut geht.

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„canvas“ (Foto: ORF musikprotokoll/Martin Gross)

Gut herausgearbeitet wurden die verschiedenen Charaktere – verheiratete Frauen, die Angst um das Entdecken ihrer Affäre haben, ein junges Mädchen, das Gott bittet, sie zu erlösen, eine Fabrikarbeiterin, die in dem Mann die höchste Erfüllung sieht, eine Dame, die sich durch das Liebesglück wieder jugendlich zu fühlen beginnt. Der Womanizer selbst kommt – auch von einer der Frauen dargestellt – nur kurz ins Spiel und wird dabei weder verführerisch, noch gewalttätig gezeigt. Nur eine Frau steht außerhalb der Liebesspirale. Sie wird als dicke Italienerin angekündigt, welche ohne zu singen auf die Bühne kommt und wieder abgeht. Sie ist die einzige, die emotional nicht abhängig zu sein scheint, aufgrund der Körperbeschreibung jedoch eine starke sexuelle Anziehungskraft ausüben dürfte.

Die Komponistin setzt Quartette, aber auch Solo-Arien ein und markierte die Szenenwechsel mit lauten Atemgeräuschen, die mit Mikrofon verstärkt werden. Es ist die besonders gelungene Balance aus Sprache und Musik, die diese Aufführung so besonders macht. Hilfreich, aber ästhetisch auch gut gelöst, war die Projektion des englischen Textes auf eine große Leinwand hinter den Sängerinnen. Dazu kommt, dass diese, Studierende der Musikuni Graz, allesamt bestens disponiert waren.

Melis Demiray, Lavinia Husmann, Laure-Cathérine Beyers, Marija-Katarina Jukić, Ellen Rose Kelly, Christine Rainer und Ana Vidmar darf zu ihrer tollen Leistung gratuliert werden.

Der Klang der Natur im Konzertsaal

Der Klang der Natur im Konzertsaal

Das musikprotokoll präsentierte dem Publikum des Steirischen Herbst pro Abend ein derart dichtes Programm, dass viele Menschen in etwa zur Halbzeit den jeweiligen Aufführungsort verließen. Das mag weniger am nicht vorhandenen Interesse liegen, als vielmehr an einem Overflow an Gehörtem und Gesehenen. Dazu kommt auch, dass die List-Halle, in welcher drei Abende hintereinander bestritten wurden, nur bis 23.15 Uhr mit der Straßenbahn in Richtung Innenstadt befahren wird. Leider blieb auf diese Weise für viele einiges auf der Strecke, was hörenswert gewesen wäre. Wie an diesem Abend die „Aria“ von Beat Furrer, an deren Aufführung wir nicht mehr teilnehmen konnten.

Eröffnet wurde der Abend fulminant mit dem „Piano Concerto“ von Kristine Tjøgersen. Am Klavier in Aktion zu sehen war Ellen Ugelvik, die dieses nicht von den Tasten aus zum Klingen brachte. Vielmehr baute sie nach und nach, während das Orchester spielte, in den Resonanzraum einen Wald von kleinen Bäumen ein, wie man sie von der Staffage von Modelleisenbahnen kennt. Die Komponistin ist von der Kommunikation der Bäume, die unter der Erde unsichtbar vonstattengeht, fasziniert und fand damit eine adäquate Umsetzung der Sichtbarmachung. Neben Klängen sind es vor allem auch Geräusche, wie ein Knistern und Knattern, aber auch ein Rauschen, Windgeräusche oder das Summen von Bienen, die neben repetitiv absteigenden Basslinien, aber auch kleinen Melodieschnipseln zu hören waren. Nachdem der Aufbau des künstlichen Waldes beendet war, kümmerte sich die Performerin um eine Live-Videoaufnahme, die auf den großen Bildschirm hinter dem Orchester projiziert wurde. Die Aufgabe, die sich die Komponistin für dieses Konzert gestellt hatte, der Natur im Konzertsaal eine Stimme zu verleihen, wurde von ihr in diesem Setting tatsächlich hör- und sichtbar umgesetzt.

Madli Marje Gildemann interessiert sich für nachtaktive Vögel und versuchte, sich bei der Observierung in diese Tiere einzufühlen. In ihrer Komposition „Nocturnal Migrants“ erzeugt sie einen Schwebeklang, der an- und abschwillt und in ähnlicher, aber nicht derselben Ausführung wiederholt wird. Ein panisches Zirpen verrät an einer Stelle der Komposition Unheil, genauso wie ein sehr dunkel eingefärbter Part, der im Bass des Klavieres nach den Vogelangstlauten auftaucht. Der Grundtenor wird von einer Aufregung beherrscht, einer permanenten Anspannung, die erst beim Ersterben der Musik am Ende der Komposition nachlässt. Ihre Arbeit beschäftigt sich mit der Anziehungskraft von Licht, welche auf Vögel ausgeübt wird und letztlich fatale Folgen haben kann. Sie selbst beschreibt dies aber auch „als Metapher für die impulsiven und zwanghaften Verhaltensweisen von Menschen…die wenig Ahnung von den Motiven haben, die sie antreiben.“

„if left to soar on winds wings” von Karen Power entstand neben dem Live-Part des Klangforums aus aufgezeichneten Sounds, welche die Komponistin rund um den Erdball gesammelt hat. Bevorzugt geht sie an Orte mit wenig Menschen, um aber immer wieder aufs Neue festzustellen, dass es auf der Welt keine Orte mehr gibt, an welchen nicht schon Menschen waren und ihre Spuren hinterlassen haben. Was als Konstanzte überall zu hören ist, ist Wind – wenngleich auch in unterschiedlichen Ausformungen. Dieses Naturphänomen ist es auch, welches gleich zu Beginn ihrer Komposition zu hören ist. Auch in ihrem Werk kommen Zirpgeräusche und Vogelstimmen vor, das bestimmende Element bleibt jedoch der Wind, dem sogar die Funktion eines Generalbasses zugeschrieben werden kann. „Wie viele meiner Werke, so fordert auch „…if left to soar on winds wings…“ jeden Performer und Zuschauer auf, alle Klänge einfach als Musik zu hören, die wir noch nie zuvor gehört haben. Ich bitte uns alle, unsere Ohren zu öffnen und uns wieder mit unserer Umwelt zu verbinden, als etwas, das uns vereint, anstatt uns zu trennen, und unsere Macht und unseren Einfluss auf alles, was uns umgibt, zu überdenken.“ – so Karen Power in ihrem Statement, nachzulesen im Programmheft.

Originell zeigte sich die Aufführung von „Exercises in Estrangement II – L’animal que donc je suis“ von Sandeep Bhagwati.

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„Exercises in Estrangement II – L’animal que donc je suis“ (Foto: ORF musikprotokoll/Martin Gross)

Das Ensemble durfte sich dabei auf der Bühne choreografisch bewegen und fand dabei in immer neuen Konstellationen zueinander. Kniend zu Beginn, danach aber schreitend oder sich um die eigene Achse drehend, boten die Musizierenden in ihrem Tun nicht nur Hör- sondern auch Augenfutter. Ausgangsbasis für das Werk war ein Buch von Jacques Derrida, in welchem er den engen Verbindungen zwischen Tier und Mensch nachgeht. Die Musikerinnen und Musiker schlüpften immer wieder in die Rolle verschiedener Tiere und kommunizierten dabei beständig miteinander. Verbunden mit eingespielten Stimmen, deren Text zum Teil bewusst nicht verständlich ist, ergab sich so ein tierisch-menschlich-auditives Geflecht, dessen einzelne Komponenten keinen Schwerpunkt mehr bildeten. Vogelstimmen, Elefantenbrüllen, oder Zikadengezirpe, all das durfte man mithilfe der Umsetzung einzelner Instrumente aber auch aktivem Stimmeinsatz vernehmen.

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Schallfeld Ensemble (Foto: ORF musikprotokoll/Martin Gross)

Im zweiten Teil des Abends wurde vom Schallfeld-Ensemble „My fake plastic love“ von Sehyung Kim, Dune von Carlo Elia Praderio und Katharina Klements „Monde II“ aufgeführt. Das letzte Werk erlebte mit zwei wieder instand gesetzten Mischmaschinen eine Art „historische Aufführungspraxis“, wurden diese beiden doch schon in einer früheren Arbeit von Klement eingesetzt.

Aufgrund großer Ähnlichkeiten, besser gesagt, großer Verwandtschaften in Teilen der Kompositionen, darf man die Programmierung dieser Konzertabfolge als in sich sehr stimmig bezeichnen. Alle waren von immer wiederkehrenden Klangballungen sowie einem entgegen gesetzten Abschwellen gekennzeichnet. Sehyung Kim arbeitet mit unterschiedlichsten Klangfarben der Instrumente und gegen Schluss mit immer enger werdenden Intervallabständen. Praderios Komposition erfuhr man minimalistisch-kontemplativ und dunkel im Gesamteindruck. Klement setzt häufige Glockenklänge im Gegensatz zu den Geräuschen der Mischmaschinen ein. Elektronische Einspielungen erweitern ihren Klangkosmos, der auch durch immer wieder kehrende Passagen charakteristisch ist.

Ein bis zum Bersten gefüllter Konzertabend, der Neues bot, aber auch die Möglichkeit, Vergleiche zwischen einzelnen Kompositionen zu ziehen.

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