Europa, was es war und was es ist. Der Osten.
13. April 2024
Das Theater im Bahnhof hat sich an eine Kurzserie gewagt, deren erster Teil so gelungen ist, dass es für die kommenden schwer wird, dieses Theatererlebnis zu toppen. „Blind Date Ost Europatrilogie Teil1“ ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch geistreich und tiefgründig, emotional und banal zugleich.
Michaela Preiner
Blind date Ost • Theater im Bahnhof Graz (Foto: Johannes Gellner)
Foto: (Johannes Gellner)

Unter der Gesamtleitung von Ed. Hauswirth, Johanna Hierzegger, Monika Klengel und Helmut Köpping erzählt das vierköpfige Ensemble – Juliette Eröd, Lorenz Kabas, Monika Klengel und Rupert Lehofer – seine Eindrücke von einer Reise in den Osten. Nach Warschau / Treblinka ging es, nach Cluj, Wrocław und Ostrava zu „Blind Dates“. Begegnungen, die geplant und nicht geplant waren, um sich dem östlichen Teil Europas auf ganz individueller Ebene zu nähern. Köpping – der Fünfte auf der Bühne, agiert als Fake-Pianist und Fake-Gitarrist und lässt dabei das Publikum in der Illusion, einer musikalischen Live-Begleitung zu lauschen. Solange, bis das Klavier zu rauchen beginnt und er neben dem weiterlaufenden Bühnengeschehen alle Hände voll zu tun hat, das Rauchmonster zu bändigen.

Blind date Ost • Theater im Bahnhof Graz (Foto: Johannes Gellner)

Blind date Ost • Theater im Bahnhof Graz (Foto: Johannes Gellner)

Perücken mit feuerroten Haaren, die rund um weit in den Hinterkopf ragende Glatzen sprießen, lassen alle als clowneske Gestalten erscheinen. Der Anblick bietet viele Interpretationsmöglichkeiten, die eindringlichste davon wahrscheinlich ist jene, dass das, was erlebt und aufgearbeitet wurde letztlich nicht mehr als eine erzählte Clownerie ist, nicht mehr als Treppenwitze im Leben jeder einzelnen Person. Multipliziert man diese Erlebnisse jedoch mit einer Zahl x wird klar: Was ein Häufchen Menschen aus Österreich im Osten und danach bei der Nachbearbeitung in Graz erlebt hat, worüber sie sich austauschten, was für sie unverständlich und was unerklärlich war, ist stellvertretend für unsere Gesellschaft zu verstehen. Zumindest für jenen Teil, der in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts geboren wurde und bereits auf mehrere Lebensjahrzehnte zurückblicken kann.

Blind date Ost • Theater im Bahnhof Graz (Foto: Johannes Gellner)

Blind Date Ost • Theater im Bahnhof Graz (Foto: Johannes Gellner)

Dennoch gelingt es, einzementierte Standpunkte zu vermeiden, das aktuelle Lebensgefühl mehrerer Generationen streiflichtartig zu erhellen und auch in jene Vergangenheit zurückzuschauen, die Europa bis heute schwer belastet. Rupert Lehofer ist derjenige, der offensiv jene Orte bereist hat, an welchen die Nationalsozialisten tausende Menschen ermordeten. Seine Aussage „das Weinglas habe ich nicht bedacht“, einer der letzten Sätze des Stückes, subsumiert sowohl jenes emotionale als auch reflexive Dilemma, die Dualität des Bösen und des Humanen im Menschen nicht gleichzeitig erfassen zu können. Bevor man jedoch mit ihm in den Abgrund der europäischen Seele blickt, darf man öfter herzlich lachen.

Wenn Monika Klengel ihr Date nachahmt, einen untersetzten Galeristen aus Ostrava, der sie gleich dreimal versetzt hat, klopft man sich vor Freude auf die Schenkel. Ebenso bei der Performance von Lorenz Kabas, der den Spuren des Theatermachers und Schauspielers Jerzy Grotowski in Wrocław (Breslau) folgte. Dabei genügt ihm ein unautorisierter Griff eines Kollegen zum Gemeinschaftskühlschrank, um sich bis auf die letzte Emotion zu verausgaben und schließlich ausgepowert am Boden liegenzubleiben. Juliette Eröd macht deutlich, dass auch noch ihre Generation an der Judenverfolgung zu tragen hat. Die Kasernierung und Auslöschung ihrer Ahnen sublimiert sie durch Fantasien von imaginierten Gasexplosionen.

Blind date Ost • Theater im Bahnhof Graz (Foto: Johannes Gellner)

Blind date Ost • Theater im Bahnhof Graz (Foto: Johannes Gellner)

Naturalistische Arbeiterskulpturen, eine Opernaufführung von My fair Lady in Cluj auf Polnisch, monumentale Denkmäler, eine Fahrt durch ein verschneites Land – all das, worüber erzählt wird, wird am Schluss auf eine Leinwand projiziert und erlebt dadurch einen Transfer vom Gedachten ins Erschaute. Wunderbar, wie rauschknarzend sich die aufrollbare Projektionsfläche mehrfach gebärdet und sich damit zugleich vom benutzten Objekt zu einem sich aktiv einbringenden Subjekt verwandelt. Herrlich auch die Idee, eine Videosequenz aus einem Restaurant parallel durch das Ensemble mitspielen zu lassen. Heike Barnard, Johanna Hierzegger, Christina Helena Romirer und Helen Thümmel trugen zur in mehrerlei Hinsicht passgenauen Ausstattung bei.

Blind date Ost • Theater im Bahnhof Graz (Foto: Johannes Gellner)

Blind date Ost • Theater im Bahnhof Graz (Foto: Johannes Gellner)

„Die Wahrheit lässt sich dramaturgisch nicht darstellen“ akklamiert Lehofer schon kurz nach Vorstellungsbeginn und tatsächlich kann man diesen Satz am Ende nur doppelt unterstreichen. Denn was ist Erdachtes, was real Erlebtes, was Gefühltes überhaupt und welchen Wert hat dies alles? Für wen hat welches Geschehen welches Gewicht, welche Auswirkung und können wir auch nur ansatzweise die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert verstehen? Juliette Eröds Hannah Arendt-Imitation, hoch oben auf einem Kühlschrank sitzend – auch diese Szene ist voll von sich widersprechenden Aussagen und damit zugleich jene eingedampfte Wirklichkeit, die uns an unserem Leben gleichermaßen verzweifeln und lachen lässt.

„Blind Date Ost – Europatrilogie Teil 1“ gehört zum Sehenswertesten, was in dieser Saison in Österreich an einer Theaterbühne gezeigt wurde, hat aber den Nachteil, dass es Suchtcharakter besitzt. Teil 2 und 3 werden vom Publikum wohl auch ohne das Zuckerl eines Gratis-Getränkes besucht werden, das man erhält, wenn man allen drei Aufführungen beigewohnt hat.

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