
Vik Muniz, Double Mona Lisa, 1999 Confiture et beurre de cacahuètes, Cibachrome, 126 x 158 cm © ADAGP, Paris, 2009
Ausstellungen über Fotografie gehören nicht gerade zu den publikumsträchtigsten Kulturereignissen. Wohl, weil sie sich meist an ein schon geschultes Fachpublikum wenden und einen bestimmten Aspekt einer Schaffensperiode eines Künstlers oder einer Künstlerin zeigen. Nicht so in der Schau “La photographie n´est pas l´art” – „Fotografie ist keine Kunst“, die derzeit im MAMCS, im Museum moderner und zeitgenössischer Kunst in Straßburg gezeigt wird. Unter diesem Titel, unter dem 1937 ein Buch mit einem Manifest von Man Ray und André Breton über Fotografie veröffentlicht wurde, tummeln sich Werke von so bekannten Größen wie dem eben genannten Man Ray, aber auch Henri Cartier-Bresson, Brassaï, Dora Maar, Paul Strand, Bernd und Hilla Becher, Candida Höfer, Joseph Kosuth und und und…Die gezeigten Arbeiten stammen alle aus dem Besitz des Sammlers Sylvio Perlstein, von Beruf Diamantenhändler und zwischen Brasilien und Belgien ständig hin- und herpendelnd. Perlstein gilt als sehr zurückhaltender Mensch, offen nur Künstlern und gut bekannten Galeristen gegenüber, mit denen ihn oft jahrelange Freundschaften verbinden.

Dora Maar (Henriette Markovitch, dit), Chaise miniature, circa 1934, Épreuve argentique 23,8 x 29,7 cm, © ADAGP, Paris, 2009
Die Straßburger Ausstellung, die zuerst in Belgien, im Musée des Beaux-Arts d´Ixelles gezeigt wurde, bietet einen Querschnitt durch die Sammlung Perlsteins, die insgesamt ca. tausend Stücke umfasst. An die 200 Fotografien, die in Kontrast zu einigen Objekten gesetzt wurden, verdeutlichen die Schwerpunkte Perlsteins Sammelleidenschaft. Mit Surrealismus, Dada, Minimalismus, Konzeptualismus aber auch Videokunst hat sich der Sammler auseinandergesetzt. Es sind aber ganz und gar nicht nur große Namen, die sich in Perlsteins Besitz befinden. Vielmehr tummeln sich darin auch Schätze gänzlich unbekannter Künstlerinnen und Künstler. Ihr Ankauf ist alleine dem Auge und dem Geschmack Perlsteins verpflichtet, was sehr schön zeigt, dass er sich auf seinen Geschmack verlässt und von Einflüsterern wenig zu halten scheint. Um einen anschaulichen, ja sinnlichen Parcours zu schaffen, haben die Kuratoren der Ausstellung diese in 6 Sektionen unterteilt. Körper, Objekte, Räume, Wörter, Szenen, sowie Masken und Gesichter sind sie betitelt und beinhalten jeweils sich ergänzende oder auch kontrastierende Werke zu diesem Thema. Wie ganz von selbst, erhält man beim Durchschreiten der Räume einen wunderbaren Überblick über die Entwicklung der Fotografie im 20. Jahrhundert. In ihr, und das sieht man besonders gut in dieser Ausstellung, verzahnt sich die Fotografie mit der bildenden Kunst ab der Mitte des vorigen Jahrhunderts derart, dass die Übergänge, vor allem in der Postmoderne, so fließend sind, dass man nicht mehr beurteilen kann, zu welchem Genre man nun eigentlich bestimmte Bilder zählen möchte. Als Beispiel wären die Arbeiten von Vik Muniz zu nennen, dem jungen Brasilianer, der fleißig Anleihen an der Kunstgeschichte nimmt. Mit Lebensmitteln, wie Marmeladen oder Erdnussbutter, gestaltete er zum Beispiel zwei Porträts der Mona Lisa und schafft dabei gleichzeitig einen augenzwinkernden Verweis auf Andy Warhol. Aber auch die direkte Überschreitung der Technik der Fotografie durch die Hinzunahme verschiedener Kunstobjekte oder Diaprojektionen und Filmwiedergaben zeigen klar, wie sehr die Fotografie ihre Verankerung in der Kunstproduktion gefunden hat und nicht mehr ersetzbar erscheint. Die sehr gut komponierte Ausstellung bietet in all ihren Sektionen viele Querverweise, da sich viele Werke gegenseitig auch stärken, erklären und ergänzen. Sie ist damit auch wie geschaffen für eine eigene, ganz persönliche Interpretation und Präferenz verschiedener Arbeiten, ja ganzer Stile. Dass, wie immer bei den großen Ausstellungen im MAMCS, ein schöner Katalog begleitend erschien, der sämtliche gezeigte Werke vereint und in Englisch zur Übersetzung gelangte, ist für alle MAMCS-Kennerinnen und Kenner ohnehin klar. In Ergänzung dazu empfiehlt sich noch die kleine, aber feine Schau „D´un regard à l´autre“ – Von einem Blick zum anderen – in dem es ebenfalls einen Querschnitt zu sehen gibt. Aber nicht eines Privatsammlers, sondern aus dem Fundus des MAMCS selbst. Mit frühen, aufrüttelnden Dokumentationsbildern aus dem Jahr 1870, die die Zerstörung Straßburgs nach der Eroberung Wilhelms zeigen, beginnt die Schau und endet mit zeitgenössischen Arbeiten meist französischer Provenienz. Eine versteckte, aber gelungene Gegenüberstellung wurde mit den Daguerreotypien des 19. Jahrhunderts vorgenommen, zwischen denen neue von Patrick Bailly-Maître-Grand platziert wurden. Er kann getrost als Entdeckung dieser Schau gefeiert werden, denn seine klitzekleinen lyrischen aber technisch hochkomplexen Arbeiten sind es Wert, ganz genau betrachtet zu werden.
Fazit: Zwei gelungene Ausstellungen, für die man sich ruhig viel Zeit nehmen sollte.











Facebook
Twitter
RSS