HAMLET – DANS LES PLIS DU TEMPS, Hamlet – in den Falten der Zeit

HAMLET – DANS LES PLIS DU TEMPS, Hamlet – in den Falten der Zeit

Hamlet, Shakespeares Prinz aus Dänemark, wandelt auf der Bühne des Volkstheaters als junge, intelligente Frau durch die Zeiten. Die aus Brasilien stammende Regisseurin Christiane Jatahy, die sich sowohl im Theater als auch im Film-Genre bereits einen Namen gemacht hat, leuchtet das Drama mit einem starken, weiblichen Fokus neu aus.

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HAMLET – DANS LES PLIS DU TEMPS • Hamlet – in den Falten der Zeit (Foto: Simon Gosselin)

Clotilde Hesme ist es zu verdanken, dass Hamlets Gedankenwelt, trotz heftigster Zeit-Mäanderungen, verständlich wird. Die Regisseurin, die zugleich ein beeindruckendes Bühnenbild schuf, in welchem sich das Live-Ensemble gekonnt mit filmischen Einspielungen vermischt, sieht Hamlet weiblich und besetzt diese Rolle mit Hesme mehr als ideal. In stylishem, schwarzem Hosen-Outfit pocht sie in ihrer androgynen Erscheinung auf ihre Weiblichkeit, ohne dass diese jedoch im weiteren Geschehen weitere Auswirkungen hätte. Ob sie oder er – die Trauer, die Wut und der Wille nach Gerechtigkeit bleibt gleich, egal welches Geschlecht diese Gefühle durchlebt, diese Botschaft kommt in Jatahy’s Rollenüberschreibung gut zum Ausdruck.

Hamlet stülpt ihren Schmerz und ihre Wut über den Mord an ihrem Vater so radikal über ihre Familie, dass in dieser letztlich kein Stein auf dem anderen bleibt. Furios, grandios, intensiv, verletzlich und verletzend zugleich ist diese junge Frau, die sich in ihrem unerbittlichen Aufbrausen  dennoch mehrfach die für sie wichtigste Frage stellt: Muss man, um gerecht zu sein, grausam sein? Mit ihren emotionalen Ausbrüchen hält sie der verkommenen Schicki-Micki-Gesellschaft um sie herum nicht nur einen Spiegel vor. Sie klagt an und bedroht, sie ist unverzeihlich, in letzter Konsequenz aber auch gegen sich selbst.

Ophelia, Isabel Abreu, scheint ob ihrer zarten Gestalt von Beginn an höchst gefährdet. Umso überraschender argumentiert sie mehrfach, dass das auferlegte Rollenbild der leidenden Frau für sie nun ausgedient hat und sie nicht länger Opfer sein wird. Zu oft sei sie in den letzten Jahrhunderten schon gestorben, jetzt sei genug damit, postuliert sie selbstbewusst die Neuinterpretation ihrer Rolle. In Abreu vereinigen sich auf besondere Weise zugleich Kraft sowie eine höchst ätherische Ausstrahlung. Wie Hamlet ist auch sie nicht weiter gewillt, die Gesellschaft, wie sie ist, zu akzeptieren. Die Einzige, der nicht bewusst ist, dass die Generation nach ihr die Welt anders aufstellen möchte, als das Patriarchat es bislang tat, ist Gertrude, Hamlets Mutter.

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HAMLET – DANS LES PLIS DU TEMPS • Hamlet – in den Falten der Zeit (Foto: Simon Gosselin)

Servane Ducorps spielt eine matronenhafte Ehefrau und vor allem Königin, deren Ehemann gerade verstorben ist. Sie kann und will sich offenbar nichts anderes vorstellen, als weiter in dieser Rolle zu agieren, auch wenn sie dies nun an der Seite ihres ehemaligen Schwagers tun muss. Man merkt, dass die Regisseurin mit Gertrude die wenigsten Berührungspunkte hat, denn sie bleibt in ihren Motivationen, bis auf jene des Statuserhaltes, blass und kann sowohl Hamlet als auch Ophelia weder emotional noch intellektuell das Wasser reichen.

Tom Adjibi (Güldenstern), David Houri (Rosenkranz), Tonan Quito (Polonius), Matthieu Sampeur (Claudius) und Loïc Corbery, der raffiniert zu Beginn geisterhaft in einem Video als Hamlets Vater eingespielt wird, bilden das männliche Ensemble. Sie alle durchschauen nicht, dass sie zwar nach wie vor an der Macht sitzen, diese aber in einer Art und Weise ausüben, die jeglichen Sinn für Moral vermissen lässt. Diese Männergesellschaft agiert wie eh und je: An die Macht kommen und an der Macht bleiben, koste es, was es wolle und seien es auch tausende Menschenleben. Einspielungen von kriegerischen Aktionen, wie sie derzeit in der Ukraine stattfinden, und bekannte Bilder aus jüngsten Überschwemmungskatastrophen sowie die Location selbst – ein großes Wohnzimmer mit offener Nobel-Küchenzeile und einem Blick durch imposante Glasfenster in den angrenzenden Garten mit altem Baumbestand, auch sie verorten Shakespeares Tragödie in unsere Zeit.

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HAMLET – DANS LES PLIS DU TEMPS • Hamlet – in den Falten der Zeit (Foto: Simon Gosselin)

Die Regisseurin verlangt viel von ihrem Ensemble, aber auch genauso viel von ihrem Publikum. Ohne das Original zu kennen, wird sich die eine oder der andere an so mancher Stelle mit dem Fortgang des Geschehens schwertun. Kundige jedoch dürfen sich an vielen neuen szenischen Uminterpretationen erfreuen. Dass der Text sprachlich zum größten Teil in seinem originalen Diktum bleibt, erzeugt sowohl Spannung als auch einen Brückenschlag über die Jahrhunderte hinweg. In Französisch und Portugiesisch vorgetragen und in Deutsch und Englisch übertitelt, bekommt er dennoch neue, interessante und bislang nicht gehörte Nuancen. Kurzweil bieten musikalische Einlagen, sowohl von Gertrude, als auch Hamlet. Hits von Sinéad O’Connor, Nina Simone oder Gilbert Bécaud untermauern das Gesagte mit Show-Atmosphäre und zugleich so manchem Augenzwinkern. Dass sich Hamlet an einer Stelle auch ein Wortspiel mit Omelette, dem Gericht aus aufgeschlagenen Eiern, gefallen lassen muss, gehört auch zum zeitgeistigen Witz, der an manchen Stellen die Tragik übertönt. Dies passiert auch immer, wenn Hamlet ihre Stimme wie Dark Vador erklingen lässt, sehr zum Entsetzen ihrer Familie, aber zum Gaudium des Publikums.

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HAMLET – DANS LES PLIS DU TEMPS • Hamlet – in den Falten der Zeit (Foto: Simon Gosselin)

Die aktuell übliche Referenz, im Theater auf das Theater selbst zu verweisen, auch sie fehlt bei Christiane Jatahy nicht. Der Einfall, Hamlets Familie und ihre Freunde Güldenstern und Rosenkranz auf der Bühne in ihrem goldenen Käfig als Schauspieltruppe auftreten zu lassen, ist amüsant. Trotz der vielen ungewöhnlichen Regieeinfälle oder besser wegen dieser Vielzahl springt der Funke des emotionalen Eingebundenseins nicht wirklich aufs Publikum über. Das Gefühl, dass sich die Regisseurin, wie man in Österreich sagt –  zu sehr zerfranst hat – kommt nicht erst am Schluss auf. Zu oft schwingen laut Meta-Ebenen mit, die vom Geschehen selbst ablenken und damit verhindern, dass einem das Schicksal der Menschen auch wirklich nahe geht.

Aber es gibt auch temporäre Ausnahmen. Clotilde Hesme, Isabel Abreu und in einem seiner letzten Auftritte auch Matthieu Sampeur als Polonius berühren mit ihrem intensiven Spiel dennoch. Letztgenannter überzeugt mit seinem aufbrausenden, fast schon körperlichen Angriff auf Hamlet, in dem deutlich wird, dass er dem Scharfsinn der Jugend und deren Forderung nach Wahrheit und Gerechtigkeit nichts entgegensetzen kann. Vielmehr flößt ihm dieser eine Angst ein, der er sich nicht mehr erwehren kann.

Die Koproduktion mit dem OdéonThéâtre de l’Europe aus Paris hinterlässt trotz aller Kritik, die man an der Regie anbringen kann, eine neue Sicht auf Shakespeares Tragödie. Nicht nur eine berechtigt weiblichere. Vielmehr zeigt Jatahy zwingend logisch, dass Hamlet eine Figur ist, die trotz höchster Reflexionsfähigkeit ihren inneren Trieben nicht entkommen kann, ja diese sogar bewusst gegen sich und die Gesellschaft einsetzt, einsetzen muss.

Das Publikum bedankte sich mit adäquatem Applaus: nicht überschwänglich, aber auch nicht geizend.

Seid lieb zueinander!

Seid lieb zueinander!

Wenn sich 832 Menschen in einem Raum zusammenfinden, bilden sie nach Kim de l’Horizon noch keine Gemeinschaft, sondern nur eine Zusammenkunft. 2022 gewann „Das Blutbuch“ von Kim sowohl den Schweizer als auch den deutschen Buchpreis – und das völlig zurecht. Sprachlich als auch inhaltlich überzeugte es dermaßen, dass es als Ausnahmeerscheinung in der Literatur der letzten Jahrzehnte gelten darf. Sowohl das Thema – die familiäre Geschichte einer queeren Person und deren Erkennen der vererbten Traumata als auch die sprachliche Umsetzung, in der sich Hochdeutsch mit Englisch und auch Schweizer Dialekten die Hand reichen, sind so fulminant gestaltet, dass eine dramatisierte Umsetzung mit gröbsten Herausforderungen zu kämpfen hätte.

"Blutstück" - Wiener Festwochen (Foto Diana Pfaffmatter)

„Blutstück“ – Wiener Festwochen (Foto Diana Pfaffmatter)

Die Regisseurin Leonie Böhm, bislang spezialisiert auf Literaturklassiker, ist klugerweise vielen Fallen, welche eine Bühnenfassung mit sich gebracht hätte, ausgewichen und hat gemeinsam mit Kim das „Blutbuch“ zu einem „Blutstück“ erweitert. Vincent Basse, Gro Swantje Kohlhof, Sasha Melroch, Lukas Vögler sowie Kim selbst fanden sich zu einem Team zusammen, das sich dem Text näherte und aneignete, aber in eigenständigen Passagen neu zusammensetzte und mit intensiver Körperarbeit zu einem anderen Ganzen werden ließ. Kim selbst eröffnete diesen Reigen im Bühnendunkel mit Glitzeroutfit und einem Lämpchen, assoziativ wie einst Diogenes, der damit auf der Suche nach einem „wahren Menschen“ war. Laut seinem intonierten Song, Robbie Williams möge zum Teil gnädig weghören – ist er aber auf der Suche nach der wahren Liebe, was im Grunde ja auch nicht viel etwas anderes ist.

Diese Suche bildet das Hauptthema der Inszenierung. Es ist eine Suche nach einem Gegenüber, dem man vertrauen kann, aber auch eine Suche nach dem eigenen Ich, das oft schwer zu fassen ist. Dabei geht es immer ‚political correct‘ zu. Die häufige Interaktion mit dem Publikum beginnt und endet immer mit der Frage „Ist, dir das recht, darf ich das mit dir machen?“ und schrammt dennoch in einigen Momenten, wenn auch ungewollt, knapp am peinlich Humorigen vorbei. Wenn Lukas Vögler sich anhand des Schuhwerks von Peter aus dem Publikum sich in dessen Körperwahrnehmung versetzt oder Kim Georg aus der 8. Reihe coram publico zu Solidarität verpflichtet, möchte man nicht in jedem dieser intensiven Augenblicke in deren Haut stecken. Letztere Aktion nimmt jene Empfehlung aus dem Erste-Hilfe-Kit auf, die einem einbläut, in brenzligen Situationen immer einen konkreten Menschen um Hilfe zu bitten und nie eine ganze Menge entpersonalisiert um Beistand anzuflehen. Und diese Empfehlung funktioniert auch in dieser Regieumsetzung. Das Publikum fühlt mit, sowohl mit Kim als auch mit Georg. Mission completed also.

Zwischen diesen beiden Szenen hat viel Lustvolles Platz. Auf der Bühne, ausgestattet mit Soft-Material wie bunten Tüchern und weichen Stein-Kissen (Zahava Rodrigo ), erklingt mehrfach chorischer Gesang mit Gitarrenbegleitung vom Ensemble. Gro Swantje Kohlhof brilliert mit einem Solo, in welchem sie den ersten Ritter, entstanden aus der Ursuppe, sowie die ersten weibliche Großmeere, wie Kim die weiblichen Ahnen im Blutbuch benennt, zum Leben erweckt. Dabei veranschaulicht sie, ausgestattet mit allen erdenklichen schauspielerischen Finessen, den vergeblichen weiblichen Kampf um eine ungewollte Geschlechterzuschreibung. Zugleich wird aber auch klar, dass aggressives, männliches Verhalten sich als menschliche Konstante im Laufe der Jahrtausende so etablierte, dass es in jedem und jeder von uns zu finden ist.

"Blutstück" - Wiener Festwochen (Foto Diana Pfaffmatter)

„Blutstück“ – Wiener Festwochen (Foto Diana Pfaffmatter)

Diese Aggressivität auszurotten und gegen einen liebevollen Umgang miteinander auszutauschen ist das Ensemble angetreten, aber auch, darauf aufmerksam zu machen, dass Personen jeglicher Geschlechtereinteilung ein Recht auf eine Wahrnehmung auf Augenhöhe all jener haben, die der CIS-Kategorie zugerechnet werden. Die Unbestimmtheit der Geschlechter kommt auch in den Kostümen von Mascha Mihoa Bischoff gut zum Ausdruck. Sie kombiniert männliche und weibliche Kleidungsstücke derart, dass sich daraus eine natürliche, ja wohltuende, nicht-binäre Ausstrahlung ergibt. Es ist schlussendlich das Thema queere Personen mit ihrer Verletzbarkeit und ihrem Wunsch nach Anerkennung sichtbar zu machen, welches den Abend rechtfertigt, denn: Postdramatisches Theater ist nichts Neues, genauso wenig wie ein gewisser Impro-Anteil im Geschehen oder der Einsatz von Fäkalausdrücken. All das wurde bereits in den späten 60ern und frühen 70ern an deutschsprachigen Theatern erprobt.

Ob sich Frauen ihr Wahlrecht erkämpfen mussten oder später ihr Recht auf ihren eigenen Körper – jenes Recht, das heute sogar in vielen Demokratien wieder zurückgeschraubt wird, ob es der Kampf um das Recht auf Homosexualität war, welcher den Diskurs der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts bestimmte oder jener aktuelle auf eine individuell determinierte Gender-Zuschreibung – immer zeigte sich ein Muster: Nur aufgrund des Einsatzes einiger weniger, ausgestattet mit dem Mut, ihre Geschichte öffentlich zu machen und persönlichen Angriffen zu widerstehen, kam und kommt es tatsächlich zu gesellschaftlichen Veränderungen, die sich judikativ und legislativ niederschlugen und auch zukünftig niederschlagen werden. Und dieses Aufzeigen, sowohl literarisch als nun auch auf der Bühne, gelingt Kim de l’Horizon auf überzeugende und zugleich unglaublich sympathische Weise.

Es mag eine Frage des Alters und der Erfahrung sein, welchen Widerhall diese Inszenierung in einem auslöst, wenn man sie künstlerisch betrachtet. Neue dramaturgische Ansätze lassen sich darin nicht finden. Sieht man aber von dieser Beurteilung ab und nimmt man die euphorische Publikums-Stimmung am Ende der Vorstellung auf, darf man Folgendes feststellen: Dem Team um Kim und Leonie ist es gelungen, das hochbrisante Gender-Thema so in Szene zu setzen, dass es – zumindest im geschützten Bereich des Theaters – auf größtmögliche Akzeptanz traf.

Klug, wie Kim ist, relativierte er jedoch am Schluss die Idee, dass aus der Zusammenkunft aller Leute im Saal an diesem Abend inzwischen doch eine Gemeinschaft geworden sei. Denn diese würde sich nun zumindest als eine Bakteriengemeinschaft erweisen, auch gegen den Willen jener, die sich von Beginn an jeglichen Gemeinschaftssinns verwehrt hätten. Welch clevere, zugleich jedoch auch ernüchternde Erkenntnis.

Kein Kaffee, dafür umso mehr Licht

Kein Kaffee, dafür umso mehr Licht

Ab und zu sind es kleine Events, die überraschen. Ein solches ist derzeit im „Festivalzentrum Hornig Areal“ zu sehen. Einem Gebäudekomplex, in welchem früher Kaffee geröstet wurde und das nun eine temporäre, kulturelle Zwischennutzung erfährt. Anlässlich des „Designmonat Graz“, das den Titel „What now!?“ trägt und in den Hallen rund um das Hauptgebäude angesiedelt ist, wird in der Schau „As found – Potenzial des Vorgefundenen“ ins ehemalige Haupthaus eingeladen.

The Space in Light Miribung Patrick und Hamedinger Philipp

The Space in Light – Miribung Patrick und Hamedinger Philipp

net. estat. primigeni.

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Hausmann Max und Ulbing Daniel

Studierende der Fakultät für Architektur an der TU Graz haben sich mit dem leer stehenden Gebäude beschäftigt und sein Innerstes sowohl nach ästhetischen als auch technisch-architektonischen Besonderheiten unter die Lupe genommen. Nach einer ersten Bestandsaufnahme wurden insgesamt acht Beiträge erarbeitet, die sich mit dem Thema von Gefundenem auseinandersetzen.

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Hinters Licht führen
Anagnostopoulos Robert und Höll Lena

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Chroma Crossing
Sebastian Schmidt und Dolores Miranda

So klein die Schau auch ist, so überraschend ästhetisch präsentieren sich die Arbeiten, die starke künstlerische Momente aufweisen. Weitab von architektonisch-mathematischen Tüfteleien bestechen die Werke durch ihre Schönheit, die mithilfe von Lichtinstallationen in den abgedunkelten Räumen perfekt zur Geltung kommen.

Rothenwänder Lena Sophia

The Frame – Rothenwänder Lena Sophia

Over Head Lay Kahr Lea Sophie und Ulbing Aldo

Over Head Lay
Kahr Lea Sophie und Ulbing Aldo

Dass sich das Gefundene normalerweise auf den Müllhalden von Graz wiederfindet, leuchtet ein. Hier aber werden einem alten Beamer, Glasfaserkabeln, Plastiknetzen oder kleinen Holzstäben neues Leben eingehaucht, das im wahrsten Sinn des Wortes verzaubert.

Die Kooperation des „designforum Steiermark“ mit der Grazer Hochschule bietet über die Win-win-Situation der beiden Institutionen hinaus noch weitere Vorteile. Neben der Projektarbeit selbst, in welcher die Studierenden in relativ kurzer Zeit ihre Projekte erarbeiten und abliefern mussten, ist es auch die neue Nutzung des Areals, dessen Baulichkeiten man nun erstmals einer Öffentlichkeit präsentiert. Die Nähe der Helmut-List-Halle verstärkt den Eindruck, dass sich der Bezirk Lend entlang der Achse der Waagner-Biro-Straße in einem starken Wandel befindet. Weg von einer reinen Industrienutzung hin zu einem Wohngebiet mit verstärkter, kultureller Infrastruktur.

Welch köstliches Spiel – Der Bürger als Edelmann entzückt in der Grazer Oper sein Publikum

Welch köstliches Spiel – Der Bürger als Edelmann entzückt in der Grazer Oper sein Publikum

Jean-Baptiste Lully und Jean-Baptiste Molière erarbeiteten während einer Spanne von sieben Jahren gemeinsam mehrere Ballettkomödien. Für diese neue Gattung kennzeichnend war die Auflockerung der musikalischen Beiträge durch schauspielerische. Eine davon, „Der Bürger als Edelmann“ versetzt derzeit in Graz sowohl das Opern- als auch das Theaterpublikum in Staunen. In einer Koproduktion der Oper Graz und des Schauspielhauses präsentiert sich das genreübergreifende Barockspektakel unter der Regie von Matthias Rippert als außergewöhnliches Vergnügen mit derber Sprache aber exquisiter Musik und einfallsreichem Tanz.

Hans Magnus Enzensberger hat den Text aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt, das Team um Rippert hat einiges daran verändert und sich auch einen neuen Schluss einfallen lassen. All jene, welche die Aufführung gesehen haben, oder noch sehen werden – dürfen sich rückblickend oder vorausschauend auf „viel Prosa“ freuen. Der reiche Bürger Jourdain träumt von seinem Aufstieg in den Adel. Reich an Geld, aber arm an Manieren, engagiert er Lehrer jeglicher Couleur, um sich das adelige „sawo a wif“ auch selbst zu eigen zu machen.

Der Bürger als Edelmann (Foto: Barbara Pálffy)

Der Bürger als Edelmann (Foto: Barbara Pálffy)

Sowohl sein Musiklehrer, der in unflätiger Manier über die Gesangsdarbietung seiner Schülerin herfällt, aber auch der engagierte Ballettmeister, der Philosoph sowie der Fechtlehrer sind in der Verwendung von Schimpfworten mehr als geübt. In der Hitze der Emotionen verfliegt das „savoir vivre“, wie man sieht, in jeder Gesellschaftsschicht im Nu. Da mag es so manchem Opernpuritaner die Schuhe ausziehen, letztlich erweist sich jedoch die Entscheidung, den Figuren keine Schönsprache aufzuerlegen, als goldrichtig.

Das Orchester, zusammengeschrumpft auf Barock-Größe, findet mit seinem Dirigenten Konrad Junghänel Platz nicht unter, sondern auf der Bühne, samt seinem „Holzding“ – wie Monsieur Jourdain das Cembalo unsachgemäß benennt. Tim Breyvogel zieht in dieser Rolle sämtliche Register, die einen guten Komödianten ausmachen. Seine erstrebte Verwandlung von einem Bürger in einen Edelmann, die man nicht müde wird höchst amüsiert zu verfolgen, macht unglaublich Spaß. Ob seiner Frau gegenüber aufbrausend oder manierlich auf einem Steckenpferd hopsend, ob sturzbetrunken oder verwundert in der Initiationszeremonie, die man an ihm durchführt, um in die höchsten Kreise aufgenommen zu werden – egal, welch emotionale Zustände er zeigen muss – er beherrscht sie alle aus dem Effeff.

Der Bürger als Edelmann (Foto: Barbara Pálffy)Dass das Ensemble des Schauspielhauses, das rund um ihn agiert, ebenso mit großer Freude dabei ist, in dem doch wesentlich größeren Haus als ihrem eigenen zu spielen, ist jeder und jedem einzelnen von ihnen anzumerken. Viele treten in Doppelrollen auf, die sie dank der Kostüme von Johanna Lakner auch bravourös unterschiedlich gestalten. Franz Solar glänzt als hinterlistiger Graf genauso wie als verprügelter Philosoph, Otiti Engelhardt mimt den gestrengen Tanzlehrer mit grauem Bart im scharfen Kontrast zur grazilen Lucile, der Tochter von Jourdain, Luiza Monteiro die singende Kompositionsschülerin und die sich in einem Lachkrampf schüttelnde Dienerin Nicole, Mario Lopatta glänzt als liebesleidender Cléonte und fränkischer Schneidermeister gleichermaßen, Oliver Chomik als dessen wortkarger Diener, sowie fordernder Fechtmeister, Luisa Schwab urkomisch als Baronin mit steirischem Dialekt und alles überragender Größe, Philip Imbach als Schrittschnittspezialist in Karl Lagerfeld-Manier, aber sächselnder Zunge. Sie alle stehen ihren singenden Kolleginnen und Kollegen gleichwertig zur Seite.

Anna Brull, Sebastian Monti, Franz Gürtelschmied, Euiyoung Peter Oh, Markus Butter und Wilfried Zelinka zeigen der Neureichengesellschaft die hohe Kunst des Gesanges. Ob auf einem Barhocker, am Bühnenrand direkt vor dem Publikum platziert, ob sich auf der festlichen Tafel rekelnd oder hoch in den Seilen schwebend, ob in Solo-Arien, Duetten, Terzetten oder Sextetten – sie alle waren am Premierenabend bestens disponiert.

Zwischen den Szenen vor und jenen nach der Pause, ist ein starker Bruch festzustellen. Wird, was die Kostüme betrifft, zu Beginn an die Vorstellungskraft appelliert, greift man nach der Pause ganz tief in die Theaterillusionsmaschinerie. Imitierte das Ballett anfangs noch mit Feinripphemden und weißen Unterhosen Schafe und Balletteleven, kann man sich im krassen Gegensatz dazu in den letzten Szenen an ihren Brokatgewändern mit Goldtressenbesatz gar nicht sattsehen. Naomi Bethke, Philipp Imbach, Nicolas Köhler, Isabel Edwards und Lorenzo Galdeman durften sich zurecht am langanhaltenden Applaus erfreuen. Mit der Choreografie von Louis Stiens, angesiedelt zwischen klassischen Ballettschrittfolgen und zeitgenössischem Tanz, hatten sie das Publikum von Beginn an auf ihrer Seite. Auch der Chor und die vermeintliche kaiserliche Entourage glänzen in herausragenden, rot-goldenen Kostümen mit fantasievollem Kopfschmuck.

Der Bürger als Edelmann (Foto: Barbara Pálffy)

Der Bürger als Edelmann (Foto: Barbara Pálffy)

In der Grazer Fassung wird Jourdain nicht wie im Urtext in die osmanische Herrscherklasse aufgenommen, sondern darf sich darüber freuen, der vermeintliche Schwiegersohn des jungen österreichischen Kaisers zu werden. Eine höchst humorvolle Idee, die noch dazu die Gelegenheit bietet, die Protagonisten in einer alemannischen Sprachverballhornung parlieren zu lassen. So wird der Bürger schließlich nicht zum türkischen „Mamamouchi“, sondern zum österreichischen „Hoderanimodaroda“, ausstaffiert mit einer Hochglanzritterrüstung, die das Publikum zu lautem Gelächter animiert. Auch die Idee, seinen Verführer als Professor Dumbledore-Verschnitt aus der Harry-Potter-Serie auftreten zu lassen, amüsiert köstlichst.

Die Frage, wie man den Stoff aus der Zeit Ludwigs des XIV heute auf die Bühne bringen kann, ohne Langeweile aufkommen zu lassen oder von einer Peinlichkeit in die andere abzurutschen, aber auch ohne jeglichen Anspruch auf historische Aufführungspraxis, diese Frage wird am Opernhaus in Graz eloquentest beantwortet. Man braucht dazu nicht nur die dementsprechenden Ensembles, sondern auch den Mut, frech und unkonventionell an das Thema heranzugehen. Dass daraus jedoch keine verkopfte, zeitgeistige Theater-Nabelschau geworden ist, ist höchst erfreulich. Zugleich macht es auch großen Spaß und Sinn, mit all dem aufzuwarten, was Oper und Theater kann. Witzige Dialoge, herzerwärmende Arien, Überraschungseffekte im Bühnenbild von Fabian Liszt und den Kostümen, sowie ein jung besetztes, sympathisches Ballettensemble.

Diese Mischung ergibt einen Abend, der außerhalb jeglicher Norm steht, zugleich aber tief verankert ist in jenen Erwartungen, die das Publikum liebt und für die es immer zutiefst dankbar ist: Unterhaltung, die es schafft, den Alltag vergessen zu lassen.

Europa, was es war und was es ist. Der Osten.

Europa, was es war und was es ist. Der Osten.

Unter der Gesamtleitung von Ed. Hauswirth, Johanna Hierzegger, Monika Klengel und Helmut Köpping erzählt das vierköpfige Ensemble – Juliette Eröd, Lorenz Kabas, Monika Klengel und Rupert Lehofer – seine Eindrücke von einer Reise in den Osten. Nach Warschau / Treblinka ging es, nach Cluj, Wrocław und Ostrava zu „Blind Dates“. Begegnungen, die geplant und nicht geplant waren, um sich dem östlichen Teil Europas auf ganz individueller Ebene zu nähern. Köpping – der Fünfte auf der Bühne, agiert als Fake-Pianist und Fake-Gitarrist und lässt dabei das Publikum in der Illusion, einer musikalischen Live-Begleitung zu lauschen. Solange, bis das Klavier zu rauchen beginnt und er neben dem weiterlaufenden Bühnengeschehen alle Hände voll zu tun hat, das Rauchmonster zu bändigen.

Blind date Ost • Theater im Bahnhof Graz (Foto: Johannes Gellner)

Blind date Ost • Theater im Bahnhof Graz (Foto: Johannes Gellner)

Perücken mit feuerroten Haaren, die rund um weit in den Hinterkopf ragende Glatzen sprießen, lassen alle als clowneske Gestalten erscheinen. Der Anblick bietet viele Interpretationsmöglichkeiten, die eindringlichste davon wahrscheinlich ist jene, dass das, was erlebt und aufgearbeitet wurde letztlich nicht mehr als eine erzählte Clownerie ist, nicht mehr als Treppenwitze im Leben jeder einzelnen Person. Multipliziert man diese Erlebnisse jedoch mit einer Zahl x wird klar: Was ein Häufchen Menschen aus Österreich im Osten und danach bei der Nachbearbeitung in Graz erlebt hat, worüber sie sich austauschten, was für sie unverständlich und was unerklärlich war, ist stellvertretend für unsere Gesellschaft zu verstehen. Zumindest für jenen Teil, der in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts geboren wurde und bereits auf mehrere Lebensjahrzehnte zurückblicken kann.

Blind date Ost • Theater im Bahnhof Graz (Foto: Johannes Gellner)

Blind Date Ost • Theater im Bahnhof Graz (Foto: Johannes Gellner)

Dennoch gelingt es, einzementierte Standpunkte zu vermeiden, das aktuelle Lebensgefühl mehrerer Generationen streiflichtartig zu erhellen und auch in jene Vergangenheit zurückzuschauen, die Europa bis heute schwer belastet. Rupert Lehofer ist derjenige, der offensiv jene Orte bereist hat, an welchen die Nationalsozialisten tausende Menschen ermordeten. Seine Aussage „das Weinglas habe ich nicht bedacht“, einer der letzten Sätze des Stückes, subsumiert sowohl jenes emotionale als auch reflexive Dilemma, die Dualität des Bösen und des Humanen im Menschen nicht gleichzeitig erfassen zu können. Bevor man jedoch mit ihm in den Abgrund der europäischen Seele blickt, darf man öfter herzlich lachen.

Wenn Monika Klengel ihr Date nachahmt, einen untersetzten Galeristen aus Ostrava, der sie gleich dreimal versetzt hat, klopft man sich vor Freude auf die Schenkel. Ebenso bei der Performance von Lorenz Kabas, der den Spuren des Theatermachers und Schauspielers Jerzy Grotowski in Wrocław (Breslau) folgte. Dabei genügt ihm ein unautorisierter Griff eines Kollegen zum Gemeinschaftskühlschrank, um sich bis auf die letzte Emotion zu verausgaben und schließlich ausgepowert am Boden liegenzubleiben. Juliette Eröd macht deutlich, dass auch noch ihre Generation an der Judenverfolgung zu tragen hat. Die Kasernierung und Auslöschung ihrer Ahnen sublimiert sie durch Fantasien von imaginierten Gasexplosionen.

Blind date Ost • Theater im Bahnhof Graz (Foto: Johannes Gellner)

Blind date Ost • Theater im Bahnhof Graz (Foto: Johannes Gellner)

Naturalistische Arbeiterskulpturen, eine Opernaufführung von My fair Lady in Cluj auf Polnisch, monumentale Denkmäler, eine Fahrt durch ein verschneites Land – all das, worüber erzählt wird, wird am Schluss auf eine Leinwand projiziert und erlebt dadurch einen Transfer vom Gedachten ins Erschaute. Wunderbar, wie rauschknarzend sich die aufrollbare Projektionsfläche mehrfach gebärdet und sich damit zugleich vom benutzten Objekt zu einem sich aktiv einbringenden Subjekt verwandelt. Herrlich auch die Idee, eine Videosequenz aus einem Restaurant parallel durch das Ensemble mitspielen zu lassen. Heike Barnard, Johanna Hierzegger, Christina Helena Romirer und Helen Thümmel trugen zur in mehrerlei Hinsicht passgenauen Ausstattung bei.

Blind date Ost • Theater im Bahnhof Graz (Foto: Johannes Gellner)

Blind date Ost • Theater im Bahnhof Graz (Foto: Johannes Gellner)

„Die Wahrheit lässt sich dramaturgisch nicht darstellen“ akklamiert Lehofer schon kurz nach Vorstellungsbeginn und tatsächlich kann man diesen Satz am Ende nur doppelt unterstreichen. Denn was ist Erdachtes, was real Erlebtes, was Gefühltes überhaupt und welchen Wert hat dies alles? Für wen hat welches Geschehen welches Gewicht, welche Auswirkung und können wir auch nur ansatzweise die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert verstehen? Juliette Eröds Hannah Arendt-Imitation, hoch oben auf einem Kühlschrank sitzend – auch diese Szene ist voll von sich widersprechenden Aussagen und damit zugleich jene eingedampfte Wirklichkeit, die uns an unserem Leben gleichermaßen verzweifeln und lachen lässt.

„Blind Date Ost – Europatrilogie Teil 1“ gehört zum Sehenswertesten, was in dieser Saison in Österreich an einer Theaterbühne gezeigt wurde, hat aber den Nachteil, dass es Suchtcharakter besitzt. Teil 2 und 3 werden vom Publikum wohl auch ohne das Zuckerl eines Gratis-Getränkes besucht werden, das man erhält, wenn man allen drei Aufführungen beigewohnt hat.

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