Warum Sie Tacheles lesen, hören und sehen sollten.
Tacheles ist ein Begriff, der aus dem Jiddischen stammt. “Tacheles reden” bedeutet, ohne Umschweife zum Kern des Themas zu kommen; wenn es sein muß, auch Unangenehmens direkt anzusprechen, ohne lange drum herumzureden. Wenn meine Eltern mich als Kind zu sich holten, um mit mir “Tacheles zu reden”, dann hatte ich ein flaues Gefühl im Bauch – und meistens wußte ich auch warum.
Dieser Blog entsteht aus der Motivation heraus, eine ganze Mischung von unangenehmen Gefühlen loszuwerden, die mich in den letzten Jahren beschlichen haben und sich zusehends verstärken. Gefühle wie Irritation, Ärger, ungläubige Verwunderung, aber auch jene, sich ohnmächtig zu fühlen und Mechanismen ausgeliefert sein, die nicht nur mir, sondern auch anderen Menschen nicht gut tun.
All diese Gefühle erlebe ich im Umkreis des aktuellen Kunstgeschehens. Manches mal als passive Betrachterin, Hörerin oder Leserin. Manches mal aber auch in Ausübung einer meiner Tätigkeiten im Kunstbetrieb als Schreibende, Kuratierende oder Vermittelnde.
Ich bin irritiert, wenn Ausstellungen didaktisch schlecht aufbereitet sind und den Besucher oder die Besucherin mit seinem/ihrem oftmals rudimentären Wissen sich selbst überläßt. Ich ärgere mich über schlecht ausgebildetes, überhebliches und unfreundliches Personal in Museen oder Galerien. Ich bin ungläubig verwundert ob der Lobhudelei über einen zeitgenössischen Künstler, dessen Werk aber nichts anderes als eine exakte bildnerische Wiedergabe der Geschichte “Des Kaisers neue Kleider” darstellt. Ich fühle mich ohnmächtig, wenn Ausstellungsrezensionen – vor allem in regionalen Medien, aber auch in vielen überregionalen – sich auf eine elegische Beschreibung und dümmliche Beklatschung des Ausgestellten beschränken, ohne Bezugnahme auf etwaiges Epigonentum, fehlende Sachkenntnis in der Materie oder schlichtweg künstlerische Selbstüberschätzung. Dies alles gilt selbstverständlich im übertragenen Sinne auch für andere Kunstgattungen, wie dem Theater, dem Film, dem Konzert und der Oper.
In diesem Blog möchte ich einerseits auf Mißstände wie oben genannte hinweisen – also “Tacheles reden” – unzensiert und ohne Rücksichtnahme auf persönliche oder wirtschaftliche Interessen. Andererseits sollen aber auch Aktionen, Unternehmen, Ausstellungen, Konzerte oder schlichtweg einzelne Personen mit Applaus vor den Vorhang geholt werden, wenn sie diesen in meinen Augen verdient haben.
Dem kulturellen Geschehen der Europastadt Straßburg, frz. Strasbourg, in der ich im Moment lebe, ist der Schwerpunkt dieser Seiten gewidmet. Dennoch schaue ich gerne auch über die Grenzen nach Deutschland und Österreich, aber auch in die Schweiz.
Ich möchte meine Kritik im Sinne des altgriechischen kritiké verstanden wissen. Als Kunst der Beurteilung, basierend auf Wissen und nicht als Freude daran, mit der Ätzpistole des geschriebenen Wortes Menschen zielgerichtet zu treffen.
So habe ich hier im Laufe der letzten Jahre eine Plattform entstehen lassen, die einerseits dazu dient, aus meiner subjektiven Sicht aufzuzeigen, was sich in der Kulturszene auf einer schiefen Ebene befindet. Schiefe Ebenen haben kraft des physikalischen Gesetztes der Schwerkraft die Tendenz, das auf ihr Befindliche leicht ins Rutschen zu bringen. Und nur “Tacheles reden” kann im Laufe der Zeit Abhilfe schaffen und die schiefen Ebenen ab und zu wieder in gerade zurückverwandeln – so zumindest meine unerschütterliche Hoffnung, gespeist aus einem angeborenen Optimismus. Andererseits möchte ich Ihnen aber auch gerne Empfehlungen weitergeben, sich etwas anzusehen, etwas zu lesen oder zu hören, was die Mühe des Sehens, Lesens und Hörens auch lohnt.
Vorweg noch eine Warnung: Wenn in Ihnen nun das Gefühl hoch gestiegen ist, sich hier in ein warmes, reaktionäres Kunstnestchen setzen zu können, von welchem aus sich trefflich alles Vergangene loben und alles Zeitgenössische kulturpessimistisch verdammen läßt, werden Sie enttäuscht werden. So sehr mein Herz auch an der Kunstgeschichte hängt, so sehr sind meine Emotionen außer Rand und Band, wenn es gilt, aktuelle Kunst als erkenntniserweiternd, unglaublich spannend und somit mitteilungswürdig zu beurteilen.
Aber lassen Sie sich überraschen, und kommen Sie immer wieder einmal vorbei, um, nachdem Sie “Tacheles gelesen” haben, selbst zu urteilen – im Sinne des altgriechischen kritiké,
Ihre
Michaela Preiner
Die Übersetzung ins Französische wurde mir dankenswerterweise vom Bureau Franco-Allemand zur Verfügung gestellt.
Kulturtermine aus Straßburg finden Sie hier










