Samstag, 31. Juli 2010

Edvard Munch und das Unheimliche

Edvard Munch Angst, 1894 Öl auf Leinwand 94 x 74 cm Munch-museet, Oslo © The Munch Museum/The Munch Ellingsen Group/VBK, Wien 2009

Am 18. Jänner endet im Leopold Museum in Wien die Ausstellung „Edvard Munch und das Unheimliche“. Drei Monate lang durfte sich das Publikum beim Anblick von Werken Edvard Munchs aber auch von James Ensor, Arnold Böcklin, Gustave Moreau, Giovanni Piranesi oder Francisco de Goya – und mit dieser Aufzählung sind noch lange nicht alle vertretenen Künstler genannt – leichte Schauer über den Rücken rieseln lassen.

„Das Unheimliche“ als Überbegriff für Grauen und Schrecken jeder Art, bot dazu den thematischen Leitfaden. Ob Albträume, gewaltsame Todesarten, Schreckensvorstellungen oder unheimliche Sagengestalten – das Panorama an künstlerisch ausgedrückten Vorstellungen unheimlicher Phänomene spannte einen breiten Bogen. Edvard Munchs Bilder „Angst“, „Das Geschrei“, „Die Pubertät“, „Das kranke Kind“, „Madonna“, „Der Vampyr“ und „Selbstportrait in der Hölle“, das an das schonungslose Selbstbildnis als Halbakt Richard Gerstls aus den Jahren 1904/1905 erinnert, bestimmten dabei den Hauptraum der Ausstellung.

Edvard Munch Selbstporträt in der Hölle, 1903 Öl auf Leinwand 82 x 66 cm Munch-museet, Oslo © The Munch Museum/The Munch Ellingsen Group/VBK, Wien 2009

Diese intensive Aneinanderreihung ließ auch eine schöne Auseinandersetzung mit Munchs stilistischen Mitteln zu. Sein auf den ersten Blick „ungekünstelter“ Einsatz von Farbe, entpuppte sich gerade in Zusammenhang mit den gezeigten spannungsgeladenen Arbeiten als bewusstes Kalkül. Die aschfahle Haut des an Syphilis erkrankten Kindes oder sein eigener, schwefelgelber Körper, mit dem er sich in der Hölle präsentiert, sind nur zwei Hinweise darauf, dass er Farbe als psychologisches Transportmittel einsetzte. Auch im Bildnis „Die Angst“, die von gelb-rot-grünen Wolken umwoben wird, wird deutlich, dass es dem Künstler vor allem mit Hilfe der Farbe gelang, angstbeladene Emotionen auf die Leinwand zu bannen, aber zugleich auch beim Publikum zu wecken. Edvard Munchs Position zum Thema Schrecken ist unter all den gezeigten jene, die auch heute noch am stärksten dazu angetan ist, beim Betrachten der Bilder selbst von unguten Gefühlen heimgesucht zu werden. Das mag wohl daran liegen, dass sich seine Ängste aus grundsätzlichen Lebensthematiken wie der Bedrohung durch den Tod oder einer pathologischen Auseinandersetzung mit Sexualität speisen. Siegmund Freuds Theorien rund um den Thanatos, dem Todestrieb, die er zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte, manifestieren sich gerade in den gezeigten Werken von Munch besonders.

Angelo Morbelli Erstickt ! – Teil I und Teil II, 1884 Öl auf Leinwand 159 x 199,5 cm / 160 x 98 cm Fondazione Guido ed Ettore de Fornaris, Galleria d‘Arte Moderna e Contemporanea, Torino Privatsammlung

James Ensors mit Masken verhüllter Grauen wirkt dagegen leicht, locker und flockig und so manch andere Position wie Alfred Kubins surrealistische Geistwesen oder Max Klingers bildgewordene Zwangsvorstellungen erscheinen demgegenüber nur als blasser Schatten jener Gefühle, die Munch imstande war zu beschreiben. Der gewaltsame Tod durch Menschenhand steht auch heute nach wie vor als Angstvorstellung noch hoch im Kurs, vielleicht ergreift das Bild „Erstickt“ vonAngello Morbelli aus dem Jahr 1884 deswegen noch derart.

Wohl aufgrund der grauenvollen Thematik und Wiedergabe zweier lebloser Körper am rechten Bildrand, wurde dieses in zwei Teile geschnitten. In einen linken Bildteil, der ein mit Blumen übersätes Interieur zeigt, und den rechten, in welchem auf die Bluttat selbst verwiesen wird. Ein täglicher Blick in die Zeitungen macht klar, dass todbringende Familiendramen bis heute leider auf der kriminalistischen Tagesordnung stehen und somit zumindest eine diffuse Angst davor in vielen Menschen vorhanden ist.

Theodor Kittelsen Waldtroll, 1906 Gouache, Graphitstift und schwarze Kreide auf Papier 36,3 x 28,1 cm The National Museum of Art, Architecture and Design, Oslo

Im krassen Gegensatz zu zeitgenössischen Gruselinstanzen, wie dem Genre des Horrorfilms, spielte sich das Unheimliche im Museum Leopold völlig unbewegt auf  vielen graphischen Blättern ab. Neben so bekannten Künstlern wie Francisco de Goya oder Max Klinger waren auch Arbeiten von Theodor Kittelsen vertreten, der als Entdeckung der Ausstellung gelten kann.

Seine illustrativen Blätter „Der Waldtroll“ von 1906 oder „Der Nock“ – ein Wassergeist, verweisen auf eine frühe surrealistische Position, die sich ganz eigenständig im nördlichen Europa herausbilden konnte. Das große, in der Ausstellung gezeigte Werkspektrum mit Bildern,die zwischen dem Ende des 18. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts geschaffen wurden, evoziert vor allem  die Erkenntnis, dass jede Epoche ihre eigene Vorstellung vom Unheimlichen entwickelt hat. Waren es im 18. und 19. Jahrhundert hauptsächlich geisthafte Wesen und Krankheiten, denen man schutzlos ausgesetzt war und die landauf, landab deswegen Schrecken verbreiten konnten, so hat sich das Bildvokabular unserer Zeit diesbezüglich komplett verändert. Persönliche Ideen von unheimlichen Wesen gibt es zwar nach wie vor, doch hat sie der Mensch hinausgedrängt, weg von unserem Planeten hin ins Weltall, in dem es, glaubt man der Filmindustrie, von Aliens aller Art nur so wimmeln soll. Aber das wäre eine andere Geschichte, pardon – Ausstellung.

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