So könnte es sein

So könnte es sein

Die aktuelle Produktion „HILDE so oder so, sie und ich“ im TIB in Graz wartet sowohl mit Liedern von Hildegard Knef als auch einer Brustkrebs-Geschichte auf. „Die Knef“, wie sie in den deutschsprachigen Ländern genannt wurde, war selbst daran erkrankt und widmete diesem Kapitel ihres Lebens auch ein Buch, das Aufsehen erregte. „Das Urteil“ – so der Titel – brach mit dem Tabu, über die Erkrankung nicht zu sprechen.

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Foto: Johannes Gellner


In der Inszenierung unter der Regie von Ed. Hauswirth wechseln sich die Erzählung einer Frau, die über ihre Brustkrebserkrankung berichtet, mit Chansons der Knef ab. Martina Zinner versucht nicht, das unvergleichliche, dunkle Timbre der deutschen Sängerin zu imitieren. Auch werden die Songs elektronisch modern unterlegt (Thomas Pfeffer), sodass an ihnen nichts Angestaubtes mehr zu erkennen ist.

Ihre großen Hits wie „Von nun an ging’s bergab“, „So oder so ist das Leben“ oder „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ präsentiert Zinner ohne Pathos, dafür aber mit einer Zartheit, die sehr berührt. Beständig kippt der Eindruck, an einer Krankengeschichte teilzuhaben, um sich im nächsten Moment doch wieder darin zu finden. Erzählt Zinner von sich, von der Knef oder eine Geschichte, wie sie alljährlich tausende Frauen auf dieser Welt erleben? Es ist dieser Drahtseilakt zwischen Illusion und Realität, der über den ganzen Abend hin aufrechterhalten wird und diesen spannend macht. Aber auch viele Infos kommen ohne Besserwissergetue über die Rampe. Wenn Zinner über ihre Erfahrungen mit unterschiedlichen Ärztinnen und Ärzten berichtet, weckt dies sicher in der einen oder dem anderen unliebsame Erinnerungen an eigene Diagnosegespräche und Verständnis für die Protagonistin.


Ein Bühnenbild mit weißen Stores mit floralem Muster, wie er in den 70ern- und 80ern des vorigen Jahrhunderts modern war, ein kleines, mit weißem Plüsch überzogenes Podest, das ein skurriles Eigenleben führt, und ökonomische, aber wirksame Kostümwechsel, sowie eine kleine Hausbar, aus der sich Zinner, oder war es die Knef?, Cognac einschenkt, reichen völlig um zwischen unterschiedlichen Raum-Zeit-Gebilden mühelos zu switchen. (Ausstattung Heike Barnard)

„Ein rücksichtsloser Abend, so wie es mir gefällt“ sollte es für die Schauspielerin werden. Er wurde nicht rücksichtslos, sondern ganz im Gegenteil: empathisch, zart, witzig, mit einigen dunklen Einfärbungen, die das Thema mit sich bringt. Es wurde ein Abend, der unterhält, der nachdenklich macht, der aber auch herzlich zum Lachen anregt. Die Inszenierung mit der höchst authentischen Martina Zinner schafft es, ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie es „sein könnte“ an Brustkrebs zu erkranken, ohne in mitleidtriefendes Gehabe zu verfallen. Textbeiträge von Pia Hierzegger dürften hier maßgeblich daran beteiligt gewesen sein. Die Premiere wurde zu Recht intensiv akklamiert.

Ein Pseudo-Feminismus, der keiner ist

Ein Pseudo-Feminismus, der keiner ist

Um einen Text wirklich beurteilen zu können, sollte man ihn gelesen haben. Wenn man eine Theaterkritik schreibt, dann umso mehr. „Die Party – eine Einkreisung“ von Ulrike Haidacher, wird im Schauspielhaus Graz als Ein-Personen-Stück im Schauraum gezeigt. 2022 erlangte der gleichnamige Roman der Autorin literarische Adelung, wurde Haidacher für das Werk doch mit dem „Peter-Rosegger-Literatur-Preis“ ausgezeichnet.

Der Roman oszilliert stark zwischen Realität und Fiktion, beginnt mit surrealen Situationen und erinnert alsbald an die schrecklichen Keller-Lebensumstände, die einige Kinder und Erwachsene in Österreich im vergangenen Jahrhundert durch perverse männliche Kreaturen erleiden mussten. Kampusch und Fritzl sind Namen, die auch heute noch im kollektiven Gedächtnis verankert sind.

Marlene Hauser in "Die Party" im Schauspielhaus Graz (Foto: Lex Karelly)

Marlene Hauser in „Die Party  – eine Einkreisung“ im Schauspielhaus Graz (Foto: Lex Karelly)

In Haidachers Roman hält eine junge, gebildete Frau dem Wahnsinn einer Partygesellschaft entgegen, die sich dadurch auszeichnet, dass die feministischen Ressentiments der bourgeoisen Gemeinschaft im Laufe des Events immer stärker zum Vorschein treten. Verwoben wird die Erzählung über den Gastgeber, einen renommierten Wiener Regisseur und seine Gästeschar, mit den Erinnerungen der jungen Frau an ihre Kindheit und ihre Schwester. Haidacher arbeitete plausibel den Schwesternhass heraus, der auf beiden Seiten besteht. Plakativer sind bei ihr der regieführende „Künstler“ und seine Freunde angelegt. So plakativ, dass sie nicht mehr als reale, sondern nur mehr als überzeichnete Figuren wahrgenommen werden können, als symbolhafte Gestalten, die klischeehaft feministische Gegenbilder verkörpern. Dies tun sie mit einer Überheblichkeit und im Geiste eines unanfechtbaren Gutmenschentums, dass der jungen – namenlosen – Frau zurecht schlecht wird.

Marlene Hauser in "Die Party" im Schauspielhaus Graz (Foto: Lex Karelly)

Marlene Hauser in „Die Party  – eine Einkreisung“ im Schauspielhaus Graz (Foto: Lex Karelly)

In der Fassung für die Aufführung im Schauspielhaus gehen leider die traumhaften Sequenzen und die surrealen Momente, welche den Roman in ein eigenes Raum-Zeit-Gebilde versetzen, fast ganz verloren. Der Keller zeigt sich erst ganz zum Schluss als eine Bedrohung, in der es um Leben und Tod gehen kann, nicht schon, wie im Roman, gleich zu Beginn. Dadurch verliert vieles, was gesagt wird, seine doppelte Ebene und bleibt nur plakativ stehen. Unter der Regie von Lukas Michelitsch verstärkt sich zwar die Körperlichkeit von Haidachers Personen, zugleich jedoch fehlen ihnen jene fatal-diabolischen Ansätze, welche dazu führen, dass die junge Frau letztlich ein grausames Ende findet. Dieses wird auf der Bühne nicht gezeigt, auch nicht angeschnitten, zumindest nicht so, dass es verstanden werden kann. Zwar bleibt der Nachspann, der auch im Roman hinter das Ende ein Zweites setzt. Die Ausgrenzung jener jungen Frau jedoch, die sich dem Mainstream aller entgegensetzt und die versteht, dass das, was um sie herum geschieht, letztlich nichts mit Feminismus zu tun hat, diese Ausgrenzung wird nicht spürbar.
Sehenswert an diesem Abend ist jedoch die Schauspielerin Marlene Hauser. Sie verkörpert nicht nur die studierte Eisverkäuferin, sondern auch alle anderen Charaktere. Innerhalb weniger Augenblicke schlüpft sie von einer Rolle in die nächste, ohne dass man auch nur ansatzweise Schwierigkeiten hat, die jeweiligen Personen zu erkennen. Ein karges Bühnenbild von Franziska Bornkamm und Eva Seiler wirft die Frage auf, ob es überhaupt eines gebraucht hätte. Fazit: Eine wunderbare schauspielerische Leistung trifft auf einen Text, dem die Schönheit abhandengekommen ist und auf eine Regie, die es sich – milde ausgedrückt, – sehr leicht gemacht hat.

Kulturhauptstadt Bad Ischl – Salzkammergut 2024

Kulturhauptstadt Bad Ischl – Salzkammergut 2024

Kulturhauptstadt Bad Ischl – Salzkammergut 2024
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Michaela Preiner
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Das Programm war breit gefächert. Buchpräsentationen, Lesungen, Konzerte in- und outdoor an verschiedenen Plätzen in der Stadt, Performances, Ausstellungen und die Eröffnung eines Genusslabors boten ein straffes Programm, bei dem die Besuchenden Lücken in Kauf nehmen mussten, so dicht waren die einzelnen Programmpunkte getaktet.

Geschichte und Anforderungen an eine Kulturhauptstadt

Im Zentrum der Stadt, in der ehemaligen Trinkhalle mit ihren charakteristischen, historischen Säulen, befindet sich der Info-Point sowie das Pressezentrum, in dem sich in- und ausländische Pressevertreterinnen und -vertreter tummelten. Es ist lange her, dass Bad Ischl einen derart internationalen Zulauf erleben durfte. Ab dem Jahr 1822 bis nach dem Ersten Weltkrieg war man in Ischl, wie es damals noch hieß, bevor es die Adelung als „Bad“ erfuhr, an hochrangige Gäste aus dem In- und Ausland gewöhnt. Erst nach dem Untergang der Donaumonarchie und dem abnehmenden Besuch des Adels und der Bourgeoisie schrumpfte die Ausstrahlungskraft des Ortes. Der Tourismus blieb dennoch erhalten, obgleich auch mit anderen Vorzeichen. Kuren in Bad Ischl wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Domäne von österreichischen Kranken, die von den verschiedenen Versicherungsträgern dorthin  geschickt wurden. Die Kultur, einst in dem kleinen Ort durch Komponierende und Literaturschaffende, Musizierende und Theatermenschen geballt vertreten, trat in den Hintergrund. Das Lehártheater verlor seine Strahlkraft, diente später als Mehrzweckveranstaltungsraum und Kino und wurde schließlich aufgrund seines maroden Zustandes geschlossen. Wer Modernes hören oder sehen wollte, musste fort von hier.

Mit dem Programm der Kulturhauptstadt 2024 ändert sich dies nun. Zum ersten Mal in der Geschichte der Vergabe der „Kulturhauptstadt Europas“ teilen sich insgesamt 23 Gemeinden diese Zuschreibung. Zwar präsentiert sich Bad Ischl als Bannerträgerin des Kulturereignisses, die Teilnahme der weiteren teilnehmenden Gemeinden aus dem Salzkammergut wird sich im Laufe des Jahres verstärkt zeigen. Man erhofft sich dadurch nicht nur internationale Aufmerksamkeit, die sich auch in Nächtigungszahlen ausweisen soll. Grundidee ist jedoch, so die künstlerische Leiterin Elisabeth Schweeger bei ihrer Eröffnungsrede auf der Bühne im Kurpark vor mehreren Tausend Menschen, Kultur auch abseits von urbanen Zentren zu stärken. Sie sieht Kultur als ein gesellschafts- und demokratiepolitisch wichtiges Medium, das gerade in ländlichen Regionen nicht nur bei den Touristen, sondern bei den Menschen, die hier leben, viel bewirken kann. Damit erfüllt sie auch die Anforderungen, die seitens der Geldgeberin, der EU, gestellt werden. Wie es in einem Beschluss des Europäischen Parlamentes konkret heißt, soll durch den Zuschlag zur Kulturhauptstadt eine „Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Kultur- und Kreativsektors, insbesondere des audiovisuellen Sektors, mit Blick auf die Förderung intelligenten, nachhaltigen und integrativen Wachstums“ erreicht werden. Und weiter: „Mit dem Titel ausgezeichnete Städte sollten zudem die soziale Inklusion und Chancengleichheit fördern und so stark wie möglich darauf hinwirken, dass eine möglichst große Bandbreite aller Teile der Zivilgesellschaft an der Vorbereitung und Durchführung des Kulturprogramms beteiligt ist, wobei besonderes Augenmerk auf junge Menschen, Randgruppen und benachteiligte Gruppen gelegt werden sollte.“ Tatsächlich durfte man die Umsetzung dieser Anforderungen bereits am Eröffnungswochenende live miterleben.

Das Eröffnungskonzert

Das abendliche Eröffnungskonzert auf der großen Bühne im Kurpark lockte trotz eisiger Minustemperaturen tausende Bad Ischler und Menschen aus der Umgebung an. Mit den aus dem Salzkammergut stammenden Künstlerinnen und Künstlern – Hubert von Goisern, Tom Neuwirth aka Conchita Wurst und Doris Uhlich wurde gezeigt, dass die Region mehr als nur traditionelles Brauchtum zu bieten hat. Alle drei sind Persönlichkeiten, die sich auf den Bühnen der Welt profilieren konnten und symbolisch dafür stehen, dass auch mit regionalen Wurzeln internationale Anerkennung erarbeitet werden kann. Mit einem Auftritt von Schülerinnen der Modeschule Ebensee, die moderne Trachten-Interpretationen aus Papier präsentierten, erhielt der Abend zusätzlich einen starken regionenbezogenen Charakter, ausgestattet mit einem aktuellen Design-Twist.

Tom Neuwirth aka Conchita Wurst Henrieke Iring courtesy Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl Salzkammergut 2024
Tom Neuwirth aka Conchita Wurst (Foto: Henrieke Iring, courtesy Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl Salzkammergut 2024)
Opening Hubert von Goisern Henrieke Iring courtesy Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl Salzkammergut 2024
Hubert von Goisern (Foto: Henrieke Iring, courtesy
Doris Uhlich Daniel Mayer courtesy Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl Salzkammergut 2024
Doris Uhlich (Foto: Daniel Mayer, courtesy Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl Salzkammergut 2024)
Modeschule Ebensee 54 Henrieke Iring courtesy Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl Salzkammergut 2024
Modeschule Ebensee 54 Henrieke Iring, courtesy Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl Salzkammergut 2024

Ausstellungen und Installationen

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Maruša Sagadin – „Luv Birds in toten Winkeln“
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Altes Sudhaus Bad Ischl Ausstellung „Kunst mit Salz und Wasser“ (Fotos ECN)
Tagsüber wurden mehrere Ausstellungen eröffnet wie jene im Postgebäude mit einer Arbeit der Künstlerin Maruša Sagadin. Die österreichisch-slowenische Künstlerin installierte dort „Luv Birds in toten Winkeln“, eine mehrteilige Skulptureninstallation. Auf Säulen angeordnet, finden sich bunte Körperteile wie Zungen, Ohren oder Lippen. Sie verweisen auf intime Zonen und Handlungen, die im öffentlichen Raum aber kaum mehr einen Platz finden. Die kleinen Sitzbänke, die sich im hohen Atrium neben den Säulen befinden, dürfen tatsächlich zum Sitzen verwendet werden und verändern damit auch die bisherige Nutzung.

Gegenüber, im alten Sudhaus, war der Andrang zur Eröffnung der Ausstellung „Kunst mit Salz und Wasser“ so groß, dass man auf einen Besuch am kommenden Tag vertrösten musste, da die Kapazität an Besuchenden ausgelastet war. Der Kurator, Gottfried Hattinger, hat ganze Arbeit geleistet. 18 Beiträge von insgesamt 21 Künstlerinnen und Künstlern geben einen erstaunlichen Überblick über künstlerische Beiträge zu diesem Thema. Von Installationen, die nur über eine App am Handy vor Ort abgerufen werden können bis zu Werken, die sich während der Ausstellung permanent wandeln und solchen, die eine unglaubliche statische Schönheit ausstrahlen, ist alles vertreten. Eineinhalb Stunden sind für den Besuch zu wenig. Wer sich umfassend mit den Arbeiten auseinandersetzen möchte, sollte sich reichlich Zeit dafür nehmen und nicht einen zu kalten oder zu heißen Tag aussuchen. Der Ort ist nicht heiz- und kühlbar, für wetterbedingte Ausnahmetage also eine Herausforderung.

Ganz in der Nähe, an der Hinterseite des Postgebäudes, prangt in luftiger Höhe ein „besticktes Netz“ der Künstlerin Katharina Cibulka. „Solong ois bleibt, weils oiwei scho so woa, bin i Feminist:in“ ist darauf zu lesen. Es ist die 29. Ausgabe ihrer „solange“-Reihe, in welcher unter Teilnahme der ortsansässigen Bevölkerung Sätze gebildet werden, welche deutlich machen, warum es auch heute noch immer engagierte Feminist:innen geben muss. Einen Rückblick in die 1920er-Jahre kann man im Lehártheater wagen. Dort ist eine Neuinterpretation des legendären Ballet Méchanique zu sehen. Der amerikanische Komponist George Antheil schuf am ersten Höhepunkt der industriellen Revolution eine „Musikmaschine“, die über 20 Minuten lang automatisch eine Komposition abspielt, zu welcher parallel ein Schwarz-Weiß-Film von Férnand Leger projiziert wird. Winfried Ritsch, Professor für elektronische Musik und Akustik an der MUK, der Kunst- und Musikuni Graz, schuf mit seinen Studierenden eine Bearbeitung der Klanginstallation mit elektronischen Mitteln, die einige Jahre zuvor für das Kunsthaus in Graz in Auftrag gegeben worden war. Die Adaption in Bad Ischl entzückt durch das morbide Surrounding, das jedoch nicht mehr lange so bleiben wird. Bis 2027 soll das Theater auch mithilfe von Mitteln aus dem Kulturhauptstadtbudget in neuem Glanz erstrahlen. Im Moment jedoch vermischt sich der in die Jahre gekommene Raum mit seinen sichtbaren Bauwunden atmosphärisch gekonnt mit den Klängen der Pianos, Glocken, Xylofone, Trommeln und anderen Instrumenten, die wie von Zauberhand bewegt werden. Wer diese beeindruckende Installation sehen möchte, muss dies bis Mitte April tun, danach wird das Lehártheater anderweitig genutzt werden.

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Katharina Cibulka „Solange“ (Foto: ECN)

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Ballet Méchanique (Foto: ECN)

Altes Sudhaus Bad Ischl Ausstellung „Kunst mit Salz und Wasser“

Genusslabor

Genusslabor Daniel Mayer courtesy Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl Salzkammergut 2024

Genusslabor Bad Ischl (Foto: Daniel Mayer)

Genusslabor Bad Ischl Altes Rezeptbuch

Genusslabor Bad Ischl (Foto: ECN)

Gebusslabor Marc Schwarz Photo courtesy Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl Salzkammergut 2024

Genusslabor Bad Ischl (Foto: Marc Schwarz)

Genusslabor Bad Ischl Kredenz Inneneinrichtung

Genusslabor Bad Ischl (Foto: ECN)

Vorausplanung ist auch angesagt, wenn man sich im „Wirtshauslabor Bad Ischl, Genusslabor“ Feines servieren lassen möchte. Die Tourismusschule Bad Ischl belebt mit dem weit um bekannten Gastronomen Christoph „Krauli“ Heid vom Siriuskogl die ehemalige Bahnhofsrestauration. Dort dürfen die jungen Wirtinnen und Wirte ihre Idee von zeitgemäßer Gasthauskultur ausleben. Begonnen von der Auswahl der Speisen bis hin zur Bedienung, liegt es in ihrer Hand, ob der Act ein Erfolg wird. Am ersten Wochenende war dieser gleich so groß, dass viele, die kamen, um zu essen, auf ein anderes Mal vertröstet werden mussten. Jene, die Glück hatten, freuten sich nicht nur über das kulinarische Angebot, sondern vor allem darüber, mit wie viel Enthusiasmus und Freude die jungen Menschen hier ans Werk gingen. „Das hätten wir nicht gedacht, dass das so gut funktioniert“ war zu hören, aber auch „da sag noch einer, die Jungen würden nichts können!“. Das Genusslabor erweist sich in hohem Maße nicht nur als Praxisraum für die Schülerinnen und Schüler der 4 HLa. Es ist auch ein Kommunikationsort ersten Ranges, in dem man schnell mit anderen Gästen und den Betreibenden ins Gespräch kommt. Ein weiteres Wirtshauslabor wird am 29. Jänner unter der Ägide von Jochen Neustifter in Gmunden eröffnet werden. Die Einbindung der jungen Leute bietet nicht nur einen Praxisbezug. Vielmehr schafft sie eine Verbindung zur Kulturhauptstadt-Idee mit einer großen Reihe von Multiplikatoren, die sich mit dieser Idee identifizieren.

O-Töne und die „interventa-Performance

Die Menschen im Salzkammergut sind freundlich und redselig. Schnell kann man Kontakte knüpfen und erfährt so einiges, was Kulturfreaks wie mich erstaunt. Eine Aussage sollte all jene aufhorchen lassen, die für Projekte abseits der Hauptstädte in Österreich zuständig sind, nicht nur im Salzkammergut. Während der Einführung zur Performance „interventa Hallstatt 2024“, anmoderiert von Marie-Therese Harnoncourt-Fuchs und Sabine Kienzer, wandte sich ein Besucher trocken zu seiner Begleiterin mit den Worten: „Ich versteh` gar nix“. Auf ihre Entgegnung, dass die Lautstärke ja in Ordnung sei, kam die Antwort: „Es ist nicht die Lautstärke, ich verstehe den Inhalt nicht, ich weiß nicht, was das heißen, soll, was die Frauen da sagen.“ Die beiden Initiatorinnen berichteten in wenigen Sätzen, dass im Herbst in Hallstadt das Symposium „interventa“ stattfinden wird und welchen Inhalt dieses hat. Völlig unerwartet kam von einem daneben stehenden Besucher ein fulminanter Gegenschlag: „Die Kunst hat eine eigene Sprache und in dieser Sprache wird hier gesprochen. Wir haben jetzt in dem Jahr einmal Gelegenheit, diese Sprache zu lernen“. Das saß und erregte keine Widerrede.
Die Performance, choreografiert von Esther Balfe, war ein Vorbote der „interventa Hallstatt 2024“, die von 19. – 22.9.2024 stattfinden wird. Darin wird Baukultur zwischen Tradition und Innovation interdisziplinär behandelt werden. Tänzerinnen und Tänzer von der Musik und Privatuniversität Wien, ausgestattet mit der weißen Arbeitstracht von Salinenarbeitern, hatten hölzerne Glocken umgebunden, die von der HTBLA Hallstatt gefertigt worden waren. Ein Hinweis auf die bodenständige Glöckler-Tradition der Region, die jedoch nur von Männern ausgeführt wird. Die Tanzenden trugen Schriftzeichen, die sich als einzelne künstlerische Objekte erwiesen. Gestaltet wurden sie von der Künstlerin Isabella Kohlhuber und zusammengestellt ergaben sie den Titel der Arbeit: „Glasschiebetür“. Die Künstlerin setzt sich intensiv mit der Typografie auseinander und verwendete dafür ein Verputzmaterial, das beim Bauen verwendet wird. Auch hier wurde dem Gedanken des Miteinander und des Einbindens der Bevölkerung vor Ort Rechnung getragen.

Ein weiterer, interessanter Kommentar zur Eröffnung kam von einer Geschäftsinhaberin in der Innenstadt. „Ich habe mir die Tanzperformance von Doris Uhlich, den ‚Pudertanz‘, sehr genau angesehen und gemerkt, dass die nackten Menschen, die auf der Bühne waren, ganz unterschiedlich aussahen. Eine Frau mit einer amputierten Brust und sogar behinderte Menschen im Rollstuhl waren dabei. Dass sie nackt waren, fand ich in Ordnung, aber ob das auch für die Kinder gut zu sehen war, bin ich mir nicht sicher.“ Prompt kam auch hier eine Antwort – und auch hier nicht von „Zugereisten“, sondern einer Angestellten: „Für die Kinder sollte das nichts Besonderes sein, denn sie sollten zu Hause schon gesehen haben, wie ein Mann und eine Frau nackt aussehen.“ „Das ist halt Kunst“ brachte ein älterer Herr seine Meinung zu dieser Performance gegenüber Bekannten auf der Straße auf den Punkt. Uhlichs Perfomances mit nackten Menschen spaltet die Meinungen immer, verweist aber künstlerisch in allerhöchstem Maß auf eine der wichtigsten Forderungen, welche eine Kulturhauptstadt zu erfüllen hat: Soziale Inklusion und Chancengleichheit mit Augenmerk auf benachteiligte Gruppen. Dass die ästhetische Komponente an diesem Abend, wohl dank der Kälte, eine ganz besondere war, sollte erwähnt werden. Das Puder, das sie und ihr Ensemble forsch aus den Puderbehältern drückten, blieb lange in der kalten Luft schwebend stehen, bis es zu Boden sank. Die Lichtregie tat ein Übriges, diese Optik unvergesslich in Szene zu setzen.

Nicht Franz Lehár, sondern Oscar Straus

Mit der „Operette“ „Eine Frau, die weiß, was sie will.“ von Oscar Straus, einem jüdischen Komponisten, der zeitgleich mit Franz Lehár in Bad Ischl arbeitete, wurde am Eröffnungswochenende mit einer Produktion der „Komischen Oper Berlin“ auch auf einen weiteren Schwerpunkt der Kulturhauptstadt verwiesen. Verstärkt soll die Aufarbeitung von jüdischem Leben in der Stadt und im Salzkammergut vorangetrieben werden, um ein Kapitel zu beleuchten, das viele Jahrzehnte verschwiegen wurde. Zwar bedarf es, um hinter einige der Programmierungen zu blicken, eigener Recherchen. Gerade aber von jenem Publikum, das sich auf den Weg in die Region macht, um das kulturelle Geschehen hier vor Ort zu genießen, kann das erwartet werden. Der eine oder andere direkte Verweis mit Hintergrundinformationen zum leichteren Verständnis wäre dennoch angebracht, hauptsächlich für all jene, für die Kunst im Alltagsleben eine Randerscheinung darstellt. Denn die beiden angesetzten Vorstellungen dienten nicht nur zur Publikumserheiterung, sondern hätten auch ein wesentlich größeres Aufklärungspotential geboten, was das Leben und Schicksal von Oscar Straus und vielen anderen aus seinem Umkreis betrifft. Ein kleiner Einblick ist hier nachzulesen.

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Oscar Straus: „Eine Frau, die weiß, was sie will“ (Foto: Iko Freese / drama-berlin.de)

Es sind Gespräche wie die oben angeführten, die das Salz in der Kommunikation vor Ort in diesem Jahr ausmachen. Die Auseinandersetzung mit Neuem, das Aufbrechen von alten Mustern, das Diskutieren miteinander und auch das Reden darüber werden einen Mehrwert bringen, der nicht zu monetarisieren ist. Wer sich für zeitgenössisches Kunstgeschehen interessiert, wird in Bad Ischl und dem Salzkammergut in diesem Jahr fündig und muss nicht mehr, wie bisher, fort von hier. Dass der Schwerpunkt der künstlerischen Beiträge von Frauen kommt, ist vor allem auch im internationalen Kunstgeschehen nicht nur bemerkenswert, sondern extra herauszuheben. Dies ist Elisabeth Schweeger zu verdanken, die am Eröffnungsabend laut und mit Begeisterung ins Mikrofon rief: Die Zukunft gehört den Frauen!

Alle Informationen finden sich hier:
https://www.salzkammergut-2024.at/

Von Bad Ischl in die große weite Welt und retour

Von Bad Ischl in die große weite Welt und retour

In Sichtweite des Kongress- und Theaterhauses von Bad Ischl befindet sich die ehemalige Villa des jüdischen Komponisten Oscar Straus (1870-1954). Phonetisch könnte man ihn der großen Strauß-Dynastie zuordnen, mit der er jedoch nichts zu tun hatte. Ganz im Gegenteil: Aufgrund etwaiger Verwechslungen ließ er das ursprünglich zweite s, das er am Namensende trug, sogar amtlich streichen. Anlässlich der Eröffnung der Kulturhauptstadt Bad Ischl und Salzkammergut 2024 wurde die Produktion der Komischen Oper Berlin „Eine Frau, die weiß, was sie will“ aus dem Jahr 2015 für zwei Abende nach Bad Ischl eingeladen. Ab diesem März wird das Stück in Berlin wieder aufgenommen. Die Entscheidung, Oscar Straus erklingen zu lassen und nicht auf den hier omnipräsenten Franz Lehár zurückzugreifen, macht Sinn. Denn, wie Elisabeth Schweeger, die künstlerische Leiterin der Kulturhauptstadt mehrfach betonte, war es ihr wichtig, auch auf die jüdische Vergangenheit der Stadt hinzuweisen. Eine Vergangenheit, die lange nicht aufgearbeitet wurde.

Villa von Oscar Straus in Bad Ischl.

Eingang der Villa von Oscar Straus in Bad Ischl (Foto. European-Cultural-News)

Die Villa, in welcher der viel gereiste Komponist seinen Lebensabend verbrachte, steht zu einem Teil heute leer. Am Haupteingang liegen verwaist Zeitungen, nur im ersten Stock ist eine aktuelle Wohnsituation zu erkennen. Doch gerade dieses Haus könnte mehrere Romane allein über seinen ehemaligen Besitzer erzählen. Oscar Nathan Straus kam schon als Kind mit seinen Großeltern jeden Sommer, wie es im 19. Jahrhundert üblich war, nach Bad Ischl zur Sommerfrische. Hier erlebte er eine Stadt voller Musik. Blasmusik, öffentliche Konzerte im Kurpark, aber auch Aufführungen im Lehár -Theater oder auch im Kongresshaus standen auf der Tagesordnung. Bald wünschte sich der Junge zwei Instrumente – eine Trompete und eine Trommel. Seine liebenden Großeltern erfüllten ihm den Wunsch und dürften sich bald danach die ehemalige Beschaulichkeit der Ischler Sommerfrische zurückgewünscht haben. Denn Oscar beherrschte bald beide Instrumente und brachte das Kunststück zusammen, sie gleichzeitig zu spielen. Von seinem Wunsch, Komponist zu werden, konnte ihn seine Familie nicht mehr abbringen. Die Jugendanekdote, welche von einer der Stadtführerinnen gerne erzählt wird, beleuchtet gut das gesellschaftliche Umfeld wieder, in welchem das Einzelkind aufwuchs. Zugleich auch jene Stimmung, die Ischl damals zu einem Zentrum des kulturellen Sommerlebens in Mitteleuropa werden ließ.

Seiner Hartnäckigkeit verdankte er es schließlich, dass sein Berufswunsch letztlich von seiner Familie doch akzeptiert wurde. Ausschlag gab ein Attest des bekannten Musikkritikers Eduard Hanslick, der darin dem jungen Mann „Frische und Einfachheit“ in zwei seiner Liedkompositionen bescheinigte. Straus studierte in Wien, später in Berlin und verdiente sein erstes Geld als Kapellmeister in Brünn, Teplitz-Schönau sowie Mainz. Für das Berliner Kabarett „Überbrettl“ schrieb er über 500 Kabarett-Lieder, geschuldet auch dem Umstand, dass fast jede Aufführung tags darauf von der Zensur verboten wurde.

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Oscar Straus: „Eine Frau, die weiß, was sie will“ (Foto: Iko Freese / drama-berlin.de)

Der finanzielle Erfolg stellte sich bei dieser Tätigkeit jedoch nicht ein, erst mit „Ein Walzertraum“, 1907 in Wien aufgeführt, gelang Straus sein großer Durchbruch. Sosehr Straus für seine „Operetten“ auch bekannt wurde, sosehr sollte man auch seine kritischen Lieder aus Berlin und die ersten Operetten wie „Die lustigen Nibelungen“ nicht vergessen. Letzte trug einen derart deutsch-kritischen Unterton, dass es bei einer Aufführung in Graz zu Tumulten kam und diese vom Spielplan abgesetzt werden musste. Untersuchungen, welche Straus und seinen Librettisten Fritz Oliven, einen Berliner Rechtsanwalt, der unter dem Pseudonym Rideamus Texte für ihn schrieb, zu Beginn des 20. Jahrhunderts beleuchten, zeigen einen Komponisten, der sich damals schon bewusst war, dass Zeiten anbrechen würden, die Gefahr für ihn bedeuten könnten. Ein Umstand, der sich mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten bewahrheiten sollte.

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Oscar Straus: „Eine Frau, die weiß, was sie will“ (Foto: Iko Freese / drama-berlin.de)

Vor den Nazis floh der Straus zuerst von Berlin aus nach Bad Ischl, anschließend in die Schweiz, danach nach Paris und Südfrankreich und letztlich in die USA, wo er für Hollywoodfilme Musik komponierte. Ein Sohn starb an der Front im 1. Weltkrieg, ein weiterer wurde 1944 im Konzentrationslager in Auschwitz ermordet. Nur zwei seiner fünf Kinder überlebten den Vater. Kurz nachdem er 1948 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten hatte, kehrte Oscar Straus nach Bad Ischl zurück.

Als „Operette“ angekündigt, erwies sich „Eine Frau, die weiß, was sie will“ in der Fassung des Regisseurs Barrie Kosky, viel eher als eine rasante Nummern-Revue mit atemberaubenden Kostüm- und Charakterwechseln. Dagmar Manzel und Max Hopp schlüpften in insgesamt 20 Figuren, zum Teil sogar gleichzeitig in zwei verschiedene. Die Inszenierung, musikalisch geleitet von Adam Benzwi, versetzte das Geschehen in das Berlin der 30-er Jahre, also in jene Zeit, in welcher das Werk auch entstanden war. Ausgestattet mit einem einzigen Bühnenbild wird die Geschichte einer jungen, verwöhnten Frau erzählt, die nicht weiß, dass eine berühmte

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Oscar Straus: „Eine Frau, die weiß, was sie will“ (Foto: Iko Freese / drama-berlin.de)

Operettendiva ihre Mutter ist. Vielmehr lebt sie in der irrigen Annahme, dass ihr diese Soubrette ihren Mann ausspannen will. Erst in der letzten Szene lösen sich die psychologischen Verwicklungen auf. Es sind die schnellen Rollenwechsel, aufgrund der Minimalbesetzung mit zwei Personen und die überzeichneten Figuren, die keinen verkitschten Operettenstaub erkennen lassen. Aber nicht nur die aberwitzige Spielfreude, die von Manzel und Hopp gezeigt wurden, sondern auch der Witz der Liedtexte selbst, bescherte dem Publikum Heiterkeit. „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?“ ist eines der wohl berühmtesten Lieder, das, aus dem Werk ausgekoppelt, in vielen Chanson-Abenden des deutschsprachigen Raumes zu hören war und auch wieder zu hören ist. Oscar Straus kann in diesem Werk als jemand wahrgenommen werden, der bestens auf der Unterhaltungsklaviatur des Musiktheaters seiner Zeit spielen konnte. Die Chance, dass seine Ohrwürmer auch zuhause nachgesungen werden konnten, hatte er genauso zu nutzen gewusst, wie die subtile Sichtbarmachung von moralischen Anforderungen, welchen die Menschen sowohl in den 30er-Jahren als auch heute nicht gerecht werden können.

2021 wurde anlässlich des „Festivals der Regionen“ ein Projekt in Angriff genommen, in dessen Verlauf eine Landkarte mit „Stecknadeln der Erinnerung“ für die Stadt Bad Ischl erstellt wurde. Das Straus-Haus ist darauf nicht markiert, vielleicht auch, da es in jener Zeit, welche die Spazier-Route „Jüdisches Ischl“ beleuchtet – nämlich die 30er- und 40er-Jahre – noch nicht in Besitz von Oskar Straus war. Es wäre jedoch an der Zeit, die Geschichte des Komponisten einem größeren Kreis von Interessierten bekannt zu machen, nicht nur Musikbegeisterten, die in den meisten Fällen selbst nicht darüber Bescheid wissen.

Die Aufführung in Bad Ischl darf man deshalb als Aufforderung zu weiteren, eigenen Recherchen ansehen. Was wir hier mit weiterführenden Links gerne unterstützen:

Oscar-Straus-Beiträge zur Annäherung an einen zu Unrecht Vergessenen. Im operetta-research-center.org
Oscar-Straus-Beiträge-zur-Annäherung-an-einen-zu-Unrecht-Vergessenen
Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen – Uni Hamburg
https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00002671
Webseite Kulturhauptstadt Bad Ischl – Salzkammergut</a>

Eine doppelt tragische Liebesgeschichte

Eine doppelt tragische Liebesgeschichte

Zeitgenössische Opern sind, was den Publikumsstrom betrifft, für ein Haus immer ein Wagnis. Umso höher ist es zu bewerten, dass der seit dieser Saison neue Intendant der Grazer Oper – Ulrich Lenz – eine österreichische Erstaufführung des Komponisten Peter Eötvös ansetzte: „Schlaflos“ nach einer Romantrilogie des Nobelpreisträgers Jon Fosse. Uraufgeführt 2021 in Berlin, wurde für Graz eine deutsche Textfassung in der Übersetzung von Errico Fresis in Auftrag gegeben, was sich als goldrichtig erwies.

"Schlaflos" von Peter Eötvös an der Grazer Oper (Foto: Andreas J. Etter

„Schlaflos“ von Peter Eötvös an der Grazer Oper (Foto: Andreas J. Etter

Erzählt wird die Geschichte eines jungen Liebespaares, das in einem kleinen Nest in Norwegen wohnt. Das Mädchen ist von der Mutter ungeliebt, der junge Mann verwaist und nur im Besitz einer Geige. Verstoßen und nirgends angekommen, abgewiesen und gedemütigt, entwickelt sich eine Dynamik aus Gewalt und Totschlag, die den beiden auf ihrer Reise in ein vermeintlich besseres Leben begegnet. Dazu kommt eine zusätzliche psychologische Komponente, die Fosse in Form eines Nebenbuhlers ausgearbeitet hat. Dieser erweist sich letztlich jedoch auch nur als halbherziger Sieger in einem verdeckten Spiel um die Zuneigung der jungen Frau.

Die Brutalität der Handlung wird vom Regisseur Philipp M. Krenn noch verdoppelt. Er versetzt das Paar in die Zeit zwischen den 70er- und 80-er Jahren des vorigen Jahrhunderts und lässt sie zu Beginn an einer kalten, gekachelten Mauer im Umfeld einer Markthalle, wie man sie auch von Bahnhöfen her kennt, kauern. Heike Vollmer (Bühne) und Regine Standfuss (Kostüme) schufen dafür ein authentisches, großartig wandelbares Umfeld, das die Kälte der Charaktere glaubwürdig spiegelt. Schnell wird klar, dass Drogen im Spiel sein müssen, die Existenz der beiden an einem seidenen Faden hängt. Das Schlussbild – es ist dasselbe wie jenes im ersten Aufzug, vermittelt den Eindruck, dass all das, was geschehen ist, vielleicht nur ein Traum gewesen sein könnte. Und tatsächlich lässt Krenn auch innerhalb der Geschichte zwei Deutungsvarianten zu. Zum einen erzählt er bildlich, dass die junge, drogenabhängige Frau eine Totgeburt erleidet und sich anschließend einen goldenen Schuss setzt. Zum anderen folgt er dem Libretto und lässt sie mit ihrem Sohn weiterleben. Wie diese Doppelerzählung aufgebaut ist, ist genauso tricky wie die Erzählstruktur des Autors selbst, der mit überraschenden Wendungen in der Handlung aufwartet. Krenn erreicht dadurch zusätzlich, dass man, wenn man die Trilogie nicht gelesen hat, neugierig darauf wird.

So trostlos wie die Erzählung auch erscheinen mag, so hoffnungsvoll ist sie zugleich auch. Der Komponist Peter Eötvös hat daran einen großen Anteil. Seine Musik hebt in den Traumszenen die Stimmung in schwebende Sphären, welche die Last des Alltags vollkommen vergessen lassen. Grandios werden diese vom doppelten Vokalterzett links und rechts der Bühne in den angrenzenden Logen, gesungen. Dieselbe wohltuende, musikalische Färbung markiert den Schluss, in welchem die Liebe, die über den Tod hinaus spürbar bleibt, zu strahlen beginnt. Vergessen ist in diesen Szenen das Poltern der wilden Biergesellen in einer mobilen, kleinen Trinkhalle. Vergessen auch die kunstvollen Schrei-Koloraturen jener jungen Frau, die verblendet und eifersüchtig das schwangere Mädchen verstößt und schließlich gegen ihren Freund hetzt, sodass er von der Gesellschaft in Lynchjustiz ermordet wird.

Tetiana Miyus und Mario Lerchenberger machen mit ihren herausragenden Stimmen als Alida und Asle den Abend zu einem ganz besonderen Ereignis. Zu Recht wurden die beiden, wie auch Daeho Kim in der Rolle des Nebenbuhlers und Tetiana Zhuravel als junges, eifersüchtiges Mädchen mit Bravo-Rufen und heftigem Applaus bedacht.

Vassilis Christopoulos am Dirigentenpult erwies sich als genau hinsehender und analysierender musikalischer Leiter, dem das Orchester mit ebensolcher Präzision folgte. Eötvös lässt in einzelnen Passagen seine ungarische, musikalische Prägung durchblitzen, wenn Geigen wehmütig oder ausgelassen darüber berichten, wie schön das Leben mit Musik doch sein kann. Beeindruckend sind auch jene Passagen, in welchen sich das Unheil über den jungen Mann zusammenbraut, was durch den Einsatz von wildem Blech verdeutlicht wird. Immer wieder hat auch die Marimba beinahe solistische Einsätze und trägt, wie auch die Klarinetten zu ganz speziellen, charakterisierenden Motiven bei.

Mit „Schlaflos“ war in der Grazer Oper nach „Morgen und Abend“,  komponiert von Georg Friedrich Haas, bereits eine zweite literarische Vorlage von Jon Fosse zu sehen. Auch das darf als höchst kluge Entscheidung gewertet werden. Ermöglicht sie doch dem Publikum, sowohl aktuelle kompositorische als auch literarische Tendenzen auf höchstem Niveau zu verfolgen.

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